Frau Merkels Weihnachtsabenteuer (2/3)

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Ich langweile mich an Weihnachten und denke mir deshalb ein dreiteiliges Abenteuer mit der Bundeskanzlerin aus. In der zweiten Folge erfährt Frau Merkel, wer sie entführt hat.

Was bisher geschah: Frau Merkel und Herr Obama sitzen in einem Raum, sind gefesselt und wissen nicht, wo sie sind - zum ersten Teil.

„Also Herr Obama, was machen Sie hier?“
„Wenn ich das mal wüsste. Heute Nacht bin ich aufgewacht, weil ich so einen Durst hatte. Ich ging also in die Küche und schüttete mir ein Glas Apfelsaft ein. Dann hörte ich dieses Geräusch im Garten. Ich ging nach draußen auf den Rasen, da packte mich jemand. Und das nächste, an das ich mich erinnere, ist, wie ich in einem Auto sitze und hierhin gefahren werde. Und Sie, Frau Merkel?“
„Herr Obama, Frau Merkel, sind Sie das? Ich bin es, Herr Sarkozy.“
„Der hat mir gerade noch… Herr Sarkozy, was machen Sie denn hier?“, fragte Herr Obama.
„Ich bin entführt worden.“
„Was Sie nicht sagen, ich dachte schon, Sie machen hier Urlaub.“
„Nun fangen Sie nicht an sich zu streiten“, sagte Frau Merkel. „Herr Sarkozy, warum kommen Sie nicht rüber?“
„Ich bin mit einem Seil an ein Rohr gefesselt.“
„Ich auch.“
„Wer war das?“, fragte Herr Obama.
„Ich bin es, Wen Jiabao.“
„Wer?“
„Na der chinesische Premierminister.“
„Na sagen Sie das doch gleich.“
„Warum hat man uns denn alle entführt?“, fragte Frau Merkel, „und das zu Weihnachten. Das ist herzlos.“
„Was ist Weihnachten?“, fragte Herr Jiabao, als sich die Tür öffnete, das Licht eingeschaltet wurde und drei Männer in dicken Pelzmänteln den Raum betraten.

„Was soll das alles?“, fragte Herr Sarkozy, „Sie werden richtig Ärger bekommen.“
„Drohen Sie uns nicht“, sagte der Mann in der Mitte, „Sie werden richtig Ärger bekommen.“
„Wo sind wir hier?“, fragte Frau Merkel.
„Das erfahren Sie sofort. Verzeihen Sie, dass wir Ihnen das Weihnachtsfest verderben oder was auch immer Sie feiern, aber wir haben keinen anderen Ausweg gesehen. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Juri Sabolew, der Bürgermeister von Jakutsk in Sibirien und nun können Sie sich auch denken, wo Sie sich befinden. Sie kennen Jakutsk vielleicht, weil es im Winter die kälteste Großstadt der Welt ist. Minus 50 Grad sind nicht selten. Die Milch verkaufen wir hier in Scheiben und die Autos laufen ständig, weil der Motor sonst nicht mehr anspringt.“

„Und warum halten Sie uns hier fest?“, fragte Herr Jiabao.
„Nur Geduld. Vor einigen Wochen räumte ich meinen Dachboden auf und stieß dabei auf eine Zeitung aus dem Jahr 2050.“
„Das geht doch überhaupt nicht“, sagte Frau Merkel.
„Das habe ich auch gedacht, aber die Zeitung lag nun mal da. In der Zeitung stand ein Artikel mit der Überschrift ‚Jakutsk – die kälteste Großstadt der Welt‘. Wissen Sie, wie der anfing?“
„Sie werden es uns wohl gleich sagen“, meinte Herr Obama.
„Nicht so unfreundlich. Der erste Satz lautete: In den Winternächten wird es in Jakutsk manchmal so kalt, dass die Bewohner einen Pullover anziehen müssen statt eines T-Shirts. Vor einigen Wochen war es sogar so kalt, dass die Scheiben der Autos beschlugen und die Leute die Scheibenwischer einschalten mussten. Einige von den Alten erinnern sich sogar noch daran, als das letzte Mal ein paar Schneeflocken fielen.“
„Und was ist nun Ihr Problem?“, fragte Obama.
„So ein Leben können wir uns nicht vorstellen. Wir lieben unsere dicken Pelzjacken und die Stiefel und dass wir unsere Milch in Scheiben kaufen. Die meisten von uns haben keine Ahnung, wie man ein T-Shirt anzieht oder auf nicht-gefrorenen Straßen Auto fährt.“

