Ich heirate eine Familie

Jogis Tagebuch 19 Heute berichtet Jogi, was Götze in seinem Rucksack lagert und warum er die Handys seiner Spieler einzog. Außerdem beobachtet er andere Trainer beim Eier braten
Ich heirate eine Familie
Illustration: der Freitag

Montag, 25. Juni

Ich bin nicht nur Trainer. Ich bin auch Vater. Heute Morgen kam Marcel Schmelzer zu mir.
„Herr Löw, Mario Götze hat sich seit vier Tagen nicht geduscht.“
„Lass den Vati mal gucken.“
Zusammen gingen wir ihn Marios Zimmer.
„Mario, ist das wahr?“, fragte ich ihn streng.
„Zuhause muss ich aber doch auch nur einmal pro Woche duschen, mit dem Shampoo, das nicht in den Augen brennt.“
„Du gehst jetzt sofort duschen“, befahl ich, woraufhin ihm die Tränen in die Augen stiegen. Aber das durfte mein Herz nicht erweichen.
„Glaub mir, dass tut mir mehr weh als dir.“

Während Mario unter die Dusche schlich, nahm ich einen merkwürdigen Geruch wahr. Ich schnüffelte mich zur Quelle und fand in Marios Rucksack drei zerquetschte braune Bananen unter einem Achterpack Capri-Sonne.
„Die packt ihm seine Mutter immer ein“, erklärte Marcel, „er isst aber überhaupt kein Obst. Kloppo hat ihn wegen der stinkenden Bananen schon mal Strafrunden laufen lassen.“
„Die Butterkekse nehme ich ihm auch mal besser weg.“
„Nicht die Kekse!“
Mario war gerade mit dem Duschen fertiggeworden.
„Mario, das ist nicht die Klassenfahrt ins Sauerland.“
„Aber es sind doch meine Glückskekse.“
Er sah mich mit großen traurigen Augen an wie ein Alpaka. Mein Widerstand war gebrochen. Mein Herz ist kein Kühlschrank.
„Aber iss sie wenigstens nicht im Solarium.“
Sogleich strahlte er wieder.
„Danke, Trainer!“

Auch im Erwachsenenflügel musste ich heute erzieherisch tätig werden. Eine aktuelle Umfrage hatte ergeben, dass Mats Hummels der attraktivste Spieler der EM sei und nicht mehr Mario Gomez wie noch vor Beginn des Turniers. Hummels hielt Gomez diese Nachricht unter die Nase, was diesem wenig gefiel.
„Du hast doch höchstens das bescheuerteste Grinsen“, rief Gomez. „Dein Gesicht sieht aus wie eine degenerierte Guy-Fawkes-Maske.“
„Und du siehst aus wie der der Typ in der Kleinstadt, der sein Abitur nicht packt und dort hängenbleibt und noch mit 40 die Zwölftklässlerinnen angräbt.“

Das war der Startpunkt für eine phänomenale Prügelei, in die sie verschiedene Speisen, Sitzgelegenheiten und Trinkgefäße einbezogen. Zum Glück gingen dabei auch die Kameras der flugs hinter den Büschen hervorgesprungenen BILD-Fotografen zu Bruch. Die Handys meiner Spieler zog ich ein, sonst würden sie bloß wieder Videos auf dieses Youtube hochladen. Dann beendete ich die Auseinandersetzung.

„Nun ist es aber gut. Seht Ihr nicht, was Ihr den Kleinen für eine Angst macht. Sogar Ilkay weint schon, dabei kommt er doch aus einer Familie mit archaischen Familienstrukturen und ist so etwas gewohnt.“
„Herr Löw, das ist jetzt aber ein böses Vorurteil, das sie da bedienen“, sagte Lahm.
Ich nahm mir vor, unseren UN-Beauftragten für Menschenrechte für diese neunmalkluge Bemerkung später von unseren zwei Bodyguards vermöbeln und an einem Autobahnzubringer vor Danzig aussetzen zu lassen.

Den Abend haben Hansi und ich uns freigenommen, um endlich die erste Folge von Loddars Lodderleben in der Vox-Mediathek anzuschauen. Wir hatten ja befürchtet, dass sich der tatsächlich mal beste Fußballer der Welt total lächerlich machen würde, bis kein halbwegs seriöser Verein auch je nur erwägen würde, ihn als Trainer zu verpflichten – und so kam es dann zum Glück auch. Wir nässten uns fast ein, als Lothar erklärte, welche Linien er im Kühlschrank zieht. Zu seiner Verteidigung sage ich aber, dass Thomas Helmers Kurzauftritt gezeigt hat, dass Matthäus nicht der einzige ist, der nicht ins Rampenlicht gehört, sondern in eine Kiste mit Vorhängeschloss.

Den Spruch des Tages lieferte Lothars aktuelle Freundin, im Matthäus-Sprech „meine Bardnerin“, ein mit Photoshop retuchiertes Dessousmodel aus Polen, das deshalb genau in sein Beuteschema passt. Als er ihr zum Frühstück eine Art Spiegelei vorsetzt, sagt sie „Ich sehe das erste Mal so scheiße Eier.“

Die deutsche Sprache kann so schön sein.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer.

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13:00 26.06.2012
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Ausgabe 39/2020

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