Jogis geheimes Tagebuch

Euro2012 Jogi Löw war damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch musste unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Hier findet sich sein Schaffen in Gänze
Jogis geheimes Tagebuch

Illustration: der Freitag

Donnerstag, 7. Juni – Bolivien hauen wir weg

Der Fußball ist neben dem Krieg das letzte Ereignis von weltumspannender Bedeutung. In beides stecken wir Zeit und Geld, das an anderer Stelle mehr bewirken könnte. Ich habe diesen Gedanken heute kreisen lassen wie das Weinglas in meiner Hand. Es ist kein guter Wein, aber er erfüllt seinen Zweck wie Vollmilchschokolade für 99 Cent. Auf jeden Fall führten meine Überlegungen zu dem Ergebnis, dass das Geld ja auch in mich gesteckt wird. Und da ist es gut aufgehoben.

Nach diesem Ausflug in die Philosophie kam Hansi Flick noch zu mir. Die kleinen Racker hatte er schon ins Bett geschickt. Nur Boateng musste uns noch eine zweite Weinflasche aus der Hotelküche klauen. Er weiß, dass er aus der Startaufstellung fliegt, wenn er nicht spurt. Hansi und ich haben die Flasche gleich mal entkorkt, dann hat er mir erzählt, wie sich die Mannschaft beim Training geschlagen hat. Vorm Erreichen des Viertelfinales habe ich keine Lust, den Übungsleiter zu geben. Die Mannschaft versteht das, falls ein Haufen von Achtklässlern das überhaupt verstehen kann. Es ist ja schon lästig genug, dass ich während des Spiels auf der Bank sitzen muss. Das sind langweilige Stunden. Ich weiß ja ohnehin, dass wir gewinnen.

Alle Welt redet von der so genannten Todesgruppe. Die einzigen, denen diese Gruppe den Tod bringen wird, sind Portugal, Holland und Bolivien oder wer auch immer noch gegen uns spielt. Portugal hat bis auf dieses Unterwäschemodell nur irgendwelche Ex-Bremer oder arbeitslose Fischer nominiert und Holland tritt mit Arjen Robben an, der hauptberuflich Elfmeter verballert.

Was Hansi vom Training erzählte, beruhigte mich. Alle haben sich angestrengt, sogar Goméz hat zweimal den Ball getroffen. Wobei ich glaube, dass er irgendwann eine Möglichkeit findet, unters Tor zu schießen. Dann hat Hansi mich mit Hilfe des Kicker-Sonderheftes Spielernamen meines Teams abgefragt. Ich habe da einen gewissen Nachholbedarf. Aber das mit den Bender-Zwillingen werde ich nie lernen. Keine Ahnung, wen ich da nach Hause geschickt habe. Am besten entlasse ich den anderen auch gleich in den Urlaub, dann erspare ich mir peinliche Verwechslungen.

Morgen bestreitet Polen – glaube ich – das Eröffnungsspiel gegen Griechenland. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt Teil der Europameisterschaft ist oder bloß ein Schaukampf, muss das aber nochmal nachsehen. Ach, wozu?

Freitag, 8. Juni – Stahlhelm drunter und groß machen

Seit heute bin ich der wichtigste Mensch Deutschlands. Alles, was ich tue, was ich sage, was mir passiert, hat automatisch Nachrichtenwert. Es ist egal, ob ich meinen Rücktritt verkünde oder mir bloß einen harmlosen Schnupfen eingefangen habe - es wird am nächsten Tag in der Zeitung stehen, und bei diesem Facebook werden die Leute es auch verbreiten. Da muss Hansi sich schon mehr einfallen lassen, um in die Schlagzeilen kommen. Deshalb hat er heute gleich richtig zugelangt. Die Betreiber unseres ukrainischen Hotels nahmen es mit Humor und servierten uns zum Abendessen Gulaschsuppe in Stahlhelmen. Ach ja, die Ukraine. Ein Land, in dem es vor Nazis nur so wimmelt, obwohl dort vor 70 Jahren noch die Nazis mit der Kettensäge durchgepflügt sind, muss ja ein lockeres Verhältnis zu seiner Geschichte haben.

