FAQ Corona Epidemie —"verlangsamen" tut nicht

#StopTheSpread In Deutschland sind nun weitreichende Maßnahmen aufgrund des Coronavirus angelaufen. Reicht aber ein "verlangsamen" der Ausbreitung, oder ist Eindämmung notwendig?
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Warum die ganze Aufregung um den Coronavirus? Ist doch nur Fake!

Auch wenn es schwer zu begreifen ist, da es hier in Deutschland im wesentlichen noch unsichtbar ist, droht von der Ausbreitung des Coronavirus eine sehr große Gefahr. Im weiteren Verlauf wird näher darauf eingegangen warum. Generell ist das Problem: Eine Eindämmung gelingt entweder jetzt — oder vielleicht nie. Sicher ist: umso später, umso schwerer wird es die Ausbreitung einzudämmen.

Aber in Deutschland sind doch bisher viel weniger gestorben als in Italien — der Virus scheint hier also doch eher harmlos zu sein!?

Das wäre schön, ist aber ein Trugschluss. Für Krankheiten kann man sehr gut beschreiben, wie die Verläufe sind — welcher Anteil der Patienten welchen Alters eine leichtere, oder eben eine schwerere Erkrankung haben. Bei der “Tödlichkeit” einer Infektionskrankheit ist es schwieriger klare Aussagen zu treffen — wieviele Patienten sterben, hängt eben auch von der Behandlung ab. Übertrieben gesagt, in einer Höhle ohne Versorgung würden natürlich viel mehr Leute an einer Lungenentzündung sterben als bei perfekter Versorgung auf der Intensivstation. Ungefähr das war aber in Italien das Problem — das es nicht mehr genug Intensivbetten gab, um alle schwer Erkrankte zu versorgen.

Aber wir haben doch hier viel mehr Intensivbetten als in Italien, und durch das “verlangsamen” der Ausbreitung haben wir ja auch noch mehr Vorbereitungszeit?

Das stimmt beides. Und das hilft auch eine Weile lang, um die Tödlichkeit der Erkrankung niedrig zu halten (das ist auch mit ein Grund, warum die Todeszahlen in Deutschland noch so niedrig sind). Das dicke Ende kommt aber (leider) erst noch. Auch hier wird das Gesundheitssystem überfordert sein, wenn auch später. Und dann werden steigen eben auch die Todeszahlen.

Wieso? Wenn wir die Ausbreitung “verlangsamen”, wie es die Bundesregierung sagt, dann passt doch alles — dann gibt es zu keiner Zeit mehr schwerkranke Patienten als Intensivbetten!

So — rechnets Euch durch:

  • 80 Millionen Menschen in Deutschland
  • 60% Durchseuchung
  • jeder 20. Infizierte Intensivpflichtig — jeweils 3–6 Wochen lang!
  • 30.000 Betten (wir sehen mal davon ab das die über Deutschland verteilt sind, und nicht ohne weiteres die Dortmunder Patienten in Rostock behandelt werden können).

Also 30.000 mal 20 = 600.000 Infizierte — über einen Zeitraum von “etwa drei bis sechs Wochen” — und die Kapazitäten sind voll erschöpft.

Das heißt: — bei etwa 150.000 Neuinfizierten pro Woche, über einen Monat hinweg, ist das Gesundheitssystem ausgelastet, dann ist absolut Sabbat. Das kann, auch bei “verlangsamtem” aber eben dennoch exponentiellem Wachstum, unmöglich funktionieren!

Wieso was heißt dieses “Exponentiell” dingens?

Exponentiell heißt vereinfacht gesagt — die Zahl der Neuinfizierten verdoppelt sich jeweils über einen bestimmten gleichbleibendem Zeitraum — und ob dieser Zeitraum drei Tage ist, wie vor den Schulschließungen, oder jetzt aufgrund der anlaufenden Maßnahmen auf sechs, neun oder auch zwölf Tage gestreckt wird — es findet trotzdem eine Verdoppelung statt! Und das Doppelte von jetzt 4.000 bleibt 8.000. Und das doppelte von später eben 64.000 Neuinfizierten ist dann — “Verlangsamen” hin oder her — 128.000 !

