RE: Die Armut wegplanen | 20.07.2016 | 10:22

Liebe Damen und Herren, da ich im oben stehenden Artikel direkt zitiert werde und mich der Autorin für ein Interview im Vorfeld zur Verfügung gestellt habe, möchte ich mir eine Gegendarstellung zu einigen der im Artikel präsentierten Punkten erlauben.

Unser Projekt „Rapid Planning –Sustainable Infrastructure and Environmental and Resource Management for Highly Dynamic Metropolises“ zielt darauf ab, eine Planungsmethode für städtische Infrastruktur zu entwickeln und zu testen. Diese soll trans-sektoral sein und integrativ. Dabei geht es ausschließlich um Ver-und Entsorgungsinfrastruktur, die oft zitierten „Basic Services“ Wasser, Sanitärversorgung, Energie und Abfallentsorgung. (Wir betrachten darüber hinaus noch "Food Systems".) Das Ziel, das wir damit verbinden ist, einen Beitrag zu leisten um die enormen Herausforderungen in Bezug auf Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert meistern zu können. Insbesondere der globale Süden verzeichnet ein Wachstum der Städte in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Dabei sind genau diese Städte aus verschiedenen Gründen oftmals am wenigsten in der Lange, die Herausforderungen auch zu meistern. Hier liefert unser Projekt und die deutsche Forschung einen wichtigen Beitrag.

Urbanisierung ist ein Fakt: Städte insbesondere in Afrika und Asien werden in den nächsten Jahrzenten weiter wachsen, sich mehr als verdoppeln. Die Frage ist nur wie? Die Alternativen, die sich ergeben sind geordnete Urbanisierung oder ungeordnetes Urbanisierung. Die vergangenen Urbanisierungswellen, z.B. im 19. Jahrhundert in Europa oder Nordamerika, haben allerdings gezeigt, dass geordnetes Wachstum von Städten dem ungeordneten Wachstum vorzuziehen ist, wenn es um die Lebensbedingungen der Stadtbevölkerung, hier insbesondere auch der Armen Bevölkerung, und damit das funktionieren der Städte geht. Die Lebensbedingungen sind dabei ein wichtiges Kriterium dafür, ob Städte nun als funktionierend oder nicht betrachtet werden können.

Es ist wichtig dabei zur Kenntnis zu nehmen, dass die makro-ökonomische Entwicklung von Ländern (und mithin die Verbesserung von Einkommen und Lebenssituation der Bevölkerung) wiederum stark durch das Funktionieren der Städte determiniert wird, d.h. funktionierende Verkehrssysteme, Zugang zu bezahlbaren Services (die oben genannten Sektoren) usw. Dazu gehört auch die Kompetitivität der Städte im lokalen, regionalen und globalen Vergleich; ihre Fähigkeit, wirtschaftliche Investitionen anzuziehen und diese für die Bevölkerung sinnvoll und nutzbringend anzulegen. Hier gibt es sicherlich viele negative Beispiele.

Insbesondere die junge Stadtbevölkerung in Entwicklungsländern unterscheidet sich aber in ihren Ambitionen überhaupt nicht von denen z.B. in Europa oder in Deutschland: Es geht um Lebensperspektiven, um Bildung, um Jobs, um soziale Sicherheit usw. Die Realisierung dieser Hoffnungen hängt dabei entscheidend davon ab, wie sich Städte in den nächsten Jahrzenten entwickeln, bzw. wie sie (aktiv) entwickelt und geplant werden. Jetzt nicht zu handeln, hieße der globalen Ungleichheit, ein weiteres Entwicklungs- und Strukturproblem hinzuzufügen. Ungeplante Städte sind nicht nur eine aktuelle Herausforderung sondern insbesondere auch ein „development problem in the making“.

Sicherlich ist unser Projekt dabei kein Allheilmittel. Wir hoffen aber im Rahmen unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten, einen Beitrag durch Forschung & Entwicklung leisten zu können. Die Verbesserung des Zuganges zu bezahlbaren Services ist nicht nur ein globales Entwicklungsziel, sondern auch ein notwendiger Teil der Armutsminderung. Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit kann dabei nur über vernünftige Planung und entsprechende Investitionen gewährleistet werden. Soweit vielleicht die „innere Logik“ unseres Ansatzes.

Lassen Sie mich jetzt vielleicht noch auf einige konkrete im Artikel genannte Punkte eingehen, da sich sonnst ein falsches Bild ergibt.