Doch zurück zu meiner Stellung in der Öffentlichkeit. Das, was ich (und das Team) in den nächsten Wochen leisten, bringt das öffentliche Leben in Deutschland zum Stillstand. Ab heute leben die Leute nicht mehr aufs Wochenende hin, sondern auf unser nächstes Spiel. Sie werden zur Arbeit erscheinen, aber sie werden nur körperlich anwesend sein. Sie werden sich fragen, ob Schweinsteiger spielt, wann der erste Dortmunder zum Einsatz kommt, ob sie noch genügend Bier im Kühlschrank haben. In der Mittagspause fragen sie dann die Kollegen tatsächlich, ob Schweinsteiger spielt.

In der Werbung sind nur noch Spots zu sehen, die irgendwas mit Fußball zu tun haben. Beim Bäcker gibt es Europameisterbrötchen, von Maoam Bonbons in Schwarzrotgold, und Heinz Rudolf Kunze hat eine EM-Schallplatte aufgenommen. Aus allen Fenstern hängen Deutschlandfahnen außer im Schanzenviertel. Jede Regionalzeitung bringt eine EM-Beilage mit abgeschriebenen Informationen aus dem Kicker. Elefanten und Kühe sagen den Spielausgang voraus.

Natürlich kann man das kritisch sehen, natürlich kann man sich fragen: Muss das alles sein? Aber warum sollte ausgerechnet ich das tun? Napoleon hat ja auch nicht seine eigene Macht in Frage gestellt. Die Kanzlerin hat meine Position mit ihrem Besuch am Mittwochabend anerkannt. Dieser Besuch signalisierte: Herr Löw, Sie haben nun das Sagen, ich trete in die zweite Reihe.

Ach ja, die Kanzlerinnenbesuche. Sie sind zur lästigen Routine geworden. Ich habe Wolfgang Niersbach noch darum gebeten, das irgendwie zu verhindern, aber diese Ausgeburt an Mittelmäßigkeit ist neu in ihrem Amt und weiß noch nicht genau, wem sie zu gehorchen hat. Immer, wenn die Kanzlerin kommt, muss ich Dinge sagen wie „Es ist eine große Ehre … die Gespräche mit ihr sind sehr motivierend … die Spieler waren auch sehr begeistert“. Dabei musste ich den Kiddies noch erklären, wer Frau Merkel überhaupt ist. Die meisten von ihnen dürfen ja noch nicht wählen und haben von dieser Frau noch nie gehört.

Aber wenn man etwas Bescheuertes nur lange genug wiederholt, kommt es einem irgendwann gar nicht mehr bescheuert vor. Dann scheint es wie das normalste der Welt, dass Angela Merkel neben Miroslav Klose und Philipp Lahm beim Abendessen sitzt, und alle grinsen wie in einer Werbung für probiotischen Joghurt. Dabei sollte uns doch allen klar sein: Dass Merkel uns besucht, hilft höchstens ihr. Wie sollte sie uns denn weiterhelfen? Mit Ratschlägen? Aber selbst davon, wie man mit den Kids umgeht, hat sie keine Ahnung. Heute Abend haben die Kleinen und ich das Spiel der Geheimstfavoriten Polen und Griechenland in Gruppe Y gesehen. Als der Grieche den Elfer verschoss, rief Götze „Das hätte Robben nicht schöner machen können“. Daraufhin warf Manuel Neuer ihm einen Schuh an den Kopf. Zum Glück trug Götze seinen Stahlhelm.

Gerade hat Hansi mir mitgeteilt, dass wir morgen gegen Portugal spielen. Dabei hat Rudi Völler doch gesagt, es gibt keine Fußballzwerge mehr.

Samstag, 9. Juni – Themenabend EM 2004

Das Schöne an einer Europameisterschaft im Ausland ist die Distanz zu den Fans in der Heimat. Es gibt keinen erschütternderen Anblick als einen Deutschen beim Public Viewing mit Schwarz-Rot-Gold-Riesenhut, einem Trikot, unter dem der Bauch sich nicht nur abzeichnet, sondern herausragt, und mit einem jeden Moment platzenden Döner in der Hand – und dann fällt ein Tor für meine Mannschaft. Klar, ein paar von diesen Exemplaren laufen auch in der Ukraine herum, aber die 38 Fans, die sowohl ein Ticket hatten als auch Lust, ans andere Ende der Welt zu fahren, ist kein Vergleich zu den 80 Millionen Kernassis zwischen Sylt und Zugspitze.

