Einer für alle, alles für Löw

Jogis Tagebuch 16 Heute berichtet Jogi, warum er Angst hatte, wieder Krawatten verkaufen zu müssen, und welches Songzitat ihm Merkel während des Spiels simste. Außerdem: Gefühle
Einer für alle, alles für Löw
Illustration: der Freitag

Freitag, 22. Juni

Das Leben hat mich zwei Dinge gelehrt. Erstens: Röstzwiebeln und dänischer Gurkensalat passen zu allem außer Schokoladenpudding. Zweitens: Wenn du dick bist, dann steck dein T-Shirt nicht in die Hose.

Ich bin noch erschüttert von den Ereignissen dieses Tages. Denn ich habe Dinge gesehen, die mich begeisterten, entsetzten, verwirrten und ängstigten. Ich habe Dinge gesehen, die nur ein in sich ruhender Mensch, wie ich es bin, erträgt. Doch ich muss sie aufschreiben, um sie schneller zu verarbeiten. Denn ich sah auch in die Löw’schen Abgründe.

Mein Tag begann damit, dass ich aus dem Bad kam und ein mir unbekannter Mann an meinem Schreibtisch saß. Er trug einen Trainingsanzug aus Baumwolle, kurzgeschnittene Haare und eine Brille aus Draht. Sein Blick war streng wie der von Felix Magath. Mit der Hand gebot er mir, Platz zu nehmen.

„Moment mal, wer sind Sie überhaupt und was machen Sie in meinem Zimmer?“
„Bitte setzen Sie sich, Herr Löw, dann erzähle ich Ihnen alles.“
„Ich will sofort eine Antwort.“
„Herr Löw, bitte setzen Sie sich und hören Sie mir aufmerksam zu. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist überlebenswichtig für Sie.“

Ich war so verblüfft angesichts seiner Dreistigkeit, dass ich der Bitte nachkam.

„Mein Name ist Otto Nerz und ich starb am 19. April 1949 im Alter von 56 Jahren. Zwischen 1926 und 1936 war ich der erste Trainer der deutschen Fußballnationalma….“
„Moment mal, wenn Sie doch tot sind, warum sehe ich Sie dann?“
„Es ist sinnlos, alles mit dem Verstand erfassen zu wollen. Wichtig ist, dass Sie mir zuhören. Sonst werden Sie heute Abend die längste Zeit Nationaltrainer gewesen sein.“
„Aber Sie kommen mir überhaupt nicht bekannt vor. Ich habe noch nie von Ihnen gehört.“
„Glauben Sie etwa, dass der DFB die Erinnerung an seine Zeit im Nationalsozialismus wachhält? Ha… ha.“
„Was haben Sie mir nun mitzuteilen?“

Und dann erzählte er seine Geschichte: Es war bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Deutschland spielte in der 2. Runde des Fußballturniers gegen Norwegen und war klarer Favorit. Der DFB-Präsident hatte vorher durchgesetzt, wichtige Spieler zu schonen und ein paar Frischlinge zu bringen, Nerz hatte zu gehorchen. Es saß mächtig NS-Prominenz im Stadion, sogar Hitler war gekommen, obwohl er sich sonst nie Fußball ansah. Und dann verlor Deutschland das Spiel mit 2:0, beide Treffer erzielte ein Mann mit dem nicht gerade arischen Nachnamen Isaksen.

„Damit war ich erledigt“, sagte er.
„Traurige Geschichte, aber was hat das mit mir zu tun?“
„Verstehen Sie nicht? Ihr Team ist ebenfalls klarer Favorit heute, das Land erwartet diesen Sieg, Frau Merkel ist im Stadion…“
„Frau Merkel ist nicht Adolf Hitler.“
„Das ist im Prinzip richtig, auch wenn das Ausland es gerade etwas anders sieht, aber Frau Merkel braucht diesen Sieg mehr als einen Wahlerfolg. Sie hat es Ihnen doch in den letzten Tagen eindringlich klargemacht. Wenn Sie das heute vergurken, sind Sie weg vom Fenster. Für immer. Dann ist es egal, dass Sie den deutschen Fußball modernisiert haben, wie ich es einst tat.“

Plötzlich fing ich an zu schwitzen. So hatte ich das noch nie gesehen. Denn auf was würde ich schon zurückfallen? Auf nichts. Okay, zum Ende meiner Spielerkarriere beim Schweizer Zweitligisten Schaffhausen hatte ich mit ein paar Kollegen einen Motivkrawattenvertrieb aufgemacht, aber das war ordentlich daneben gegangen. Nach einer Entlassung bliebe mir nichts anderes übrig, als wieder alberne Krawatten zu verkaufen. Noch konnte ich den Gedanken verdrängen.

