Endlich Europameisterschaft

Jogis Tagebuch 18 Heute berichtet Löw, warum Mats Hummels mehrere Sekunden am Stück nicht gegrinst hat und es egal ist, wie viele Äpfel auf einem Stillleben zu sehen sind
Illustration: der Freitag
Illustration: der Freitag

Sonntag, 24. Juni

Das Gekröse ist weg. 16 Mannschaften sind bei dieser Europameisterschaft angetreten. Acht davon waren auf dem Niveau der Färoer, vier auf dem von sagen wir Belgien.

Wer hat uns nicht alles mit seiner Anwesenheit belästigt? Die Gastgeber hätten sich besser aufs Gastgeben konzentriert und ihre Teams vor Turnierbeginn zurückgezogen. Dann waren da diese Tschechen, Tabellenführer in einer Gruppe voller Halbprofis und Ex-Fußballer, die Griechen, ha ha, die Griechen. Die Holländer und die Schweden haben sich ohne Gegenwehr in den Urlaub schicken lassen. Die Engländer hatten die Fitness einer Gruppe Achtjähriger nach der Nachtwanderung im Ferienlager in der Eifel. Waren die Franzosen eigentlich dabei oder sind die schon in der Qualifikation gegen Bulgarien rausgeflogen?

Beinahe hätte ich die Iren vergessen. Ja, ich höre es schon von allen Seiten, die irischen Fans hätten doch so toll gesungen und Atmosphäre und so weiter. Dann hätten sie sich vielleicht besser bei einem Gesangswettbewerb angemeldet. Es reicht doch, dass wir in der Qualifikation gegen jeden Flecken Erde in Europa antreten müssen, der sich für einen eigenen Staat hält. Wenn bei der nächsten Europameisterschaft sogar 24 Teams antreten, frage ich mich, was die Uefa sich noch alles ausdenkt, um den europäischen Spitzenfußball zu zerstören. Die haben sich gedacht: Wenn die Kuh nicht mehr Milch gibt, kippen wir einfach mehr Wasser in die Kanne.

Nun aber ist das Gekröse weg. Herrlich! Was jetzt noch im Turnier ist, hat wenigstens einigermaßen begriffen, wie moderner Fußball funktioniert. Nun werden die großen Schlachten geschlagen, nun treffen Weltstars aufeinander, Teams mit ruhmreicher Vergangenheit. Da kommen Pässe über 70 Meter zuverlässig an. Dass wir im Finale auf die Spanier treffen, ist dabei selbstverständlich. Es ist unglaublich, was ich aus Klinsmanns Team gemacht habe, das ja eher durch Willen als Können überzeugte. Viel ist die Rede davon, dass die Spanier mit ihrem Fußball langweilen, aber ich sage es ehrlich: Das Spiel gegen Frankreich hat mir Gefühle verschafft, die meine Frau schon lange nicht mehr bei mir auslöst. Der Wert eines Spiels bemisst sich ja nicht nur an Toren und Chancen. So wie sich der Wert eines Stilllebens ja nicht nur daran bemisst, wie viele Äpfel zu sehen sind.

Ich merke in meinem Team, dass es den Ernst der Situation begriffen hat. Mario Gomez hat seinen Friseur nach Hause geschickt („Du machst einen großen Fehler, Mario!“), Boateng kommt vor Tagesanbruch aus der Stadt zurück, Hummels hat mehrere Sekunden am Stück mal nicht gegrinst und Mesut Özil spielt im Training mittlerweile regelmäßig Passe, die nicht beim Gegner landen. Nur Philipp übertreibt es etwas mit seinem Versuch, den Maulwurf zu enttarnen (er weiß noch nicht, dass ich es selbst bin). Nicht nur, dass er ein Prämie von 10.000 Euro ausgesetzt hat für jeden sachdienlichen Hinweis. Heute hat er sich noch eine Pfeife angezündet und ist mit seinen Yps-Gimmicks durchs Hotel geschlichen, hat Zeugen befragt, Fingerabdrücke genommen. Auch die Spielerfrauen mussten antreten. Sarah Brandner nutzte die Gelegenheit und fragte Philipp „Begriffe, die Ihnen zum Thema Krimi einfallen, dalli, dalli.“ Schweinsteiger schlug die Hände über dem Kopf zusammen, womit er sich eine weitere Verletzung zufügte. Am Donnerstag spielt er vermutlich im Rollstuhl.

Pirlo!

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer

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