Wir sind vorhin in unser Hotel in Danzig zurückgekehrt, Hansi war noch bei mir und hat mir erzählt, dass Boateng gerade seine Unterhaltung mit dieser Gina-Lisa fortsetzt. Ich meinte zu ihm: „Schick ihn an die Tanke, um uns eine Flasche billigen Wein zu holen, und dann kann er von mir aus auch die Unterhaltung mit dem schwer verknallten Reinhold Beckmann fortsetzen.“ So geschah es dann auch. Zum Wein quarzten wir die Bude voll und sahen uns die Wiederholung des Spiels Dänemark gegen Holland an. Die Aussicht, am Mittwoch eine ehemals große Fußballnation zu zerstören, erfüllt mich mit einer gewissen Freude.

Es ist in der Berichterstattung der Eindruck entstanden, dass ich heute meine beste Mannschaft ins Spiel geschickt hätte. Nichts könnte mir ferner liegen. Warum sollte ich die Edelfußballer von Dortmund schon verheizen, wenn doch die Münchener und Madrilenen die Vorrundensiege souverän nach Hause rumpeln, auch wenn selbst mir diese Motto-Party „EM 2004“ leichte Sorgen bereitete. Ab dem Viertelfinale können sie dann die Bälle auf den Trainingsplatz schleppen und ihre Facebook-Profile aktualisieren. Seitdem Marco Reus sich nicht mehr auf der Stelle den Fuß bricht, sobald er für die Nationalmannschaft nominiert ist, habe ich so viele neue Möglichkeiten.

Nur ein Zugeständnis habe ich für das Spiel gegen Portugal gemacht. Nachdem Hansi mir ein paar Aufnahmen dieses Ronaldos gezeigt hatte, hielt ich es für ratsam, Per Mertesacker draußen zu lassen und einen professionellen Abwehrspieler aufzustellen. Ohnehin hatte ich ihn ja in den vergangenen Spielen nur gebracht, weil ich seinen Namen seinem Gesicht zuordnen konnte. Das kann ich nicht über jeden Spieler behaupten.

Dass Gomez auf dem Platz stand, war dem Versagen von Miroslav Klose geschuldet. Nachdem er mich heute Mittag ungefähr vier Stunden mit dem Satz genervt hatte „Trainer, wissen Sie, wer heute Geburtstag hat?“, schickte ich unseren Koch zum Backen in die Küche. Eine Stunde später kam er mit einem Kuchen wieder heraus, auf dem 34 Kerzen brannten. Ich sagte zu Miro: „Wenn du alle auf einmal ausbläst, dann spielst du heute von Anfang an.“ Miro holte Luft, verschluckte sich und am Ende brannten noch 31 Kerzen. Weder Mario Gomez noch ich waren allzu begeistert darüber, dass nun er von Beginn an spielte. Ich, weil ich um seine Fähigkeiten wusste. Er, weil ihm seine Frisur so gut gelungen war wie noch nie. Dass dann im Spiel ein Ball auf seinen Kopf fiel (man sieht in der Zeitlupe deutlich, wie er noch versucht, auszuweichen) und dann ins Tor prallte, konnte ja niemand ahnen. Nun muss ich ihn mindestens im nächsten Spiel wieder bringen.

Während des Spiels gegen die portugiesischen Betonmischer langweilte ich mich sehr. Meine einzige Maßnahme war es, in der Halbzeit mit dem Verbot des fröhlich-frechen Kaubonbons zu drohen, woraufhin Philipp feuchte Augen bekam und Mario Götze besorgt fragte, ob das auch für die Ersatzspieler gelte. Das Team dürfe doch nicht für das systematische Versagen der Bayern haften. Den Rest der Zeit schrieb ich mir mit José Mourinho SMS, der ein paar Meter entfernt von mir auf der Tribüne saß.
Er: „Hast du Khedira und Özil heute gar nicht aufgestellt?“
Ich: „Hab sie in der Toilette eingesperrt.“
Er: „Und spielt bei euch nicht auch dieser Schweinsteiger?“
Ich: „Ne, hab lieber Paulo Rink gebracht.“

