Der Sohn des Tyrannen backt leckere Muffins (Lindberg 8)

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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel aus seiner Biografie. Diesmal zieht der Sohn des nordkoreanischen Diktators neben ihm ein.

November 2010 (IV)

Einmal klopfte es an der Tür. Ich öffnete, und ein Mann stand da. Er trug eine Mischung aus Hausmeisterkittel und Konfirmationsanzug und ein Doppelkinn von beeindruckender Hässlichkeit.
„Guten Tag, ich bin Kim Jong-un“, sagte er.
„Lindberg. Was wollen Sie?“
„Erkennen Sie mich denn etwa nicht? Ich bin der Sohn des großen Kim Jong-il, des Erfinders und Herrschers von Nordkorea und der Nachfolger seiner Herrlichkeit.“

Es war zu der Zeit, als Nordkorea noch keine amerikanische Kolonie war, sondern eine Diktatur, vor der sich die ganze Welt fürchtete.

„Klar, jetzt wo Sie es sagen… ich hätte es am Anzug erkennen müssen. Was machen Sie denn hier?“
„Ich bin Ihr neuer Nachbar.“
„Sie sind nach Berlin gezogen?“
„Klar, alle ziehen doch nach Berlin, weil es dort so cool ist. Mein Vater hat gesagt, bevor ich mein Volk unterdrücke, soll ich noch mal meine Jugend genießen.“
„Da sind Sie in diesem beschissenen Berlin genau richtig.“
„Das freut mich zu hören. Was ich Sie eigentlich fragen wollte: Haben Sie nicht Lust, zu einem kleinen Einweihungs-Kaffeekränzchen vorbeizukommen? Ich bin in der Familie für meine leckeren Schoko-Muffins bekannt.“
„Mmmm… ich möchte ehrlich mit Ihnen sein, Herr Jong-un. Ich bin ein Gegner Ihres Regimes und kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, mit Ihnen an einem Tisch zu sitzen.“
„Das verstehe ich, aber meine Muffins sind wirklich sehr gut. Sehr, sehr gut.“
„Dann geben Sie Ihrem Volk von den Muffins ab.“
„Wir können den Leuten doch keine imperialistischen Produkte zumuten. Also kommen Sie? Morgen Nachmittag um drei?“
„Mal sehn.“

Am nächsten Tag saß ich mit Frank, dem unmusikalischsten Musiker aller Zeiten, und Kim Jong-un über einem riesigen Stapel Schoko-Muffins. Die Neugierde hatte gesiegt.
„Haut rein, meine Freunde“, sagte der Gastgeber.
Und das taten wir, und ich musste nach zwei Minuten gestehen, dass Kim Jong-un die besten Schoko-Muffins backte, die ich je gegessen hatte. Auch Frank stopfte sich den Mund voll, bis seine Backen groß waren wie Tennisbälle.

„Wirklich gut“, sagte ich, „wirklich ausgezeichnet.“
„Ich wusste, dass Ihr dem nicht widerstehen könnt. Zeigt Ihr mir dafür bald mal die Stadt?“
„Klar, machen wir“, sagte ich.
„Und ich könnte dir ein Lied vorspielen“, sagte Frank.
„Nein, Frank, das lässt du bleiben. Der culture gap, zwischen dem, was Kim Jong-un Musik nennt und was du Musik nennst, scheint mir zu groß.“
„Wann hast du eigentlich so gut backen gelernt?“, fragte ich.
„Ich bin ja in der Schweiz zur Schule gegangen. Da hatte ich als Nordkoreaner recht wenige Freunde. Also habe ich die Zeit genutzt, um mir Kochen und Backen beizubringen.“
„Warum machst du das nicht zu deinem Beruf?“
„Das kannst du dir ja denken.“
„Dein Vater ist dagegen?“
„Ja. Ich habe ihm einmal von meinen Plänen erzählt, da hat er vor Wut die südkoreanische Grenze bombardiert. Seitdem habe ich das Thema nicht mehr angesprochen.“
„Aber es ist doch das, was du machen willst, oder?“
„Klar, natürlich wäre ich lieber Bäcker als Diktator, aber was soll ich tun?“

Er begann zu schluchzen.

„Hey Kim Jong-un, nicht weinen. Vielleicht lässt sich dein Vater ja doch noch umstimmen.“
„Das kannst du vergessen. Er ist ein Idiot.“
„Was hältst du davon, wenn wir später einen richtig schönen Videoabend machen?“, schlug ich vor, „dann kommst du auf andere Gedanken.“
Sein Gesicht hellte sich auf.
„Au ja, einen richtig coolen Videoabend mit so richtig viel Chips, Popcorn und Action-Filmen.“
„Was meinst du mit Action-Filmen?“, fragte ich.
„Ich bin ein großer Fan von Jackie Chan und Jean-Claude Van Damme“, antwortete er.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“
„Doch, mein voller Ernst. Jackie Chan und Jean-Claude Van Damme sind die Helden meiner Jugend.“
„Die beiden sind die hohlsten Kampftrottel, die je eine Kinoleinwand betreten haben. Das ist sogar für die Massenkultur noch beschämend.“
„Was sagst du da? Hör‘ auf, so über die beiden zu reden.“
„Das ist hier ein freies Land. Ich rede, was und wann ich will.“

Frank sah mich mit einem Blick an, der mir nahelegte, nun besser nichts mehr zu sagen.

