Die rätselhafteste Band der Welt

Musik Die Band „Godspeed You! Black Emperor“ veröffentlicht nach zehn Jahren ein neues Album, ohne Bescheid zu sagen. Das passt zu den Kanadiern, die sich allem verweigern

Die kanadische Band Godspeed You! Black Emperor... Lass das! Was soll ich lassen? Na du sollst aufhören, über Godspeed You! Black Emperor zu schreiben. Warum das denn? Die Band will das nicht. Die Band will das nicht? Jede Band freut sich doch, wenn über sie geschrieben wird. Dann verkauft sie mehr Platten. Godspeed, wie Freunde sie nennen, ist aber keine Band im eigentlichen Sinne. Godspeed will nicht Teil der Musikindustrie sein, also will Godspeed auch nicht, dass über sie geschrieben wird. Das mag ja alles sein. Aber wenn du mich weiter störst, ist spätestens in zwei Zeilen auch der letzte Leser ausgestiegen. Also gibst du mir zumindest fünf Minuten, um die Band erstmal vorzustellen. Aber sie will nicht, dass... Fünf Minuten! Dann kannst du so viel rumplärren, wie du willst. Na gut.

Godspeed You! Black Emperor, gegründet 1994, benannt nach einer japanischen Motorradgang-Dokumentation, ist eine Postrockband aus Montreal, Kanada. Sie hat nach zehn Jahren Pause ein neues Album veröffentlicht, „Allelujah! Don’t Bend! Ascend!“. Ja genau, immer die aktuelle Nachricht zuerst, du sorgfältiger Journalist. Postrock, das ist jene Musik, in der die Strukturen der Rockmusik aufgelöst werden, es singt auch niemand. Vielleicht ist Postrock Rockmusik auf dem Weg zur klassischen Musik, auf jeden Fall gibt es keine Refrains, es sind eher Klanglandschaften. Die bekanntesten Vertreter des Genres sind die Isländer von Sigur Rós (die allerdings haben einen Sänger, der seine Stimme aber als Instrument einsetzt), die schottische Band Mogwai, die US-Band Explosions In The Sky und eben die sagenumwobenen Godspeed You! Black Emperor. Sag bitte nicht „sagenumwoben“, das ist eine verdammt abgenudelte Musikjournalistenvokabel. Fünf Minuten!

Nicht radiotauglich

So ungefähr nichts an der Band ist normal. Sie hat momentan ungefähr acht Mitglieder, darunter mehrere Schlagzeuger, Bassisten, Gitarristen, Streicher und sonstige Geräuschemacher. Sie spielen auch Aufnahmen von Kassetten ab und O-Töne von Unbekannten. Es gibt keinen Bandleader, sie treten als Kollektiv auf und spielen ihre Konzerte im Sitzkreis, damit sie sich nicht zu albernen Rockgesten hinreißen lassen und sich niemand in den Vordergrund stellt. Ihre Songs können nicht im Radio gespielt werden, dafür sind sie einfach zu lang, gerne 20 Minuten und mehr. Radio? Wer hört denn schon noch Radio? Nur Kommerzkacke. Da wird es sehr laut und sehr leise, da wird es bedrohlich und düster und traurig oder euphorisch, da wird Spannung auf- und wieder abgebaut. Da weiß man eigentlich nie, was in der nächsten Sekunde passiert. Blablabla... du hast noch nicht irgendwas Interessantes gesagt. Deshalb will die Band nicht, dass du über sie schreibst. Godspeed hat zwischen 1997 und 2002 drei Alben und eine EP herausgebracht. Und 1994 die Platte „All Lights Fucked on the Hairy Amp Drooling“, aber nur in einer Stückzahl von 33. Das interessiert nun wirklich niemanden. Also drei Alben und eine EP. Damit haben sie sich in der so genannten Szene eine treue Anhängerschaft erspielt.