Als ich ihm ein heimlich gefilmtes Video von Boatengs Unterhaltung mit Gina-Lisa in Berlin schickte, revanchierte er sich mit den schönsten Outtakes von Ronaldos Werbespot für Armani (Bremsspuren / auf Gel-Lache ausgerutscht, mit Gesicht gegen Bettkante geknallt, ab ins Krankenhaus). Mourinho ist ein wirklich toller Kerl, weil er die Arroganz, über die auch ich verfüge, öffentlich raushängen lässt. Ich hingegen setze ja immer meinen gewinnenden Dialekt auf, weil ich in meinem tiefsten Inneren doch geliebt werden möchte. Das ist meine einzige Schwäche.

Sonntag, 10. Juni – Immer wieder sonntags

Die beste Erfindung des Katholizismus ist der Sonntag. Auch wenn sich mir ansonsten der Sinn des Katholizismus auch 50 Jahre nach dem Erstkontakt nicht erschlossen hat. Am Sonntag darf man machen, was man will, sogar nichts, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Meine Mannschaft hat das auf unterschiedliche Art genutzt. Philipp ist gleich nach dem Frühstück mit einer Packung Butterkekse und zwei Trinkpäckchen Richtung Danziger Zoo aufgebrochen, Götze, Bender und Schmelzer im Schlepptau. Ich hörte ihn noch sagen: „Die sollen auch eine ganz tolle Rutsche dort haben.“ Mario Gomez ließ seinen Friseur einfliegen, der nur die Hände über dem Kopf zusammenschlug und ihm vorwarf, seinen Schnitt für einen einfachen Führungstreffer geopfert zu haben. Mario gab sich zerknirscht. Manuel steckte sich bloß einen Eisbeutel in den Schritt und blieb die ganze Zeit auf seinem Zimmer liegen. Per Mertesacker schmierte Zahncreme unter Mats Hummels Türklinke. Boateng… ach keine Ahnung, der hat glaube ich gleich durchgeschlafen. Özil und Khedira hingegen schickte ich nach ihrem spielfreien Samstag erstmal zum Laufen in den Wald.

Ich tat das, was ich an solchen Tagen immer tue. Mit Hansi auf meinem Zimmer, mittelmäßige Flasche Wein und dann eine DVD gucken. In diesem Fall den 100-Jahre-Countdown, der an hohen Feiertagen immer auf Phoenix läuft. Ich liebe diesen dramatischen Ton von Christian Brückner („Die Welt stand am Abgrund… es war ein regnerischer Dienstag, als sich die beiden Staatsmänner auf einem Boot trafen, um das Schicksal des Universums zu besprechen… niemand glaubte mehr, den Krieg aufhalten zu können“) und ich stellte mir vor, wie ich dort eines Tages auftauchen würde. „Es war ein sonniger Tag im Juli…angetrieben von ihrem Taktikgenie Jogi Löw versöhnte die deutsche Mannschaft 80 Millionen Bundesbürger mit dem Weltmeistertitel.“

Hansi hat eine dritte Person in unsere Weinrunde einführt. Unser Busfahrer Wolfgang hat hier relativ wenig zu tun, weil die Organisatoren der EM jedem Team einen Fahrer stellen. Wir haben ihn aber trotzdem mitgenommen, weil seine Frau und er meinten, dass die drei Wochen Abstand schon fest eingeplant gewesen wären. Wolfgang fährt die Mannschaft schon seit 20 Jahren, und ich bin ja froh um jeden Erwachsenen in meiner Nähe, der nicht Oliver Bierhoff heißt. Mir ist immer noch nicht klar, welche Aufgaben der beim DFB hat, außer auf Pressefotos zu weit in der Mitte zu stehen. Busfahrer hingegen sind generell in Ordnung, weil sie wissen, dass ihr Verantwortungsbereich jenseits der Bustür endet. Die meisten hier im Tross fühlen sich ja zu Höherem berufen, wie zum Beispiel Wolfgang Niersbach, der sich ja schon alleine dadurch disqualifiziert, dass er Düsseldorfer ist, eine Stadt, deren Fußballfans nicht mal wissen, wann ein Fußballspiel endet.

