Er hasst mich ganz schön (Lindberg 12)

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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel aus seiner Biografie. Diesmal wehrt er sich gegen den Geist der Weihnacht und andere Trolle.

Dezember 2010 (III)

Es kam die Weihnachtszeit, die sich bei mir stets mit einem Gefühl der Übelkeit ankündigte. Damals war Weihnachten noch nicht völlig dem Kapitalismus erlegen und hatte sich eine Restauthentizität bewahrt. Die Leute gingen am Heiligen Abend noch in eine echte Kirche und nicht in den Eon-Dom oder die Nokia-Basilika. Einige wussten gar noch, weshalb man das Weihnachtsfest beging. Und die Geschenke überreichte man sich noch persönlich, anstatt sie sich per amazon-Link zuzumailen. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von solchen Dingen. Auf jeden Fall waren mir echte Gefühle suspekt. Deshalb begegnete ich der Weihnachtszeit mit Geringschätzung.

Der Dezember ging mir aber auch aus anderen Gründen auf die Nerven. Mein großartiger Blog hatte einen Leser gefunden – allerdings war es ein Troll. Das hieß, sobald ich einen Artikel auf meiner Website veröffentlichte, hatte er zwei Minuten später einen Kommentar druntergesetzt. Es begann harmlos mit Formulierungen wie „Dich sollte man einliefern lassen“. Dann wurde er stetig unverschämter. „Dich sollte man wirklich einliefern lassen.“ Ständig wechselte er seinen Namen. Nannte sich cool_123 und peter101 und peter_123. Nie hinterließ er eine E-Mail-Adresse.

Zunächst störte es mich nicht weiter, schließlich ist das Ausleben von Hass eine der Antriebskräfte des Internets ist. Doch mit der Zeit begann ich mich zu ärgern, weil der Troll sich nicht mal mehr die Mühe zu machen schien, die Texte zu lesen, sondern gleich drauflos schimpfte. Die Abwesenheit jeglichen Respekts vor der Kunst, besonders vor meiner, machte mich wütend. Und egal, zu welcher Uhrzeit ich veröffentlichte, er war wach, um zu kommentieren. Auch um drei Uhr in der Nacht. Vielleicht löste jeder meiner Einträge seinen Wecker aus.

Ich fragte mich, wer um Gottes Willen einen so großen Groll auf mich hegte, dass er sich bei jeder meiner Äußerungen dazu gedrängt fühlte, sie unflätig zu kommentieren. So viele Feinde hatte ich mir noch gar nicht gemacht, das sollte erst später kommen. Es musste sich also um einen ziemlich gestörten Typen handeln, der in seiner Kindheit zu wenig Liebe erfahren hatte und nach der Arbeit im Unterhemd vor seinem Rechner saß, sich YouPorn-Videos reinzog und dabei kalte Ravioli aus der Dose aß. Und auf jeden Fall war er Junggeselle aus Mangel an Alternativen, weil ihn sein Akne völlig zerfurcht hatte.

Das lustige Trollspiel ging munter weiter, bis er mir eines Tages sogar per Facebook schrieb.
„Wie lange willst du die Welt noch quälen mit deinen Texten? Bitte hör doch endlich auf.“
Ich fragte ihn, was er eigentlich genau gegeben mich habe.
„Du bist einfach scheiße.“

So ging das hin und her, bis mein Troll schrieb:

„Kind, komm doch an Weihnachten nach Hause.“
„Bitte? Wer ist da?“
„Kind, leugne, doch nicht deine eigene Mutter.“
„Was, du steckst dahinter? Spinnst du eigentlich?“
„Ich wollte doch bloß deine Aufmerksamkeit, Kind. Du bist ja im Oktober einfach von zuhause abgehauen, ohne einen Ton zu sagen. Du hast nicht angerufen, du hast nicht geschrieben. Wir haben uns Sorgen gemacht.“
„Und deshalb musst du mich beschimpfen?“
„Sonst hättest du uns ja weiter ignoriert.“
„Das ist ja das letzte. Was willst du überhaupt?“
„Bitte komm an Weihnachten nach Hause.“
„Warum sollte ich? Ist doch in jedem Jahr derselbe Unsinn.“
„Früher hat es dir immer gefallen.“
„Früher war ich drei.“
„Das war im vergangenen Jahr.“
„Du lügst, Mutter.“
„Komm nach Hause, Kind.“
„Man braucht mich hier in Berlin. Endlich lebe ich das Leben, das ich führen möchte.“
„Wie ich dich kenne, gammelst du den ganzen Tag nur rum und beschimpfst andere Leute.“
„Das muss ich mir von dir nicht sagen lassen.“
„Es gibt Speckhuhn.“
„So wie als ich drei war?“
„Und wie im vergangenen Jahr. Dein Lieblingsessen.“
„Na ja.“
„Und zum Nachtisch Tiramisu. Du weißt schon, in der großen Schüssel.“
„Und dann kommen die Nachbarn rüber und wir trinken Unmengen an Alkohol und spielen Uno?“
„Genau.“
„Und Vater macht schlechte Witze?“
„Du kennst ihn ja.“
„Und am Ersten Weihnachtstag läuft Pippi Langstrumpf im Fernsehen?“
„Klar.“
„Und du machst Pute?“
„Liegt schon in der Gefriertruhe. Also, was ist?“
„Na ja, ich glaub, ich habe meine Hausschuhe bei euch vergessen. Ich muss sowieso noch mal vorbeikommen.“

09:06 24.12.2010
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