Ich habe kein Talent, ich gründe eine Band

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Ich will unbedingt Plattenmillionär werden. Weil ich aber völlig unmusikalisch bin, sperre ich andere Bands auf der Toilette ein.

In der Mitte dieser Kolumne werde ich die USA, den Irak und den Krieg in Afghanistan erwähnen. Ich werde dies nicht tun, um die USA zu kritisieren. Es geht um etwas anderes. Es ist mir wichtig, dass Sie das wissen.

Ich möchte eine Band gründen. Nicht, weil ich Gitarre spielen oder singen kann. Im Gegenteil: Ob ich die Gitarre mit den Händen spiele oder mit den Füßen – es klingt immer gleich.

Ich möchte eine Band gründen, weil ich einen Bandnamen habe: Tiger Tiger Burning Bright. Tiger Tiger Burning Bright ist der Anfang des Gedichts „The Tiger“ von dem englischen Dichter William Blake. Ich habe keine Ahnung, worum es in dem Gedicht geht, außer um einen Tiger, aber es klingt so toll. Tiger Tiger Burning Bright, so muss meine Band heißen, und deshalb will ich eine Band gründen. „Jetzt für euch auf der Bühne… Tiger Tiger Burning Bright.“ Und dann Applaus von hunderttausend Händen.

Es gibt nur ein Problem. Mal angenommen, ich finde Mitglieder für meine Band und angenommen, ich lerne etwas, das Singen sehr nahekommt und Gitarrespielen – dann ist meine Band eine von einer Milliarden Bands. Wie wollen wir da in unserer Mittelmäßigkeit auffallen? Ich habe keine Lust, ein Leben lang in den alternativen Kulturzentren dieser Welt zu spielen.

Habe ich von diesem Radiobeitrag erzählt, den ich neulich gehört habe? In einer Sendung eines amerikanischen Radiosenders unterhielt sich der Moderator mit einem Journalismusexperten darüber, warum die US-Medien den Afghanistan-Krieg jahrelang fast ignorierten und plötzlich nur noch darüber berichteten. Der Journalismusexperte sagte, das hänge damit zusammen, dass es in den USA gerade eine Diskussion gebe, wie es in Afghanistan weitergehen soll, also mehr Truppen oder weniger Truppen oder andere Truppen. Und in den USA haben die amerikanischen Medien mehr Reporter als in Afghanistan. Also können sie auch viel mehr über die Debatte berichten als über irgendwelche Schlachten und deshalb ist Afghanistan wieder ein Thema. Der Irak-Krieg hingegen finde kaum noch statt, weil viele Medien Reporter abgezogen haben, um Kosten zu sparen.

Dies bestätigt mich in meinem Verdacht, dass nicht die Bedeutung eines Themas den Umfang der Berichterstattung bestimmt, sondern die Umstände. Da die Leute aber denken, die Bedeutung eines Themas bestimme den Umfang der Berichterstattung, glauben sie, dass der Irak nicht mehr wichtig ist, Afghanistan hingegen schon.

Dieses Herrschaftswissen werde ich nutzen, um meine Band berühmt zu machen.

Zu Beginn werden wir viel auf irgendwelchen Provinzfestivals in Jugendheimen spielen. Ich werde dafür sorgen, dass die Presse nur mit uns spricht. Einige Bands werde ich anrufen und mit verstellter Stimme sagen, dass das Festival leider ausfällt. Andere Bands werde ich unter einem Vorwand in die Toilette locken („Kommt mal mit, also in der Toilette… also, das glaubt Ihr nicht“) und abschließen. Dann kann der Mensch von der Lokalzeitung nur mit uns sprechen und wird deshalb auch nur uns zitieren. Die Leute werden denken: „Die müssen aber toll sein, wenn der nur über die schreibt.“

Wenn wir auf diese Weise Helden der Jugendzentren geworden sind, wird es Zeit für den nächsten Schritt. Wir nehmen im Keller ein Album auf und veröffentlichen es zwischen Weihnachten und Neujahr. Zwischen Weihnachten und Neujahr erscheinen kaum Platten und Musikkritiker nehmen alles, was sie bekommen können.

Damit wir nicht verrissen werden, greife ich wieder zum Telefon, rufe die Musikkritiker an, denen ich unsere Platte geschickt habe, und sage mit verstellter Stimme: „Hallo, hier ist Ihr Vermieter. In drei Monaten müssen Sie raus aus der Wohnung.“ Das macht den Musikkritiker so aggressiv, dass ihm unsere mordsmäßig laute Rockplatte gerade Recht kommt, um sich abzureagieren. Sollten wir doch ein melancholisches Album machen, lasse ich ihm vorher die Nachricht zukommen, dass seine Freundin mit ihm Schluss mache

Auf diese Weise verdienen wir genug Geld, um für mehrere Monate nach Bagdad zu fliegen. Dort spielen wir dann jeden Abend in der Green Zone, also dort, wo sich der Westen einquartiert hat, weil es anderswo viel zu gefährlich ist. Dort sind auch die Journalisten. Und sie werden schreiben, schreiben, schreiben über uns, weil wir die einzige westliche Rockband dort sind.

Ja, ist ja schon gut, wir kaufen einfach einen Heißluftballon, lassen ihn steigen und sagen, dass unser neues Album ganz alleine rumfliegt.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

08:10 23.10.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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