Käuflichkeit & Inkompetenz: Am Ende gibt es dann Tote

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Ich möchte als Allererstes in dieser Kolumne den Angehörigen und Freunden der Toten mein tief empfundenes Beileid aussprechen und allen Verletzten eine baldige und vollständige Genesung wünschen. Worte sind hier nur schwach und genügen nicht.

Der Sorge um die Hinterbliebenen und Verletzten folgt auf dem Fusse die Sorge darum, dass sich derlei nicht wiederholt. Dazu ist es nötig, die Ursachen zu analysieren.

Der Zustand Deutschlands, der Zustand des CDU-Staats erinnert mehr und mehr an Shakespeares Macbeth. Oder auch an Nietsches "Macht, nicht Wahrheit". Gestern sind in Duisburg 19 Menschen auf grauenvolle Weise zu Tode gekommen, fast 350 weitere jungen Menschen wurden zum Teil lebensbedrohlich verletzt.

Und was tun die Verantwortlichen? Treten ohne jedes Schuldbewusssein vor die Kameras und verkünden, sie hätten alle richtig gemacht. Ach wirklich? Ja natürlich. Die jungen Menschen haben sich nicht so aufgeführt wie Rentner mit Pflegestufe 2 und das war für die vergreiste Politkaste dieses Landes - auch hier in vorderster Front die CDU - natürlich nicht vorhersehbar.

Es kamen 1,4 Mio Menschen zur Loveparade, ein paar mehr als gewöhnlich. Geplant wurde mit einem Platz für 350 000. Dass so viele Menschen wie immer zur Loveparade kommen würden, und noch ein paar mehr: Für die Duisburger Stadtspitze nicht vorhersehbar. Und noch ein bisschen Strömungsphysik dazu:

Es kann höchstens eine Schrittgeschwindigkeit von 2 km/h unterstellt werden. Für eine Schrittgeschwindigkeit von 2 kmh benötigen Erwachsene rund 1 m² Platz. Bei einer Tunnel-Breite von maximal 25m können somit rd. 50.000 Besucher pro h gefahrlos Einlass finden. Das ergibt bei 500.000 Besuchern 10 h, bei den tatsächlichen 1.400.000 eine Zeit von 28h.

Und noch mal: Das ganze auf einem Gelände, das mit 500 000 Menschen schon gemeingefährlich überfüllt war.

Was waren letzendlich die Auslöser für diese nicht im Ansatz nachvollziehbare Planung? Es waren drei: Profitgier, Kontrollsucht und die galoppierend um sich greifende Inkompentenz der politischen Klasse.

Profitgier war der Grund, warum es ein abgezäuntes Gelände sein sollte - damit der Verkauf brummt, sich niemand selbst versorgen kann und die Geschäfte auf dem Festgelände eine Monopolstellung sicher hatten.

Kontrollsucht, weil dieses Konzept den Konserativen gefallen musste, ein Konzept des Zwangs und der Alternativlosigkeit. Denn der Konservative, das haben wir mit wissenschaftlicher Gewissheit gelernt, ist dumm. Oder sollte ich sagen: Der Dumme ist, aus Mangel an intellektuellen Alternativen, konservativ. Und da sitzt er nun, der dumme Konservative und versteht die Welt nicht und das Wenige, was er versteht, macht ihm Angst. Und damit diese entsetzliche, bohrende Angst aufhört, will der Konservative Verbote. Jede Menge Verbote. Und so viel Kontrolle, wie geht. Nur dass kein Verbot und keine Kontrollmassnahme ihn von seiner Angst befreit. Deren Ursache ist nämlich nicht die Welt draussen, sondern die Dummheit im Innersten des Konservativen, in seinem Kopf.

Was nun die politische Klasse angeht: Verantwortungslosigkeit, Inkompetenz und Grössenwahn scheinen bei der CDU nicht als Fehler zu gelten, sondern als Kernqualifikationen. Wie Menschen hierzulande in politische Ämter finden und was diese Personalpolitik mit mit den Erfordernissen der realen Welt zu tun hat, durften wir im Herbst 2008 in exemplarischer Weise beobachten:

Ein mit dem Amt des Bundeswirtschaftsminsters von Anfang an völlig überforderter Müllermeister, nennen wir ihn Glos, tritt am Höhepunkt der grössten Wirtschaftskrise seit 70 Jahren zurück - wahrscheinlich der nobelste und verantwortungsbewussteste Schritt seiner Karriere. Was tut also die CDU/CSU an dieser Stelle? Sucht man nach dem Besten für diesen anspruchsvollen Job, in dieser einzigartig schweren Zeit? Weit gefehlt. Die Kernqualifikationen für das Amt des Bundeswirtschaftsministers in der - nochmal - grössten Wirtschaftskrise seit 70 Jahren waren a)Mitgliedschaft in der CSU und b) Zugehörigkeit zum Bezirk Oberfranken.

So funktioniert die MacBethsche Machtmaschine CDU: Das Land kommt zuletzt. Als erstes steht die Macht der Partei, als zweites kommt die Ausgewogenheit der innerparteilichen Strukturen, dann kommen die Punkte 3-99, bei denen gerne auch mal Geld fliesst, und dann, eventuell, kommen das Land und seine Bürger.

Wenn man sich das vor Augen hält, dann kriegt man ein Gefühl dafür, wie die Herrschenden in Duisburg auf ihre Stühle gekommen sind und warum sie fest daran glauben, alles richtig gemacht zu haben.

Was übrigens in besonderer Weise an MacBeth erinnert in Deutschland, sind die drei Hexen mit ihren Einflüsterungen. Hier und heute haben diese Hexen Namen: Liz Mohn, Änne Burda, Friede Springer. Deren Politik, die Informationsgesellschaft mit ihren deformierten Scheinnachrichten in die Irre zu führen und mit einer Propagandaschlacht immensen Ausmasses, wo sich die Sozialpornos bei RTL&SAT1 mit der hetzerischen Berichterstattung von Bild&Co die Klinke in die Hand geben, die Bürger gegeneinander aufzuhetzen, macht die CDU - Herrschaft der Inkompetenten zu einer unentrinnbar scheinenden Tragödie.

Und wie es bei Tragödien so ist, sterben am Ende Menschen, aus den bekannten Gründen.

[PostScriptum: Während ich dies hier schrieb, veröffentlichte EVa Braum, äh, Herrmann einen Artikel zum selben Thema beim Kopp-Verlag. Einen so peinlichen mist, dass er mittlerweile im original nict mehr online ist. Und da Lothar de Misere sein "digitales Radiergummi" noch nicht durchgesetzt hat, kann man frau Herrmanns erbärmliches Geschmiersel hier => bit.ly/aKideg nachlesen. Zum Kotzen]

[PPS: Da das Thema aufkam, hier noch mal 2 links zum Thema Konservativismus & Intelligenz =>

www.sueddeutsche.de/wissen/iq-und-politische-einstellung-konservative-sind-weniger-intelligent-1.13440

www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,680956,00.html

]

[PPPS: Eine wissenschaftliche analyse der Tunnelsituation: www.wissenslogs.de/wblogs/blog/fischblog/verhaltensforschung/2010-07-25/loveparade-ungl-ck-in-duisburg-war-der-eingang-gro-genug]

13:11 25.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

schwarzbart

Seit 35 Jahren Computerkid, und Weltenbummler, Koch, Jazzer, Autor. Und neuerdings Parteimitglied. Rückschlüsse auf meinen Nick sind ausdrücklich erwünscht.
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