Eine Dystopie namens Fußball

Jogis Tagebuch 21 Heute berichtet Jogi, warum die Deutschen ihre Nationalmannschaft so anhimmeln. Außerdem versucht er, das Spiel zwischen Spanien und Portugal zu überstehen
Eine Dystopie namens Fußball

Illustration:der Freitag

Mittwoch, 27. Juni

Es war ein sonniger Tag im Juli 2048, als ich neben einem schwer bewaffneten Kevin Costner auf einem Boot aufwachte. Um uns herum nur Wasser. Das gefiel mir nicht so richtig und so fuhr ich mit dem DeLorean zurück in meine Gegenwart.

„Ist das Spiel etwa immer noch nicht vorbei?“, fragte ich Hansi, der seine Augen nur noch mit Mühe wachhielt.
„Ne, Elfmeterschießen.“
Ich blickte auf den Bildschirm und sah, wie der hässlichste Hund der Welt den Ball an die Latte setzte. Danach traf irgendein Spanier, und die Partie war beendet. Immerhin hatten sie es nicht mehr durch „Schnick, Schnack, Schnuck“ entscheiden müssen. Ich hoffe, den Spaniern ist die Würdelosigkeit bewusst, die ein Sieg durch Elfmeterschießen mit sich bringt.

Morgen ist ein anderes Fußballspiel. Ab viertel vor neun werden in Deutschland nur noch Lokomotivführer und Pizzaboten unterwegs sein. Alle anderen werden vor einem Fernseher oder einer Leinwand sitzen, Chips essen, Bier trinken und um den Einzug ins Finale zittern. Es entspricht nicht meinem Selbstverständnis, eine Prognose für das Match gegen Italien abzugeben. Es ist bloß ein leichtes Anschwitzen für das Spiel gegen Spanien mit ihrem Pipi-Kaka-Fußball.

Warum aber sind die Menschen so gebannt von diesem Spiel? Warum vergessen sie für zwei Stunden alles um sich herum? Die Leute denken, es ist wegen der Tore oder der Dribblings oder der Pässe. Das ist nur zu einem kleinen Teil richtig. Die Leute sehen zu den Spielern hinauf. Es ist wegen der Körperspannung.

Die Generation der unter 40-Jährigen zeichnet sich durch ein hohes Maß an Bequemlichkeit und Zufriedenheit aus – etwas, das früher den Älteren vorbehalten war. Diese Generation verspürt bis auf kurze Phasen des Aufbegehrens gegen die Trägheit des eigenen Körpers und des eigenen Geistes kein Bedürfnis nach Bewegung. Weil sie nicht muss, denn es ist für sie gesorgt.

Die Kunst der Körperspannung ist diesen Menschen deshalb fremd. Ihre Leiber sind schlaff, gekrümmt, füllig, rund. Ihre Muskeln können nur die einfachsten Bewegungen ausführen, und das auch nur für eine kurze Zeitspanne. Dann sind sie bereits außer Atem oder hungrig und müssen einen Schluck Cola Zero oder eine Mini-Pizza am Bahnhof zu sich nehmen.

Wer unter ihnen trotzdem über Körperspannung verfügt, denn bewundern sie grenzenlos. Wenn sie die deutschen Nationalspieler bei der Nationalhymne sehen, ist es die Erhabenheit der Körperspannung, nicht die Liebe zum Vaterland, die sie in Begeisterung versetzt. Sie sehen aufrechte Oberkörper, durchgedrückte Rücken, sie sehen entschlossene Gesichter, sie sehen Menschen mit einem Ziel. Sie sehen Menschen, die noch etwas wollen. Und das lässt sie vergessen, dass sie selbst nichts mehr wollen. Das Wollen der Nationalspieler wird zu ihrem eigenen Wollen. Das ist auch der Grund, warum David Hasselhoff sich ein Deutschlandtrikot gekauft hat.

Der einzige, der in meinem Team nicht über Körperspannung verfügt, ist Mesut Özil. Warum er trotzdem ein passabler Fußballer geworden ist, gehört zu den größten Rätseln der Menschheit.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer.

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09:16 28.06.2012
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Ausgabe 38/2021

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