Aber Busfahrer Wolfgang ist mir an Herz gewachsen. Außerdem weiß er immer, wo wir Alkohol herbekommen. Das ist deshalb wichtig, weil unserem Koch der hohe Weinkonsum aufgefallen ist. Er ist so ein Fanatiker, der findet, dass auch ich während des Turniers ein Vorbild sein sollte. Nun hat er den Alkoholschrank mit einem riesigen Vorhängeschloss gesichert. Zum Glück weiß er nichts von Wolfgangs Geheimfach im Bus.

Am Abend sind Hansi und ich dann mit dem Taxi rüber zum Stadion gefahren, um Italien gegen Spanien anzugucken. Wir hatten keine Lust, erkannt zu werden, also verkleidete ich mich als Rudi Völler und Hansi als Uwe Bein aka die Schnurrbärte des Grauens der Italia 90. Beim nächsten Mal nehmen wir Wolfgang als Raimund Aumann mit. Im VIP-Bereich sahen wir Gina-Lisa mit Silvio Berlusconi rumknuspern. Ich habe gleich ein Foto mit dem Handy gemacht und es an Boateng geschickt. Ein bisschen Spaß muss er doch vertragen.

Das Spiel haben wir nur am Rande verfolgt. Nach allem, was ich mitbekommen habe, gehört Spanien nicht mehr zu den Gegnern, die es ernstzunehmen gilt. Das ist ein bisschen schade, denn ich will doch im Finale nicht die Thekenmannschaft Real Tapas II besiegen. Ein großer Feldherr braucht einen großen Gegner. Sonst schafft er es nie auf Phoenix, sondern darf nur mit Jimi Blue Ochsenknecht auf Vox kochen.

Montag, 11. Juni – Ein Kahn auf dem offenen Meer

Heute weckte mich nicht wie sonst Boateng, der nach der Rückkehr aus der Stadt durchs Treppenhaus polterte, sondern mein Handy.
„Ja, Joachim von Löw.“
„Jogi, ich hab’s mir überlegt. Ich will das Doppelte dafür, dass ich mich über Mario Gomez lustig gemacht habe.“
„Mehmet, warum das denn? So war das nicht vereinbart.“
„Ich werde von ganz Deutschland angegangen. Dieser psychische Druck ist kaum auszuhalten.“
„Na gut, dann bekommst du eben zwei Kasten Bier. Aber keine Flasche mehr. Könntest du noch einen Auftrag für mich erledigen?“
„Was denn jetzt?“
„Könntest du am Mittwoch in der Halbzeit sagen, dass sich der Schweinsteiger so wenig bewegt, dass du schon den Priester holen wolltest?“
„Ist das nicht ein bisschen hart?“
„Sechs Kästen Bier?“
„Abgemacht.“

Ich mache das nicht, um die Spieler mit umgekehrter Psychologie zu motivieren. Ich habe bloß Spaß daran.

Später habe ich beim Training die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nicht, um irgendwelche Spielzüge zu trainieren, sondern um zu verheimlichen, dass wir gar nicht trainierten. Ich halte es für übertrieben, sich für einen Gegner fit zu halten, der gegen Dänemark nicht einmal gefährlich aufs Tor geschossen hat. Als ich den Entschluss der Mannschaft mitteilte und sagte, sie könnten jetzt wieder Unterhaltungen fortsetzen und Facebook-Profile aktualisieren, beschwerte sich nur Philipp.
„Trainer, wäre es nicht sinnvoll, wenigstens ein paar Spielzüge zu trainieren? Und außerdem muss ich gegen Robben spielen.“
„Robbens bester Gegenspieler ist momentan er selbst, also entspann dich, Philipp.“
„Aber Trainer…“
„Philipp!“
„Darf ich denn wenigstens heute meinen Vortrag über die Menschenrechtssituation in der Ukraine halten, den ich extra vorbereitet habe?“
„Ähem… einmal Maoam für die ganze Mannschaft, Philipp?“
„Au ja.“