Aber das kann doch gar nicht sein !

Wir sind es nicht gewohnt, dass Ereignisse die sich auf der “Weltbühne” abspielen, unser eigenes Leben direkt und heftig beeinflussen.

In der Psychologie gibt es ein Modell, dass beschreibt wie man bei schlimmen Ereignissen, von denen man betroffen ist, typischerweise fünf Phasen durchläuft. Die Erste davon ist die des “Nicht-wahrhaben-Wollen”. Da stecken im Moment noch — verständlicherweise — sehr viele Leute.

(Das Modell wurde von einer Frau Kübler-Ross entwickelt, und beschreibt für viele Menschen recht gut, wie sie auf solche Nachrichten reagieren).

Aber was können wir denn tun, mehr als die Ausbreitung zu “verlangsamen” geht doch nicht?

Es gilt jetzt mit aller Macht die Zahl der täglichen Neuinfektionen herunterzuschrauben. Und zwar auf ein Niveau das längerfristig gehalten werden kann (ergo z.B. die Kontaktermittlung rasch und ohne riesen Personalaufwand für jeden neuen Fall durchgeführt werden kann).

Das Gute: Wenn die Zahl der Neuinfektionen erst wieder unten ist — dann wird man das auch ohne die massiven Einschränkungen (die jetzt erstmal nötig sind) gehalten werden können!

Und was heißt das genau für mich?

Es wird vorallem erstmal notwendig sein, dass jeder Einzelne nach Möglichkeit wirklich alle sozialen Kontakte vermeidet (das gilt natürlich nicht für die Familie, die im selben Haushalt lebt! Da ist ein ganz normaler Kontakt völlig in Ordnung — und insbesondere für die Kinder — auch sehr wichtig). Davon ist die Rede wenn vom “social distancing” gesprochen wird. Es gibt weitere Maßnahmen, aber das ist die, die jeder direkt machen kann — auch wenn das natürlich eine sehr, sehr große Einschränkung bedeutet.

Dass das hilft ist vielfach belegt — z.B. : https://doi.org/10.1093/jtm/taaa020 oder

https://medicalxpress.com/news/2020-03-early-combined-interventions-crucial-tackling.html

Aber Herr Drosten sagt, dass eine Durchseuchung nicht verhindert werden kann, bzw. das die Ausbreitung vom Coronavirus nicht aufzuhalten sei !?

Das scheint tatsächlich Herr Drostens persönliche Einschätzung zu sein. Allerdings ist diese Einschätzung auf keinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Coronavirus selbst begründet — es gibt keine, die eine solche Aussage machen. Andererseits gibt es sehr wohl einige Veröffentlichungen von Epidemiologen, die Aufzeigen wie eine Eindämmung möglich sein könnte.

Aber wie soll eine Eindämmung denn möglich sein? Das Virus breitet sich doch aus wie Lauffeuer!

Die Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die an die Orte der Ausbrüche gehen und dort die Eindämmungsmaßnahmen beobachten, sagen das wir die Ausbreitung mit den entspechenden Maßnahmen in den Griff kriegen. Auch wenn eine völlige Auslöschung des Virus nicht möglich sein wird — Länder wie China, Korea und weitere haben gezeigt das eine Eindämmung bei geringen Zahlen von Neuinfizierten möglich ist. Darauf weist die WHO im Moment täglich hin!!

Aber nicht nur Herr Drosten, die ganze Bundesregierung und das Robert-Koch-Institut sagen doch das eine “Durchseuchung” nicht verhindert werden kann?!

Behörden können falsch liegen, oder auch in neuen Situationen erst falsch agieren. Im besten Fall räumen Sie das ein, oder ändern ihr Verhalten wenn der Fehler klar wird.

Generell sind Behörden relativ gut darin immer wiederkehrende Aufgaben zu erledigen. Unerwartetes kann einer Behörde allerdings Probleme machen. Leider gibt es genug Menschen, auch und gerade in Führungspositionen, die Fehler nur sehr ungern eingestehen. Und Einräumen, dass jetzt mit entschiedenem Handeln die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden kann, würde ja — für das RKI, wie für die Bundesregierung — heißen das eigene, bisherige Versagen einzugestehen.

