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Ich mache mir Gedanken über die Geschichtswissenschaft. Ich komme zu dem Ergebnis, dass Historiker sich lieber mit Büchern als mit Fäusten vermöbeln.

Dank meiner undeutlichen Handschrift schrieb ich mich an der Uni aus Versehen für Geschichte statt Mathe ein. Der Ärger währte nur kurz. Ich dachte: Egal, Geschichte kann man immer gebrauchen. So wie Zahnstocher und Plastiktüten.

Mein Studium lehrte mich wenig, das aber beständig: Von niemandem will sich der Historiker stärker abgrenzen als von anderen Historikern. Ein Beispiel: Der Historiker Müller schreibt in seinem Buch „Napoleon war Vegetarier“. Dann steigen die anderen Forscher in die Archive und wenn sie wieder rauskommen, sagt einer, zum Beispiel Schmidt: „Ne, Napoleon war Fleischesser durch und durch.“

Das ist ein Riesenskandal. Die Presse schaltet sich ein. Die anderen Historiker belächeln und verachten den Skandal-Historiker. Die Historiker steigen wieder in ihre Archive und wenn sie wieder rauskommen, sagt einer: „Freunde, so einfach ist das nicht. Napoleon war kein Vegetarier, aber auch kein Fleischesser. Wir Historiker haben nicht die Aufgabe, starke Thesen aufzustellen.“ Darauf können sich alle einigen, es entstehen aber trotzdem zwei Lager. Das eine Lager sagt, Napoleon war mehr Vegetarier als Fleischesser. Das andere Lager sagt, Napoleon war mehr Fleischesser als Vegetarier.

Irgendwann kommt ein Historiker und sagt: „Freunde, zunächst einmal müssen wir die Begriffe Vegetarier und Fleischesser definieren.“ Während alle fröhlich definieren, hat ein Jungspundhistoriker keine Lust mehr auf das Thema und stellt die These auf: „Napoleon war Bettnässer.“ Der Rest ist Chaos.

Zu meinem Vergnügen haben diese Kontroversen keine seriösen Ursachen. Ich habe dazu drei wissenschaftlich völlig unfundierte Theorien aufgestellt.

Die Geld-Theorie: Den Wissenschaftlern geht es um die Finanzierung ihres Wissenschaftlerns. Wenn Schmidt zu einem Verleger geht und sagt „Hallo Verleger, meine jahrelangen Nachforschungen in den Untiefen der Archive haben ergeben, dass Napoleon Vegetarier war“, sagt der Verleger: „Schmidt, das ist ja ein alter Hut, das hat Müller schon vor zehn Jahren geschrieben.“ Dann kommt Schmidt am nächsten Tag wieder und sagt: „Hallo Verleger, meine jahrelangen Nachforschungen in den Untiefen der Archive haben ergeben, dass Napoleon Fleischesser war“. Sagt der Verleger: „Na also, geht doch.“

Die Abneigungs-Theorie: Oft entstehen wissenschaftliche Bücher, weil der eine Historiker dem anderen eine auswischen will. Müller hat Schmidt mal den Parkplatz weggeschnappt oder den Job oder die Frau, was eben so anfällt. Da er als Historiker niemanden verprügeln darf, schreibt er ein Buch. In der Einleitung erklärt er verklausuliert, dass Müller geistesgestört ist („hat nicht quellennah gearbeitet“). Menschen mit sehr viel Einsicht in den Wissenschaftsbetrieb erkennen anhand der Formulierungen, weshalb genau Schmidt auf Müller sauer ist, sie erkennen sogar, ob er Frau und Forscher auf frischer Tat ertappt hat oder die Frau es ihm gestanden hat.

Die Neid-Theorie: Der Historiker verachtet niemanden mehr als den in Funk und Fernsehen bekannten Historiker. Beliebt ist die Vokabel „populärwissenschaftlich“. Dabei würde er gerne selbst berühmt sein, denn die Historikertagung überträgt das ZDF nicht. Der Name Guido Knopp fällt an der Uni niemals, er ist so eine Art Lord Voldemort der Wissenschaft. Ein Historiker braucht sich nicht mehr bei anderen Historikern blicken lassen, wenn er einmal bei Maischberger aufgetreten ist. Da heißt es immer: „Wann erzählen Sie denn wieder bei Frau Maischberger, dass Napoleon Vegetarier war?“

Ich habe mich in Wahrheit mit voller Absicht für Geschichte eingeschrieben. Ich werde belegen, dass Napoleon sich von Sonnenlicht ernährt hat.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

14:44 03.06.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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