Das hatte Taktikfuchs Löw mal wieder großartig hinbekommen. Busfahrer Wolfgang, Hansi und ich traten sogleich den Rückzug in die Privatgemächer an. Dort diskutierten wir leidenschaftlich darüber, ob Willi Herren die Salafisten wirklich nur auf ihrem Protest-LKW in Köln besucht hatte, um sich selbst ein Bild zu machen oder ob er selbst längst Teil dieser Rockergang ohne Motorräder geworden war.
„Wenn ihr mich fragt, dann ist der einfach nur bescheuert“, sagte Wolfgang.
„Jeder Mensch hat eine zweite oder dritte oder vierte Chance verdient“, sagte ich. „Der Gomez trifft ja auch nicht früher.“
Großes Gelächter in der Runde. Den hatte ich mal wieder gut platziert.

Wir hielten uns noch einige Zeit an dem miesen Roten schadlos und schalteten den Fernseher ein, um ein bisschen Fußball zu gucken. Wir sahen die Engländer und Franzosen bei dem Versuch scheitern, sich gegenseitig ins Koma zu langweilen. Wir sahen die Schweden, die ihre Entschlossenheit zum frühen Sommerurlaub dokumentieren. Die meiste Zeit aber sahen wir aber nur, wie Oliver Kahn mit Katrin-Müller von und zu Hohenlohe auf dem offenen Meer einen Experten oder Karl Valentin parodierte. Offenbar braucht er außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone keine Steuern für seine Arbeit abführen. Wenn an dem Steg mal jemand die richtigen Schrauben rausdreht, dann wacht Kahn erst wieder in Atlantis auf.

Dienstag, 12. Juni – Das Tote Meer unter meinen Armen

Das Genie zeigt sich dann, wenn niemand mit ihm rechnet. Gegen Mittag landeten wir in Charkow. Kaum war ich aus dem Flugzeug gestiegen, breiteten sich die Schweißflecke wie auf Löschpapier unter meinen Armen aus. Auf dem Weg zum Bus hatte ich große Angst, andere schwitzende Menschen an der Hand oder dem Unterarm zu berühren. Wolfgang Niersbach, seine Stirn glänzte wie eine Portion frittierte Pommes, wollte sich kurz an mir festhalten. Ich machte einen Schritt nach hinten, und er lag.

Als wir im Hotel ankamen, stellte ich mich für zehn Minuten unter die kalte Dusche und blieb dann eine halbe Stunde nackt auf dem Bett liegen. Bei dem Gedanken, gleich wieder raus zu müssen, überkam mich Entsetzen. Und morgen soll ich auch noch in einem vollen Stadion sitzen und in regelmäßigen Abständen von meiner Bank aufspringen. Mein Hemd würde schon beim Einlaufen an meinem Rücken kleben. Die Spieler werden dafür bezahlt, das auszuhalten, ich bloß für mein strategisches Genie. Es war zu dieser Zeit, als in mir ein Plan reifte, der mich vor all dem bewahren konnte.

Ich schrieb eine SMS an alle Spieler: „Heute, 15 Uhr, Mannschaftsraum, Referat über Menschenrechte in der Ukraine, Referent: Philipp Lahm. Anwesenheitspflicht!“
Zwei Sekunden später antwortete Philipp: „Danke Trainer. Auch im Namen der Opposition.“
Ich antwortete: „Ehrensache, Philipp. Und trag ruhig dick auf.“

UN-Beobachter Philipp gab sein Bestes, dem Team die Situation in der Ukraine zu schildern. Trotzdem entstand bei seiner Powerpoint-Präsentation bald Gemurmel, einige aktualisierten ihre Facebook-Profile, Boateng meldete sich bei „ElitePartner“ an. Irgendwann reichte es mir und ich haute auf den Tisch. „Es interessiert mich sehr, was der Philipp zu sagen hat, und euch sollte es auch interessieren.“ Danach war Ruhe.