Aber wenn die Regierung — aus welchem Grund auch immer — so einen Quatsch verzapft — daran kann ich doch nix ändern?

Doch, das “social distancing” kann von jedem einzelnen Vorangetrieben werden. Bei sich persönlich und durch das Helfen anderer.

Außerdem ist auch schon andere auf die Infos hier aufmerksam machen — seis durch weiterleiten, posten, oder ansprechen — auch schon eine riesen Hilfe!

Gut — gebongt: Ausbreitung verlangsamen, indem wir niemanden mehr groß Treffen. Das ist hart, aber das können wir. Außerdem das hier nach Möglichkeit weiterleiten. Gibt es noch was anderes was ich machen kann oder sollte?

Denke wir sollten alle acht geben, dass wir sowohl auf uns selbst, wie auf unsere Nächsten und Nachbarn, soweit wirs können, gut aufpassen. Ansonsten — wers hinkriegt — ist entspannen angesagt!

Eine Klarstellung auch noch: “social distancing” heißt nicht das wir keine Sozialkontakte mehr pflegen sollen — im Gegenteil! Nur eben am Telefon, oder auch über den Gartenzaun (mit ordentlich Abstand), und nicht von Angesicht zu Angesicht!

Muss ich jetzt Angst haben?

Das Einzige wovor ich Angst habe, ist das wir und die Regierung weiter nur halbherzige und verspätete Maßnahmen ergreifen, und den Ernst der Lage erst dann erkennen wenn es schon zu spät ist.

Mut und Sicherheit habe ich darin: Wenn wir und die Regierung jetzt sofort entschieden umsteuern, dann kriegen wir diesen Virus gebändigt. Was wir dafür brauchen ist den Elan und den Kampfgeist, der in Ländern an den Tag gelegt wurde, wo die Ausbreitung erfolgreich eingedämmt wurde: China, Korea, Singapur, und weitere!

Warum dieses FAQ

Weil mit jedem Tag, ja jeder Stunde in der nicht entschieden gehandelt wird, mehr Menschen unnötig auf der Intensivstation landen werden, mehr Menschen sterben werden, und die Gefahr wächst, dass eine Eindämmung nicht mehr möglich ist.

Wer bist du eigentlich überhaupt?

Denk das ist vom Prinzip nicht so wichtig — alles was hier dargestellt ist ist gut belegbar, bzw. erschliesst sich aus noch einer Prise gesunden Menschenverstand. Jedenfalls stell ich jedem frei diesen Satz Fragen und Antworten ohne jegliche Quellangaben weiterzugeben und abzuwandeln, zu übersetzten und sonstwas (mit Quellangabe und unverändert ist natürlich auch toll!).

Hinweis zu den Intensivbetten: Die Zahl die im Spiegel und anderen Medien genannt wird, ist 28.000 Betten. Allerdings sind derzeit davon wohl nur ungefähr ein fünftel nicht belegt! Für die Berechnung hier sind wir aber mal großzügig, und sagen das bei der “verlangsamter” Ausbreitung zwei Dinge passieren: Zum einen werden noch einige Intensivbetten wieder frei (vorallem weil die Patienten mit saisonaler Grippe wieder abnehmen). Zusätzlich können ja bis in ein paar Monate auch nochmal ordentlich Intensivbetten geschaffen werden. Als Grobschätzwert bleiben wir hier also bei den rund 30.000. (Auch die anderen Zahlen — bis auf Bevölkerung — sind aus dem Spiegel: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-kampf-gegen-ausbreitung-von-covid-19-jeder-tag-zaehlt-a-9c56b511-a31a-4bc8-bf0f-5a6e58b33bbc?utm_source=pocket-newtab )

19:03 15.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sean Scherer

Ich bin Biologe - und Politikwissenschaftler! Hab auf Lehramt studiert, aber eher eine andere Berufung.
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