Die Partys seines Lebens

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Ich lasse einen jungen Mann daran glauben, dass dieser seiner großen Liebe auf einer Party endlich seine große Liebe gesteht. Diesmal könnte es funktionieren.

Die Wohnungstür öffnete sich und Anna stand da und Paul wusste nicht, wohin er zuerst gucken sollte.
„Hi“, sagte Anna.
„Hi“, sagte Paul, „fertig für die Party?“
„Sofort. Willst du noch kurz reinkommen?“

Anna ging ins Schlafzimmer. Paul wartete im Flur. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie in einer Schublade herumwühlte. Bevor sie etwas herauszog, blickte er zur Tür. Eine Minute später stand sie neben ihm.
„Los geht's“, sagte sie.
„Los geht's“, sagte er.

Sie liefen die Stufen hinunter, Pauls Auto stand vor der Tür. Anna setzte sich auf den Beifahrersitz, und Paul dachte, dass sich noch nie jemand so auf den Beifahrersitz gesetzt hatte. Er legte eine CD ein und drehte die Musik auf. Als er den Wagen aus der Stadt lenkte, fühlte er sich, als habe er etwas gewonnen, was er sich nur noch nehmen musste. Sie fuhren zehn Minuten. Dann drehte Anna die Musik leiser.
„Was ist denn?“, fragte Paul.
„Gleich rechts“, sagte sie, „und dann das erste Haus.“

***

Paul stieg aus der Dusche. Die Luft legte sich kalt auf seine Haut. Er trocknete sich ab, stellte sich vor den Spiegel und wischte mit seiner Hand einen Streifen frei, bis er sein Gesicht sah. Er grinste seinem Spiegelbild zu, dann zeigte er mit dem Finger darauf und versuchte, möglichst lässig zu gucken. Er verkniff es sich, wie ein Bodybuilder zu posieren.

„Heute ist Samstag, heute ist mein Tag“, dachte er, ging ins Schlafzimmer und legte Franz Ferdinand in seinen CD-Player. Er zog Shorts aus einer Schublade und schlüpfte hinein. Mit seinem Lieblingssong im Ohr tanzte er auf seinem Bett, bis die Platte zum nächsten Stück wechselte. Dann ließ er sich auf die Matratze fallen.

Diese Party wird großartig werden, dachte er, diesmal wirklich. Anna. Anna. Er schloss die Augen. Anna.

***

Anna tanzt, als habe sie das Tanzen erfunden, dachte Paul. Und als könne niemand sonst mit dieser Erfindung umgehen. Schon gar nicht er. Trotzdem tanzte auch er und nach einer Weile musste er sein braunes Sakko ablegen, weil sein Hemd bereits auf dem Rücken klebte. Er lachte und Anna lachte zurück. Und die Musik und das Gefühl in ihm und die Leute und seine Körperteile, die manchmal eines ihrer Körperteile berührten. Alles passte zusammen.

„Mir ist warm“, sagte Anna, „sollen wir rausgehen?“
Paul nickte.
„Ich hole noch was zu trinken“, sagte er.
Als er nach draußen kam, saß sie bereits auf der Veranda. Er schloss die Tür, die Musik war kaum noch zu hören. Seine Hände zitterten ein wenig, als er ihr das Glas gab. Er setzte sich neben sie. Seine rechte Hand lag zehn Zentimeter neben ihrer. Er musste sie nur ein wenig zur Seite schieben. Eine einfache Bewegung. Der Mensch konnte das. Er konnte das. Aber seine Hand wog tausend Kilogramm.

Paul musste an seinen Job denken. Seitdem er vor zehn Monaten seinen Abschluss gemacht hatte, arbeitete er fünfmal pro Woche in dieser Bar, spülte Gläser, zapfte Bier, stellte die Stühle in der Nacht hoch. Bis sich etwas anderes ergab. Und etwas anderes würde sich schon ergeben.

Er merkte, dass Anna ihn ansah.
„Was meinst du dazu?“, fragte sie.
„Wozu?“
„Na dazu, dass Max sich heute so merkwürdig benimmt.“
„Echt?“
„Ja, den ganzen Abend schon. Und Simon auch.“
„Mm, ich weiß nicht.“
„Doch.“
„Anna?“
Er sah sie an und sie sah ihn an.
„Ja?“
Paul sog die Luft tief ein.
„Sollen wir wieder reingehen?“ fragte er.
„Okay.“

***

Paul lag auf seinem Bett und dachte daran, wie er Anna vor einem Jahr kennengelernt hatte. Der Seminarraum war voll, Paul zu spät und neben ihr war der einzige freie Platz. In den folgenden neunzig Minuten hatte Paul die Gewissheit entwickelt, dass Anna, von der er zu diesem Zeitpunkt nicht mal wusste, dass sie Anna hieß, dass also Anna niemals nach Ende des Seminars einfach den Raum verlassen konnte, ohne dass er sie zu einem Kaffee eingeladen hatte.

Sie verließ den Raum, ohne dass er sie zu einem Kaffee eingeladen hatte, aber weil der Professor sie in der Woche darauf in dieselbe Referatsgruppe steckte, kam Paul doch noch zu seiner Verabredung. Danach sahen sie sich Filme im Kino an, besuchten Konzerte, trafen sich in Kneipen, gingen auf Partys. Er sagte „Ich mag dich“, er sagte „Ich bin froh, dass ich dich kennengelernt habe“, er sagte „Du bist mir wichtig“. Was er eigentlich sagen wollte, sagte er ihr nicht.

Paul erhob sich vom Bett, ging ins Badezimmer und sprühte Parfüm auf seinen Hals. Aus dem Kleiderschrank holte er Jeans, ein weißes Hemd und sein braunes Sakko und zog sich an. Er fühlte sich unbesiegbar. Er würde dort hingehen. Er würde gut aussehen. Er würde tanzen. Er würde „Anna“ sagen und „du“ und „ich“ und „wir beide“ und er würde ihre Hand nehmen und dann wäre ohnehin alles andere egal.

***

Paul stoppte den Wagen vor ihrer Haustür. Er überlegte kurz, den Motor abzustellen, ließ es dann aber bleiben. „Also dann“, sagte Anna gegen das Brummen des Autos, „wir telefonieren.“ Sie beugte sich herüber und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Dann stieg sie aus. Als Anna im Haus verschwunden war, stellte er den Motor ab.

***

Bevor Paul die Wohnung verließ, um Anna zur Party abzuholen, fiel sein Blick auf seinen Uni-Abschluss auf dem Schreibtisch. Vor drei Tagen hatte er das Dokument bekommen und es hatte bereits aufgehört, ihm etwas zu bedeuten. Was sollte er damit auch anfangen? Er würde erstmal als Kellner in dieser Bar anfangen. Bis sich etwas anderes ergab.

Er schloss die Wohnungstür ab, stieg in sein Auto und fuhr zu Anna. Die letzten drei Stufen nahm er auf einmal.
„Heute“, murmelte er, „heute.“
Dann drückte er die Klingel.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

02:55 20.11.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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chrisamar | Community
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