Gut gebrüllt, Frank-Walter

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Ich habe ein Problem: Frank-Walter brüllt immerzu. Die Klassenlehrerin ist völlig verzweifelt.

Die Klassenlehrerin hat angerufen und gesagt, dass Frank-Walter im Unterricht gebrüllt hat.
„Liebe Frau Köhler“, sagte ich, „jedes Kind wird mal lauter.“
„Das ist etwas anderes. Wenn Kinder laut sind, rufen sie: ‚Ich will die Schokolade!’ Wenn Frank-Walter laut ist, brüllt er: „ICH WILL DIE SCHOKOLADE!!!!!“
„Frau Köhler, das glaube ich nicht. Frank-Walter ist doch ein ganz ruhiges Kind.“
„Das war er auch. Bis heute. Ich weiß wirklich nicht, was in ihn gefahren ist.“
„Also gut, ich werde mit ihm sprechen.“

Ich ging in sein Zimmer. Er saß über einem Buch.
„Frank-Walter“, sagte ich, „deine Klassenlehrerin hat gesagt, du hast heute im Unterricht gebrüllt. Stimmt das?“
„Ja, das stimmt.“
„Aber Frank-Walter, warum hast du das gemacht?“
„Ich wollte Klassensprecher werden.“

Und dann erzählte er, dass die Klasse heute in der dritten Stunde den neuen Klassensprecher gewählt hatte. Frank-Walter war stellvertretender Klassensprecher, nun wollte er unbedingt Klassensprecher werden. Dagegen aber hatte die Klassensprecherin etwas, die sich ebenfalls wieder zur Wahl aufstellte.

Beide durften vor der Wahl zu ihren Mitschülern sprechen, um ihnen zu erklären, warum gerade sie Klassensprecher werden mussten. Die Klassensprecherin fing an, sie trug dieselben Argumente wie im vergangenen Jahr vor. Alle applaudierten.

Danach trat Frank-Walter nach vorne. Er hatte kaum vier Sätze gesprochen, als die anderen auch schon grummelten, gähnten oder auf die Toilette gingen. Zunächst wusste er dafür keine Erklärung, bald aber fiel ihm auf, dass er dieselben Argumente vortrug wie seine Konkurrentin. Das verunsicherte ihn sehr. Er dachte: Wenn ich mich schon nicht in den Inhalten unterscheide, dann wenigstens in der Lautstärke. Außerdem würde so niemand merken, dass er die Hoffnung fast verloren hatte. Also wurde er von Wort zu Wort lauter. Seine letzten Sätze brüllte er.

Erst waren seine Mitschüler starr wie die Felsblöcke, dann applaudierten sie euphorisch.
„Und als sie wählten“, schloss Frank-Walter, „haben sie mir alle ihre Stimme gegeben. Ich bin der neue Klassensprecher.“
„Nur, weil du so gebrüllt hast?“
„Ja, nur weil ich so gebrüllt habe.“
„Das glaube ich nicht.“
„ES IST ABER SO!!!“

Ich vergaß in diesem Moment, dass es Antworten wie „nie“ und „niemals“ gab. Fünf Tage später hatte Frank-Walter mich fast in den Bankrott getrieben. Ich hatte ihm eine Zuckerwattemaschine gekauft, eine Stereoanlage, ein Hochbett, ein Mountainbike, eine ganze Kühltruhe voll mit Eis, einen weißen Tiger, drei Elefanten, einen Chauffeur für den beschwerlichen Schulweg. Seine Argumente wie „ICH WILL DIE ZUCKERWATTEMASCHINE HABEN!!!!!“ klangen logisch. Dagegen war nichts zu machen.

Es war meine Nachbarin, die schließlich sagte: „Hoffentlich geht Frank-Walter nie in die Politik.“

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

09:37 19.06.2009
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