Assiut: Wir arbeiten nicht nur in Assiut/Ägypten sondern auch in Da Nang (Vietnam) und in Kigali (Rwanda). Wir arbeiten auch eng mit der Stadt Frankfurt in Deutschland zusammen, die das Projekt als „reference city“ begleitet. Damit bilden wir vergleichend (durch "observer cities") auch die globalen Räume Nordafrika und Arab States, Südostasien, Subsahara-Afrika und OECD ab (wenn Sie Frankfurt mit einbeziehen wollen). Das Entstehen von informellen Siedlungen in Assiut (wie in anderen Städten), ist nicht das Ergebnis von Stadtplanung, sondern Ergebnis der Dysfunktionalität oder der Abwesenheit selbiger. Planung funktioniert in diesen Städten nur unzureichend, ob nun trans-sektoral oder sektoral!

UN-Habitat: Das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen ist nur einer von insgesamt 15 Forschungspartnern, die aus Deutschland und den Partnerstädten kommen. Es handelt sich dabei also um ein großes Verbundforschungsprojekt finanziert durch die Bundesregierung, welche in der Tat die Summe von 13 M Euro über fünf Jahre „lockermacht“. Damit werden 100 Personenjahre Forschung finanziert, was das Projekt vergleichsweise preiswert erscheinen lässt. Verglichen mit dem Bundesforschungsetat von 2017 (17,6 Mrd Euro für ein Jahr) würde das Gesamtvolumen unseres Projekt rein rechnerisch ungefähr nur 0,00073% ausmachen. Global sollte wohl viel mehr in Forschung & Entwicklung zu diesem Thema investiert werden!

Was Rapid Planning als Forschungsprojekt leisten kann: Wir erheben als Forschungsprojekt nicht den Anspruch „für saubere Umgebung, Wasser, Strom sowie die Ver-und Entsorgung“ zu sorgen. Wir wollen Methoden aufzeigen und testen, wie dies schnell und kosteneffizient durch die Städte und ihre Partner bewerkstelligt werden kann; schnell genug, um mit „Rapid Urbanisation“ schritthalten zu können. Dabei wollen wir allenfalls das Prinzip Nachhaltigkeit „zum Standard machen“. Dies als „Kapitulation“ (vor dem Problem ?!) oder mit „Armut wegplanen“, wie in Ihrem Artikel zu bezeichnen, ist doch wohl ein Missverständnis!

Mit Rapid Planning versuchen wir allerdings auch, eine Planungsmethode zu entwickeln, die die Kapazitätsengpässe in den Stadtverwaltungen, wie von Herrn Altrock angesprochen, berücksichtigt.

Armut, Entwicklung und Investitionen: Meine Überzeugung ist es, dass unser Projekt einen Beitrag durch Forschung leistet, der Städte in die Lage versetzt, die Herausforderungen durch Slums, Informelle Siedlungen und städtische Armut zu meistern. Planung ist eine notwendige aber sicher keine hinreichende Voraussetzung dafür. Um diese Herausforderungen zu meistern braucht es neben einer vernünftigen Umsetzung auch Investitionen in die Infrastruktur, welche in der Realität meist durch sogenannte Entwicklungsbanken, wie die Weltbank, die AfDB, die ADB, die IADB, die GEF, neuerdings auch den Green Climate Fund usw. usw. (in Deutschland z.B. durch die KfW) getätigt werden.

Da es im Moment kein globales Äquivalent zu Instrumenten wie dem deutschen Länderfinanzausgleich (oder dem EU Äquivalent) gibt, stellen Entwicklungsbanken leider eine der wenigen Möglichkeiten da, Infrastruktur in Entwicklungsländern zu finanzieren. Der Privatsektor investiert in den seltensten Fällen in städtische Infrastruktur im globalen Süden, um armen Bevölkerungsteilen z.B. Wasser und Sanitärversorgung zu ermöglichen. Diese kostet Geld und fällt eben nicht vom Himmel; und die betroffenen Städte können sie sich selbst kaum leisten oder sie entsprechend planen.

Dabei ist natürlich richtig, dass in vergangenen Jahrzenten, Menschen immer wieder durch große Infrastrukturprojekte, wie Staudämme oder Ähnliches vertrieben wurden. Wir beziehen uns mit Rapid Planning aber auf städtische Infrastruktur. Das eine hat mit dem anderen direkt nichts zu tun und es wird niemand durch verbesserte städtische Infrastrukturplanung vertrieben.

Ob sich nun die Weltbank oder andere Entwicklungsbanken dabei von neo-liberalen Prinzipien leiten lassen, ob sie dabei immer im Sinne der armen Stadtbevölkerung vorgehen oder inwieweit die Bedingungen der Mittelvergabe an Empfängerländer immer sinnvoll und in ihrem Sinne gerecht sind, möchte ich hier nicht meiner Beurteilung unterziehen.

Abschließend kann ich natürlich dem Herrn Altrock nur beipflichten, dass „es wichtig ist, dass gerade für die Wasser- und Stromversorgung eine realistischer Nutzenbeitrag errechnet wird“, etwas das man vielleicht als „pro-poor development“ oder „affordable access“ bezeichnen kann und ein Prinzip das UN-Habitat sei je her propagiert.