Despotie und Wirtschaft

Schlecker Warum wir uns über Demokratiedefizite wundern und in despotischen Diktaturen arbeiten
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Erdogan. Trump. Putin. Die Presse ist voll Despoten und Dikatoren, Feinden der liberalen Demokratie. Wer sich aber über unrechtstaatliche Herrschaftspraxis in anderen Ländern beschwert, lässt die eigentlichen Alleinherrscher außer acht: Die deutschen Unternehmer.

Denn wer in Deutschland ein Unternehmen aufbauen und über Leben und Schicksal seiner Mitarbeiter herrschen möchte, muss außer Startkapital und den Formalitäten der Gewerbeanmeldung nichts mitbringen. Es darf geherrscht werden - solange man sich an die Gesetze hält.

Diese lassen Unternehmern reichlich Spielraum, wie man an Anton Schlecker sieht. Oder Martin Winterkorn. Oder Josef Ackermann. Oder oder oder...

Idiotentest für Unternehmer?

Der Führerschein berechtigt zum Führen einer Waffe, dies wurde zuletzt zumindest vom OLG Berlin so gesehen. Die psychologische Eignung zur Führung eines Kfz wird vom Fahrlehrer und Fahrprüfer beurteilt und kann, bei begründeten Zweifeln, in der MPU überprüft werden.

Unternehmer hingegen können im Rahmen geltender Gesetze psychischen, krankmachenden Druck ausüben, schwerwiegende Fehlentscheidungen treffen die hunderte oder tausende Existenzen vernichten, legal Sicherheiten für die Zeit nach dem Untergang ihres Imperiums beiseitelegen und, nach einer "Wohlverhaltensperiode", ihr Treiben von neuem beginnen. Ganz legal.

Die Demokratisierung der Wirtschaft ist gescheitert

Betriebsverfassungsgesetz, Betriebsräte, Tarifverträge? Immer mehr Unternehmen in Deutschland können solche Möglichkeiten der Mitbestimmung problem- und folgenlos umgehen. Insbesondere in den Branchen, wo sich die Mitarbeiter auch aufgrund fehlender Bildung und mangelnder Sprachkenntnisse gar nicht wirksam wehren können, herrscht Willkür und Gutsherrenart. Nicht nur bei Schlecker, sondern in Reinigungsunternehmen, bei Paketzustellern, in der Gastronomie, in der Medienbranche und noch so vielen Branchen mehr.

Es wäre wünschenswert, wenn sich, vielleicht auch im Rahmen des allgemeinen Schulzhypes, wieder Arbeitnehmer für die Wahrnehmung ihrer Mitspracherechte interessieren. Nicht ducken und nicken, sondern aufstehen und Rechte einfordern. Fehlentwicklungen ansprechen können, ohne das sie Konsequenzen fürchten müssen. Selbst für eine würdige Arbeitsnehmerexistenz im Unternehmen sorgen dürfen. Entscheidungen mittragen können.

Wollen wir mehr Demokratie wagen?

08:54 10.03.2017
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Geschrieben von

schumporat

Autor, Texter, Leser, Redakteur, Techniker
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