In Kontakt mit der breiten Bevölkerung kam sie hingegen nur ein einziges Mal. Der Regisseur Danny Boyle bekniete sie monatelang, bis die Musiker ihm endlich den Song East Hastings für seinen Film 28 Days Later überließen. Denn die Band stellt ihre Songs nur ungerne Projekten zur Verfügung, die darauf ausgerichtet sind, Geld zu verdienen. Ihr Stück ist deshalb auch nicht auf dem Soundtrack zu finden, sondern bloß im Film. Er passt sehr gut zu dieser postapokalyptischen Welt, die 28 Days Later zeigt. Die Band ist wirklich sehr kritisch. Kapitalismuskritisch, USA-kritisch, israelkritisch, regierungskritisch, medienkritisch, unterhaltungsindustriekritisch. Weil die Band aber keine Texte hat, um das auszudrücken, versteckt sie ihre Haltung in Artwork und Songtiteln. So liegt dem Album Yanqui U.X.O. eine Grafik bei, die die Verbindungen zwischen den großen Plattenfirmen und Waffenproduzenten zeigt. Sehr differenziert wirkt die kritische Haltung allerdings nicht. Hallo, das sind keine Politikwissenschaftler! Außerdem sind die USA und der Kapitalismus nun mal scheiße. Die Band verweigert sich, wo sie nur kann. Sie gibt fast keine Interviews, und wenn, sind diese eine Übung in Selbstzermürbung und Selbstzweifel, die Internetseite ist eine Zumutung, einen Facebook-Account haben sie nicht, auf den Pressefotos sind sie nicht zu erkennen.

Verweigerung als Marketingtool?

Das neue Album hat die Band nicht groß angekündigt, sie hat die Vinylversion einfach kürzlich bei einem Konzert erstmals am Merchandise-Stand angeboten. Das war im Großen und Ganzen die Ankündigung, kurze Zeit später wusste die so genannte Szene Bescheid. Diese Band will ein einziges Rätsel sein, ein Mythos. Und Ihr Journalisten schreibt natürlich immer genau darüber, über diese Verweigerung und diesen Mythos. Die Band verweigert sich und ihr schreibt so dermaßen ausführlich darüber, dass man meinen könnte, die Verweigerung ist ein Marketingtool. Könnte doch sein? Das ist das Problem der Musikbranche: Die ist so verkommen, dass jeder Band, die etwas anders macht, gleich unterstellt wird, dass es nur ein Trick ist, um mehr Platten zu verkaufen. Du musst zugeben, dass die Band schon etwas arrogant herüberkommt. Quatsch, sie will es bloß nicht allen Recht machen. Weder der Presse noch der Industrie noch den Fans. Die Band ist sich treu geblieben. Uh, das ist nun aber auch ein ziemlich ausgelatschte Vokabel, sich treu bleiben. Aber ich denke, wenn man sich auf eine Bühne stellt und den Leuten seine Kunst zumutet, dann sollte man ihnen zumindest ein wenig entgegenkommen. Das Maß kann ja jeder selbst bestimmen, aber so gar nicht geht gar nicht. Warum das denn? Es wird ja niemand gezwungen, sich das anzuhören. Im Grunde soll sich das sowieso nicht jeder anhören dürfen. Dazu braucht es schon einen gewissen Anspruch. Du hörst diese Musik doch sowieso nur, um dich abzugrenzen. Das ist eine Unverschämtheit. Ich liebe diese Musik. Wirklich!

Da fällt mir dieser tolle Spruch ein, den ich in einem Leserkommentar unter einem Artikel über das neue Album gelesen habe. Und der wäre? Da merkte jemand besserwisserisch an, dass es die Songs der Band ja auch auf iTunes gebe, so Underground könne die Band also nicht sein. Daraufhin schrieb ein anderer Leser: „Wo ist das Problem? Dir wäre es wohl lieber, wenn die Band die Platte nur dadurch verfügbar macht, dass sie sie nachts um drei unter einer Brücke furzt.“ Das fand ich witzig. Geht so. Den Spruch hast du aber auch nur gebracht, weil du nicht weiß, wie du sonst aus dem Artikel rauskommst, oder? Das ist jetzt nicht das Thema. Bist du fertig mit deinen Selbstgesprächen? Ja, du kannst jetzt gehen. Okay, dann sehen wir uns wieder, wenn Radiohead eine neue Platte veröffentlichen.

Das neue Album Allelujah! Don’t Bend! Ascend! kann man sich hier kostenlos und legal anhören

12:43 25.10.2012
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