The week after.

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Die Welt - und ich meine: die ganze Welt - schaut seit einer Woche in den Abgrund und siehe! es ist wohlgetan und gottgefällig. Muss es ja, wo doch die US- Tea-Party-Bewegung so bibelfest ist wie kaum mal der Papst. Nach einem kurzen Wochenende des Nach-Luft-Schnappens oder vielmehr Hyperventilierens sind die Börsen wieder geöffnet und der Sturz ins Bodenlose geht weiter.

Was ist geschehen? Fangen wir vorne an. Ganz vorne. Die älteste Stadt, von der wir wissen liegt auf dem Gebiet der heutigen Türkei und ist so um die 12 000 Jahre alt. Und nach allem was wir aus den ausgegrabenen Ruinen herauslesen konnten, gab es dort einen Markt.

Es vergingen noch 5000 Jahre, bis zum Städtebau die Kultur der Schrift dazukam und einige der ältesten überlieferten Dokumente enthalten Marktordnungen. Es ist also nicht allzu kühn, zu postulieren, dass es zuvor, in den 5000 schriftlosen Jahren des Städtebaus, auch schon Marktordnungen gab, mündlich überliefert, naturgemäß.

Wenn wir also etwas aus unserer eigenen globalwirtschaftlichen Entwicklungsgeschichte eines herauslesen können, dann: Alle Märkte sind schon immer Regeln gefolgt. Regeln, die sagen, was die Verkaufsfläche kostet, wer wo steht, von wann bis wann an welchen Tagen verkauft wird und so fort.

Aber wenn es dem Esel zu wohl wird, dann geht er aufs Eis. Und der Anführer der eistanzenden Eselsbrigade war ein zweitklasiger Hollywood-Darsteller namens Ronald Reagan, der sich suggerieren ließ, das Leben sei wie in den Drehbüchern der Pferdeopern, an denen er teilhatte: Frei. Grenzenlos. Bewaffnet.

Und ausgerüstet mit den ideologischen Konzepten der Chikago-Boys, einer ethisch entkernten Bande von Wirtschaftstheoretikern, wurde in der Reagan-Ära das Feld bestellt, auf dem das Gift wuchs, das uns nun alle auszulöschen droht. Und das Motto der Cowboy-Präsidentschaft Reagans, kam, auch nicht von ungefähr, aus dem Mund eines richtigen Hollywood-Stars, Michael Douglas als Gordon Gekko: "Gier ist gut".

Nun sollte jeder, der sich auch nur vage mit dem Christentum befasst hat, klar sein, was dieser Satz ist: Eine Aufforderung zur Todsünde. Nicht so in den fundamentalistisch-bigotten USA. Hier schaffte es eine rechte Propagandapresse, gegen die zu jedem Zeitpunkt die Prawda erschien wie ein Hort der journalistischen Ethik, alles so umzudeuten, dass es quasi Christenpflicht wurde, sich der bewusstlosen Selbstbereicherung hinzugeben. Und natürlich waren moralisch integere Gestalten wie Thatcher, Kohl, Murdoch, Kirch & Co gerne und willig mit an Bord.

30 Jahre später, in denen die Pest des Neoliberalismus sich durch fast alle Gesellschaften des Planeten gefressen hat, stellen wir fest: Es verhungern mehr Kinder denn je, es sind mehr Menschen arm denn je, die Staaten sind samt und sonders ausser Stande ihre Aufgaben zu erfüllen, weil die götzendienstartige Wiederholung von Steuersenkungen sie an den Rand des Ruins und darüber hinaus getrieben hat.

Nur die Reichen sind in obszönster Weise ausschliesslich reicher und reicher geworden.

Und zum unguten Schluss dieser Gespenstergeschichte haben die Konservativen in den USA sich komplett aus der Politik verabschiedet und damit den Sturz der Märkte in Gang gesetzt. Die letzten Wochen haben jedem , der noch bei Bewusstsein ist, gezeigt, daß dieser Konservativismus auf nichts fußt als Paranoia, Dummheit, ethischer Verwahrlosung und der umfassendsten nur möglichen Verantwortungslosigkeit.

Die Welt braucht ihre Märkte. Und die brauchen Regeln. Die Soziale Marktwirtschaft war eines der besten Regelwerke, die es je gab. Seht euch an, was Kohl, Schröder und Merkel daraus gemacht haben und fragt euch: Ist dies noch das Land, in dem ich geboren wurde und in dem ich leben will?

Holen wir uns endlich zurück, was uns gehört: Das Land, seine Kultur und sein ethisch verantwortlicher Umgang mit Märkten. Und nehmen wir den Reichen wieder weg, was sie uns die letzten 30 Jahre gestohlen haben: Unser eigenes, selbstbestimmtes Leben.

In einer Sozialen Marktwirtschaft, die den Namen verdient und genau deshalb funktioniert.

www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/Der-rechte-Abschied-von-der-Politik/story/22710602

14:13 08.08.2011
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Geschrieben von

schwarzbart

Seit 35 Jahren Computerkid, und Weltenbummler, Koch, Jazzer, Autor. Und neuerdings Parteimitglied. Rückschlüsse auf meinen Nick sind ausdrücklich erwünscht.
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