„Warum sollte ich Ihnen das überhaupt glauben? Sie haben gegen Norwegen verloren, sie Loser! Wer war damals überhaupt Ihr Nachfolger?“
„Sepp Herberger. Der Schuft hat ordentlich mit an meinem Stuhl gesägt, er war damals mein Assistent und wollte unbedingt meinen Posten haben. Völlig krank, dieser Kerl.“

Die Tür wurde aufgerissen. Ein schrumpeliger alter Mann schoss ins Zimmer und warf sich auf Nerz. Sie fielen zu Boden und rauften eine Weile, bis ich die beiden trennte. Es dauerte etwas, bis sie wieder ruhig atmeten.
„Und Sie sind Sepp Herberger, richtig?“
„Genau. Es wurde mir einfach zu bunt. Herr Nerz soll aufhören, Lügen zu erzählen. Ich habe nicht an seinem Stuhl gesägt, er war einfach unfähig. Außerdem war ich damals schon der heimliche Chef. So wie Sie bei der WM 2006, Herr Löw. Hat er Ihnen übrigens erzählt, dass er Antisemit war? Bestimmt nicht.“
„Na ja, und was waren Sie denn, Herr Herberger?“, fragte Nerz.
„Ich war bloß Mitläufer. Sie aber haben den Scheiß auch noch geglaubt.“
„Und Sie haben mitgemacht, obwohl Sie wussten, dass das scheiße war“, sagte Nerz.
„Alte Kamellen! Außerdem wurden Straßen nach mir benannt, da kann ich wohl kaum ein Antisemit sein. Mit einem aber hat Herr Nerz Recht. Wenn Sie das heute Abend verlieren, dann sind Sie weg vom Fenster. Deutschland verzeiht Ihnen vieles, aber sicher keine Niederlage gegen ein Land, in dessen Adern laut Bildzeitung nur noch deutsches Geld fließt. Ich meine, was wäre das für eine Botschaft? Wer Schulden hat, kann immer noch Europameister werden. Kein Geld schießt doch Tore.“
„Wir verlieren nicht“, sagte ich.
„Na dann nehmen Sie das Spiel bitte ernster“, sagte Herberger.
„Also kein Traditionself des Grauens, kein Ramelow, kein Wörns, kein Rink?“ „Nein. Und auch weniger Bayern-Spieler. Die versagen doch, wenn es drauf ankommt.“
„Mmm.“

Den Nachmittag verbrachte ich düster sinnierend in meinem Zimmer. Sägte Hansi schon an meinem Stuhl? Hatte er bereits mit Merkel telefoniert? Aber es war doch der treue Hansi. Welche Rolle spielte Niersbach? Musste ich Juror beim Supertalent werden oder Lothar Matthäus‘ Maskenbildner? Nerz und Herberger hatten in dieser Zeit immerhin die Güte, ihre Diskussion, wer nun den deutschen Fußball erfunden hatte, draußen fortzusetzen.

Pünktlich zum Anpfiff des Spiels entdeckte ich die beiden aber hinter mir in der ersten Reihe.
„Genießen Sie die 90 Minuten“, sagte Nerz, während er sich eine Bratwurst genehmigte, „es könnten Ihre letzten sein. Was ist das eigentlich für eine miese Bratwurst?“
„Nimm Röstzwiebeln und dänischen Gurkensalat dazu“, sagte Herberger. „Das geht immer.“
„Geht nicht, habe schon Schokosauce genommen.“

Danach habe ich die beiden nur noch einmal wahrgenommen. Nach dem 1:1. Da schüttelten sie synchron ihre Köpfe und wiesen mit dem Kopf Richtung Hansi. Zum selben Zeitpunkt schickte mir Merkel eine SMS.
„Wenn ich untergehe, dann reiße ich Sie mit.“

Die übrigen SMS, die sie mir während des Spiels zukommen ließ, klangen zufriedener.
„Die griechische Seele ist eine Piñata. Dreschen Sie einfach immer weiter auf sie ein.“
„Ich will die nicht nur am Boden, ich will die im Boden!!!“
„Raus aus der Euro, raus aus dem Euro.“
„Ein Fest! Ein Fest! Ein Fest! Endlich kann ich die Bedingungen diktieren.“
„Platini spuckt beim Sprechen.“
„Innenminister Friedrich hat gesagt, der Özil gehört ja gar nicht zu Deutschland.“ „Es ist so oh oh ohne dich und wenn du einsam bist, denkst du vielleicht auch mal an mich ..?“

Gut, dass ich die Erlebnisse des Tages gerade mit Hansi und Busfahrer Wolfgang und ein paar Flaschen Wein herunterspülen konnte. Wir saßen in meinem Zimmer und sahen uns nochmal das Spiel an. Das einzige, was mir neben Marco Reus‘ Frisur noch Sorgen macht, ist die Körperspannung von Angela Merkel. Sogar Niere wirkte neben ihr auf der Tribüne gelenkiger, sie sprang bei den Toren langsamer auf als ein Sack Mehl in Superzeitlupe.

Ich finde es auch ungeschickt, wenn Leute mit Speckrollen das T-Shirt in die Hose stecken. Außerdem sah es so aus, als würde sie gar keine Hose tragen. Das war mir schon unangenehm aufgefallen, als sie uns kurz nach dem Spiel in der Kabine besucht hatte. Wolfgang meinte, so etwas habe er zuletzt gesehen, als er eine Gruppe von Senioren nach Bad Münstereifel gefahren habe, damit sie sich in Heinos Café mit seiner Haselnusstorte vollstopften. Wir lachten herzlich. Es war zwar auch ein fieses Lachen, aber gemeinsam Lachen ist immer schön. Hansi und Wolfgang – vielleicht habe ich endlich die Freunde gefunden, die ich nie haben wollte.

Nein, ich weine nicht, ich schlafe bloß in einem Bottich voller Zwiebeln.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer.

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11:41 23.06.2012
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