„Das ist ja alles sehr bedauerlich“, sagte Sarkozy, „aber was haben wir damit zu tun?“
„Es ist doch offensichtlich, dass der Klimawandel an dieser Entwicklung Schuld ist, und Schuld am Klimawandel sind Sie alle.“
„Ich protestiere“, sagte Frau Merkel, „wir sind doch sehr engagiert.“
„Blödsinn. In Kopenhagen haben Sie sich im Grunde darauf geeinigt, die Menschheit zu vernichten.“
„Das große Volk der Chinesen wird niemals untergehen“, sagte Herr Jiabao, „aber ich verstehe immer noch nicht, warum Sie uns deshalb entführen mussten.“
„Ganz einfach: Sie sollen die Entwicklung stoppen und hier auf der Stelle garantieren, die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken.“
„Unmöglich“, sagte Herr Obama, „wir sind eine große Industrie-Nation.“
„Und wir sind noch im Wachstum, wir haben jahrhundertelang kaum Kohlenstoffdioxid produziert, wir haben einiges nachzuholen“, sagte Herr Jiabao.
„Wir würden ja gerne, aber wenn die anderen nicht mitziehen, ist unsere Wirtschaft klar im Nachteil“, sagte Frau Merkel.
„Also wir haben immerhin viele Atomkraftwerke“, sagte Herr Sarkozy.

Der Mann seufzte.
„Ich hatte befürchtet, dass Sie nicht so einfach zu überzeugen sein würden.“
„Nun lassen Sie uns schon laufen“, sagte Herr Obama, „wir gucken, was wir tun können. Versprochen.“
„So einfach kommen Sie mir nicht davon. Sie bleiben solange hier, bis Sie mir eine Zusage gegeben haben.“
„Aber wir haben doch eben schon gesagt, warum das nicht geht“, sagte Frau Merkel.
„Abwarten. Sehen Sie diesen Kohleofen dort? Die Kohle reicht noch etwa für drei Stunden, dann wird die Kälte durch die Mauern kriechen und innerhalb einer Stunde werden Sie hier locker minus 30 Grad haben. Dann werden Sie es sich vielleicht anders überlegen.“
„Das können Sie nicht machen“, sagte Frau Merkel, „das ist Mord.“
„Was Sie machen, ist Mord“, sagte Herr Sabolew.
„Wenn ich hier rauskomme, dann sind Sie so was von erledigt“, sagte Herr Obama.
„Wenn Sie nicht aufpassen, kommen Sie hier nur noch tiefgefroren raus.“
„Die ganze Welt sucht uns sicher schon“, sagte Frau Merkel.
„Das glaube ich nicht. Denken Sie, wir hätten Sie ohne die Hilfe Ihres Umfelds entführen können? Frau Merkel, warum wohl ließ Herr Sauer Sie alleine Skifahren, und wer hat Ihr Essen so salzig gekocht, dass Sie raus mussten, um etwas zu trinken, Herr Obama? Es gibt genügend Menschen in Ihrem Umfeld, die mit Ihrer Politik nicht einverstanden sind. Rufen Sie einfach, wenn Sie es sich anders überlegt haben.“
Damit schaltete er das Licht aus und verließ mit seinen Begleitern den Raum.

Für eine Weile sagte niemand etwas.
Dann sagte Frau Merkel: „Wir müssen etwas tun.“
„Fürchtet euch nicht“, sprach Herr Obama, „denn euch ist der Retter geboren. Mich, Barack Obama, hat das göttliche Schicksal auserkoren, uns aus dieser Situation zu befreien. In wenigen Stunden schon werden wir wieder bei unseren Familien sitzen und das Weihnachtsfest feiern, während draußen der Schnee herabrieselt. Mit meiner Kraft und meinem Verstand ist alles möglich. Der Friede sei mit euch.“
„Amen. Und haben Sie eine Idee?“, fragte Herr Sarkozy.
„Nö.“

Zwei Stunden später verglühte das letzte Stück Kohle im Ofen. Auf die Rückseite hatte jemand mit weißer Kreide „Cliffhanger“ geschrieben.

Die letzte Folge erscheint morgen, am Zweiten Weihnachtstag.

08:52 25.12.2009
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