Der Fantasy-Roman wird 60

Jogis Tagebuch 17 Heute berichtet Jogi, wer der Maulwurf im deutschen Lager ist und warum er seinen Spielern die Lektüre der Bildzeitung empfiehlt. Außerdem hat er Alpträume
Der Fantasy-Roman wird 60
Illustration: der Freitag

Samstag, 23. Juni

Der Sieg der Spanier gegen Frankreich ärgerte mich. Auf einmal kam mir unser Triumph gegen Griechenland so minderwertig vor. Die Spanier waren nicht höher gesprungen, als sie mussten. Wir aber hatten alle Karten auf den Tisch gelegt. Wir hatten mit all unseren Kanonen auf Spatzen geschossen.
„Hast du je eine Mannschaft gesehen, die mit einem so großen Desinteresse ein Spiel gewonnen hat?“, fragte ich Hansi abends vor dem Fernseher. „Ballbesitz als purer Selbstzweck.“
„Wollen wir nicht lieber die erste Folge von Lothars Doku-Soap gucken?“, fragte Hansi, „Tom Bartels‘ Stimme macht mich schon wieder total müde.“
„Kommt doch erst morgen.“
„Aber ich schlafe glei…“
Ich blickte zur Seite. Auch Busfahrer Wolfgang schnarchte bereits, dabei hatte er bloß zwei Flaschen Wein geleert.
Nur ich konnte nicht einschlafen. Ich hatte Angst.

Das erste Mal fiel es mir heute Morgen auf. Nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, war das Bild der sackähnlich jubelnden Merkel noch immer auf meiner Netzhaut eingebrannt. Ich ging ins Bad und wusch mir die Augen mit Seife aus. Das half nur einigermaßen. Fürs Halbfinale musste ich sie irgendwie davon überzeugen, nicht ins Stadion zu kommen. Denn sonst würde dieses Bild nie mehr verschwinden.

Es klopfte an der Tür. Ich öffnete. Mein Briefträger aus Freiburg drückte mir eine Zeitung in die Hand und ging weiter. Ach ja, die Jubiläums-BILD. Da hatte ich ja beim Frühstück etwas zu lesen, was nicht so schwer im Magen lag. Die Jungs von Diekmann ließen hier ja ohnehin jeden Tag eine Palette abwerfen, damit wir Boateng nicht selbst fragen musste, was er in der Nacht zuvor wieder angestellt hatte.

Die Öffentlichkeit geht ja davon aus, dass mein Verhältnis zur BILD ein angespanntes ist. Besonders, weil die ja immer die ersten sind, die irgendwelche Aufstellungen lange vor Anpfiff in der Welt verbreiten. Im aktuellen Fall habe ich selbst übrigens die Aufstellung ausgeplaudert, damit die Welt noch mehrere Stunden vor dem Anpfiff Zeit hatte, meine Änderungen zu bewundern. Während des Spiels ging es den Fans ja doch wieder nur um die Tore.

Um das einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist falsch, dass ich irgendetwas gegen die BILD habe. Ich sehe das sportlich und habe Respekt, weil sich deren Schnüffler wirklich alle Mühe geben. Ich vermute, dass die jeden Angestellten in unserem Mannschaftshotel mit einer Kamera und einer Dauerüberweisung ausgestattet haben. Es gab auch schon Tage, an denen haben sich Journalisten als Oliver Bierhoff und Niersbach verkleidet, die Tarnung fiel nur auf, als die echten auftauchten. Die Fälschungen sahen allerdings besser aus. Bei einigen Spielern habe ich sogar den Verdacht, dass sie hauptberuflich Journalisten und nicht Nationalspieler sind (Gündogan, Höwedes, wer sind diese Leute?). Sie klettern auch auf jedes Dach, verstecken sich im Gepäckfach des Mannschaftsbusses, seilen sich von Gott weiß woher ab. Und das nur, um herauszufinden, welches Haarspray Mario Gomez benutzt oder wie viele Eier Schweinsteiger zum Frühstück isst.

Und wenn ihnen die Realität zu langweilig ist, und dafür können sie schließlich nichts, schaffen sie sich ihre eigene Realität. Die BILD hat denselben Reiz wie ein Fantasy-Roman. Es ist eine Welt voller Orks und Drachen und epischen Schlachten. Wenn man sich erstmal darauf eingelassen hat, kommt es einem völlig wahr vor.

Andere Journalisten lästern ja gerne über die Zeitung, aber was haben sie dem mit ihren grauen Blättern entgegenzusetzen? Überschriften wie „Uns stoppt keiner“ lesen die Leute, auch ich, einfach viel lieber als „Deutschland im Halbfinale“, und wenn es eben ganz viele Wortspiele mit Griechenland gibt, dann will ich die auch alle lesen. Die Konkurrenz hat ja auch längst eingesehen, dass der Boulevard regiert, und schreibt nun auch über Spielerfrisuren und –tattoos. Gebt den Lesern, was sie lesen wollen, nicht, was sie lesen sollen.

Wenn einer meiner Spieler einen väterlichen Rat von mir möchte und wissen will, welche Tageszeitung er lesen soll, empfehle ich ihm immer die BILD. Denn die BILD stellt das eigene Weltbild nicht in Frage. Die Spieler sollen nicht denken „Ach, im Nahostkonflikt sterben auch Palästinenser“, „Ach, die Griechen sind auch Menschen“, „Ach, die Welt geht gar nicht in 30 Jahren durch einen Monstermeteoriten unter“. Zweifel sind nicht gut, denn Zweifel beschäftigen den Kopf, in dem die Spieler aber nur den Fußball haben sollen.

In meinem Kopf war am Ende des Tages leider immer noch Merkel. Ich musste das noch vor der Geisterstunde klären und rief sie an.
„Frau Merkel, Sie sollen wissen, Sie liegen uns sehr am Herzen. Alle hier sprechen in höchsten Tönen von Ihnen. Doch Europa hasst Sie.“
„Ach Herr Löw, das ist der Hass, der später in Liebe umschlägt, wenn man erkennt, dass die strenge Mutter Recht hatte.“
„Selbstverständlich. Wir lieben Sie ja. Aber wir fürchten im Stadion um Ihre Sicherheit. Es wäre deshalb für uns alle besser, Sie kämen nicht zum Halbfinale. Denn wir brauchen Sie doch unbedingt für das große Finale in Kiew.“
„Ich soll nicht ins Stadion kommen?“
„Es bricht mir doch auch das Herz.“
„Es ist so oh oh ohne dich und wenn du einsam bist, denkst du vielleicht auch mal an mich ..?“
„Frau Merkel?!“
„Ich heiße Angela. Für Sie auch Sweet Angie.“
„Tuut… tuut…tuut.“

Neue Alpträume ersetzen die alten. So ist das im Leben.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer.

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09:58 24.06.2012
Geschrieben von

Ausgabe 27/2020

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