„Lindberg“, flüsterte er, „er ist der Sohn des nordkoreanischen Dikators.“
„Mir doch egal, wessen Sohn er ist“, rief ich laut aus, „auf jeden Fall ist er ein Schwachkopf.“
„Waaaas? Du verschwindest sofort aus meiner Wohnung“, schrie Kim Jong-un, „sonst ist das dein letzter Tag unter den Lebenden.“
„Und ich mach dir dein Leben zur Hölle“, sagte ich und wandte mich zu Frank: „Komm, wir gehen.“

Und dann machte ich ihm das Leben zur Hölle – und er mir.
Ich schmierte ihm Zahnpaste unter die Klinke seiner Haustür, er warf mir einen Hundehaufen in den Briefkasten. Ich hängte einen Zettel ans Schwarze Brett im Flur mit seinem Gesicht und den Zeilen „Dieser Mann trägt heimlich gebrauchte Damenunterwäsche“, er setzte eine Annonce mit meinem Namen und meiner Telefonnummer in die Zeitung, dass ich einen Lottogewinn an die ersten hundert Leute verteile, die bei mir nach Mitternacht an die Tür klingeln. Ich stellte ihm eine Tüte mit frischen Brötchen vor die Tür, in die ich vorher eine ganze Zoohandlung voller Vogelspinnen gesteckt hatte - und er verteilte Flyer im ganzen Haus, dass ich der letzte Anhänger der schwarz-gelben Minderheitenregierung sei.

Nun war er eindeutig zu weit gegangen. Er konnte mir ja vieles nachsagen, aber das nicht. Ich rannte in den Flur und hämmerte wütend an seine Tür.
„Sofort aufmachen, du größtes anzunehmender Penner aller Zeiten, sofort aufmachen.“
Die Tür ging auf und ich stürmte direkt gegen die Brust eines kleines Mannes. Er trug eine große Sonnenbrille und einen beigefarbenen Hausmeisterkittel. Ich erkannte ihn sofort, es war Kim Jong-il, Kim Jong-uns Vater und die Herrlichkeit Nordkoreas.

„Moment, junger Freund, wo wollen wir denn so schnell hin?“
Dann traten zwei nordkoreanische Soldaten aus der Küche in den Flur, sie trugen Maschinenpistolen.
„Ähm… also… ich wollte Ihrem Sohn nur das Waffeleisen vorbeibringen, das er mir ausgeliehen hat. Ich merke nur gerade, dass ich das vergessen habe. Ich bin gleich wieder zurück.“
Doch schon hatten mich die beiden Soldaten gegriffen.
„Nicht so schnell, junger Freund“, sagte Kim Jong-il, der in echt noch hässlicher war als auf Fotos.

Die beiden Soldaten führten mich ins Wohnzimmer, dort saß Kim Jong-un und grinste wie ein Achtjähriger, der eine Maus in einem Schuhkarton gefangen hat und sie nun in den Fluss werfen will.
„So, junger Freund, nun erzähl mir mal, warum du meinem Sohn das Leben so schwer gemacht hast? Und dann gehen wir möglicherweise auf eine lange Reise nach Nordkorea.“

Ich hatte das Gefühl, dass mein Leben bald eine eher unangenehme Wendung nehmen würde. Und mir fiel nichts ein, wie ich das verhindern konnte. Bis ich diesen Muffin sah, der auf dem Teller vor mir lag.
„Herr Kim Jong-il, wissen Sie eigentlich, dass Ihr Sohn weiterhin eine Karriere als Bäcker und nicht als Diktator anstrebt?“
„Was?“

Seine Augen wurden riesig groß.

„Ja, das er hat mir neulich noch erzählt. Dass Sie ein großer Idiot seien und er auf keinen Fall mehr irgendwas mit Ihnen zu tun haben wolle. Stattdessen werde er in Berlin Bio-Muffins backen.“

Er wandte sich zu seinem Sohn.

„Er lügt, Papa. Glaub ihm kein Wort.“
„Herr Jong-il, Ihr Sohn isst für sein Leben gerne Muffins und guckt amerikanische Action-Filme. Wollen Sie so einem wirklich glauben? Möglicherweise ist er ein Spion der USA.“
„Papa, der Kerl spinnt doch.“
„Sohn, sag die Wahrheit. Magst du mich nicht mehr?“
„Aber Papa, das ist doch Blödsinn. Ich liebe dich.“
„Er hat sich sogar überlegt, Levi’s zu kaufen, Herr Jong-il, richtige blue jeans. Er hat kein Bock mehr auf schwarz und beige.“
„Das reicht, ich habe genug gehört. Sohn, du kommst sofort mit mir. Und das mit dem Backen kannst du für immer vergessen.“
„Aber Papa, das kannst du mir nicht antun.“
„Sei still, du wirst mein Nachfolger und damit Schluss. Und morgen befehligst du einen Angriff auf die Grenze zu unserer südkoreanischen Kolonie.“
Er zerrte seinen Sohn am Arm aus der Wohnung. Dieser schrie und zappelte, aber er war noch schwächer als sein Vater. Die zwei Soldaten folgten ihnen. Irgendwann hörte ich seine Schreie nur noch leise im Treppenhaus, dann wurde es still.

Ich nahm den Muffin und schob ihn mir in den Mund. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum Menschen mit Vorliebe für Filme von Jean-Claude Van Damme so tolle Muffins backen können.

07:59 26.11.2010
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