Schwarmintelligenz 2.0 – piratige Parteiarbeit von innen

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"Das dunkle Volk der flatternden Plejaden // Huscht wie ein Fledermäuse-Schwarm dahin. // Der Wagen zieht auf seinen dunklen Pfaden // Stumm fort und ohne Last seit Urbeginn." Stefam Heym

Als das 21. Jahrhundert, als Frühchen gleichsam, aus dem Ende des kurzen, gewalttätigen 20. Jahrhunderts entstand, machte ein Buch über seltsame Schleifen und Selbstreferenzialität von sich reden. In jenen Tagen in den späten 80ern, als sich das 20. Jahrhundert verabschiedete, wie es 1914 begonnen hatte, mit dem Kollaps einer Weltordnung, herrschte allenortens reges Interesse am ersten Buch eines amerikanischen Wissenschaftsphilosophen, Douglas R. Hofstadter mit dem Titel „Gödel, Escher, Bach“.

Zum Personal dieses kurzweiligen Parforceritts durch die wissenschaftsphilosophischen Hervorbringungen der klassischen Moderne, gehörte eine Ameisenkolonie namens „Tante Colonia“. Tante Colonia wurde eingeführt als Metapher auf das menschliche Hirn – als Ansammlung zellulärer Automaten (Ameisen oder Neuronen), welche zwar eine kommunikationsfähige Intelligenz hervorbringen, die sich ihrer Erzeugungsstruktur selbst aber nicht bewusst ist. Der bewusste Denkprozess ist entkoppelt von dem Wissen oder der Wahrnehmung um das Feuern von Neuronen, so wie Tante Colonia nicht weiss, dass sie letztlich aus Ameisen besteht.

Hofstadter konnte noch nicht wissen, wie sich, wenig später, das Internet zum globalen Nervenzentrum ausbilden würde, eine Entwicklung, die die fähigsten Köpfe der internationalen Forschergemeinde eben so wenig vorhergesehen haben, wie CIA, BND oder Mossad den Zusammenbruch des Ostblocks. Die späten 80er waren wohl keine besonders vorausschauende Zeit.

Heute, zwanzig Menschenjahre – und, wie man sagt, sieben mal so viele Internetjahre – später, habe selbst die älteren Netaktiven fast völlig vergessen, wie die Welt war vor dem Netz, ohne das Netz. Und nicht genug, nun kommt auch noch eine neue, junge, energiegeladenen Partei in die Welt und sie kommt, quelle surprise, aus dem Netz.

Die Piratenpartei in Deutschland wurde 2006 gegründet und bis zur Europawahl 2009 de facto nicht beachtet. Seitdem ist nichts mehr wie vorher und selbst der Hamburger Oberbürgermeister will von uns Piraten lernen. Da hat er sich aber ordentlich was vorgenommen.

Reden wir, im Zusammenhang mit einer politischen Partei, ausnahmsweise mal nicht über Politik. Reden wir über Kommunikation. Reden wir über Technik. Reden wir davon, wie sich undingliche, virtuelle Kommunikationskanäle und -orte durchdringen mit den Menschen, die sie benutzen, wenn nicht leben,

Reden wir darüber, wie Piraten miteinander umgehen und arbeiten. Da gibt es viel zu lernen, Herr von Beust, selbst ich kam zu neuen Einsichten und lernte neue Software kennen. Und ich mach dieses IT-Zeugs nun seit 38 Jahren.

Die Mutter aller piratischen Kommunikation ist das Wiki. Ein Stück Software, das so grossartige Projekte wie die Wikipedia, Wikibooks oder Wikiqute ermöglicht hat. Am Anfang ist das leere Blatt... Dieser Anfang liegt lang zurück und das Piratenwiki mit seinen frei editierbaren Seiten und Einträgen beschreibt ziemlich jeden Punkt der Entwicklung und der Arbeit in der Partei. Auch wenn es mittlerweile das Gerücht gibt, dass der Mossad die Aktivierungscodes der israelischen Atomwaffen im Wiki der Piratenpartei versteckt, weil er sicher sei, dass sie dort niemand findet: Diese Meldung ist stark übertrieben. Tatsächlich findet sich – spätestens nach Nachfrage bei Wiki-Erfahreneren – alles wieder.

Der beste Freund des Wikis ist der Chat. Jaja, der „gute, alte“ klassische Internet-Chat – hier zeigt sich, dass er zu unrecht als zeitstehlende, sinnfreie Schwatzbude verunglimpft wird. Nicht, dass es nicht seitenweise dadaistische Text-Artefakte zu bewundern gäbe, mitunter. Aber wenn's darauf ankommt, ist der Piratenchat ein Ort, an dem immer ein paar Gleichgesinnte anzutreffen sind, mit denen man gemeinsam Probleme lösen kann. Es hat dreier Piraten und dreier Tage, des Chats und des Wikis bedurft, um auf Grundlage des juristisch vor sich hin mäandrierenden deutschen Parteiengesetzes eine hieb- und stichfeste Satzung für die Wahl der Direktkandidaten zu bauen und wer Zeuge dieses beindruckenden Vorgangs war, weiss, wie funktionerende Kollaboration in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts aussieht.

Und was man im Chat nicht besprechen kann, darüber muss man nicht schweigen. Wenn wichtige Besprechungen anstehen, dann versammeln sich alle Beteiligten im mumble. Und das ist nicht die Studentenkneipe neben dem Audinax. Mumble ist ein freier Konferenzserver mit Clients für jede Plattform, auf deutsch: Sie installieren ein Progämmchen namens Mumble auf ihrem Rechner und die grossen Jungs, die schon im Tiefen schwimmen können, haben schon längst einen eigenen Mumble-Server installiert, auf einem Rechner irgendwo im Internet. Die Adresse dieses Rechners teilt man nun seinem Mumble-Progamm mit, verbindet seinen Rechner mit einem Headset (neudeutsch für eine Kombination aus Kopfhörer und Mikrofon) und kann schon mit seiner Peergroup den Lauf der Dinge per Telefonkonferenz betrachten. Und manchmal machen wir alles das gleichzeitig.

Und wenn alles getan ist dann gehen alle hinaus in die Welt und teilen mit, was sie gerade grossartiges auf die Beine gestellt haben, via Twitter, mit einem Tweetdeck, vorzugsweise.

Wenn Sie mit Mitgliedern der Piratenpartei sprechen, dann werden Sie immer wieder hören, dass Pragmatismus die Grundlage aller Piratenpolitik sei. Das beschreibt es richtig, aber nicht vollständig. Eine steigende Zahl von Texten und Projekten, die die Politik der Piratenpartei beschreiben, entstehen aus lösungsorientierten Schwarmintelligenzen heraus, die sich dafür fallweise konstituieren. Und die Zellen dieser Schwarmintelligenz sind weder Automaten noch Ameisen. Es sind Menschen wie du und ich, intelligente Menschen. Und der Schwarm weiss, woraus er besteht.

Schwarmintelligenz 2.0 halt...

16:24 02.11.2009
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Geschrieben von

schwarzbart

Seit 35 Jahren Computerkid, und Weltenbummler, Koch, Jazzer, Autor. Und neuerdings Parteimitglied. Rückschlüsse auf meinen Nick sind ausdrücklich erwünscht.
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