Als Philipp geendet hatte, stand ich auf und räusperte mich.
„Vielen Dank, das war wirklich ein sehr ergreifender Vortrag. 2,5 Millionen politische Gefangene…“
„So viele sind es dann auch nicht“, sagte Philipp.
„Beinahe 2,5 Millionen politische Gefangene zeigen, was für ein System in der Ukraine herrscht. Es ist ein Land, in dem die Demokratie mit Füßen getreten wird. Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, ein Zeichen zu setzen, und werde dem Spiel gegen die Niederlande fernbleiben und die Zeit im klimat… im Hotelzimmer verbringen. Es fällt mir nicht leicht, aber manchmal muss man sein Ego hintenanstellen. Sportlicher Erfolg ist nicht alles.“
„Aber Trainer“, sagte Manuel Neuer, „wir brauchen Sie doch.“
Ich ging zu ihm und legte meine Hand auf seine Schulter.
„Manuel, die Menschen in der Ukraine brauchen mich noch ein wenig mehr.“
„Trainer“, sagte Philipp, „ich hab die Zahl der politischen Gefangenen noch mal nachgesehen, es sind deutlich weniger als…“
„Philipp, was sind schon Zahlen? Jeder ist einer zu viel. Ich würde mich jetzt gerne zurückziehen. Aber bitte behaltet meinen Entschluss für euch.“

Mit gekrümmtem Rücken und feuchten Augen verließ ich den Raum und ging auf mein Zimmer. Erstmal duschen.

Wenig später kam Hansi in mein Zimmer, um seine Teilnahme an der abendlichen Weinrunde abzusagen. Er war sauer, dass er nun meinen Job im Hitzekessel von Charkow erledigen musste. „Ich weiß genau, dass du nur im Hotel bleiben möchtest, weil es dir draußen zu heiß ist.“
„Hansi, heimlich bewunderst du mich für meinen Einfall und ärgerst dich bloß, dass du die Idee nicht selbst hattest.“
Grummelnd zog er sich zurück. Busfahrer Wolfgang hingegen brachte seine schlechteste Flasche Wein mit und beglückwünschte mich für den genialsten Schachzug eines Bundestrainers, seitdem Sepp Herberger 1954 vor dem ersten Spiel gegen Ungarn nur eine B-Elf gebracht hatte. Wir schafften die Flasche auch zu zweit.

Mittwoch, 13. Juni – Hass ist wie Liebe, nur schöner

Immer, wenn die Kanzlerin anruft, spüre ich das Machtgefälle zwischen uns. Ein angenehmes Gefühl.
„Joachim von Löw.“
„Hallo Herr Löw, Frau Merkel hier.“
„Ah… ja. Bitte machen Sie es kurz, wir bereiten uns schon auf das Spiel vor.“
„Herr Löw, es ist zu mir vorgedrungen, dass Sie dem Spiel gegen Holland fernbleiben wollen, um ein Zeichen für die Menschenrechte in der Ukraine zu setzen.“

Irgendjemand musste mich verpetzt haben. Ich tippte schwer auf Mertesacker, der schon die letzten Tage mit einer Fresse wie acht Tage griechischer Premierminister herumläuft, weil ich ihn zum stellvertretenden Zeugwart ernannt habe. Er soll schließlich eine sinnvolle Aufgabe haben.

„Das ist korrekt“, sagte ich zu Merkel. „Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen.“
„Wissen Sie, Herr Löw, das würde ja meine politischen Zeichen in den Hintergrund drängen, denn ich bleibe dem Spiel ja auch fern.“
„Frau Merkel, es tut mir leid, aber ich habe meine Prinzipien. Mir liegen die Menschen der Ukraine so sehr am Herzen.“
„Mir doch auch, aber…“
„Aber?“
„Viel Erfolg fürs Spiel heute Abend, Herr von Löw.“
Damit legte sie auf.

Voller Vorfreude auf einen ruhigen, klimatisierten Abend zog ich mich auf mein Zimmer zurück und legte mich mit meinem Laptop aufs Bett. Draußen machte sich die Mannschaft für die Abfahrt ins Stadion bereit. Es waren sicher 35 Grad. Stand im Internet. Dann sah ich plötzlich diese Schlagzeile: „Hans van Breukelen: Ich bin verliebt in euch Deutsche.“ Ich las weiter und erfuhr, dass der frühere niederländische Torhüter nun unsere Mannschaft ganz toll findet, weil sie so tollen Fußball spielt. Und dann sagte er noch, dass er es im Achtelfinale der WM 1990 etwas übertrieben habe. Er schäme sich bis heute.

Sollte das ein Witz sein? Der Erzfeind wollte die Erzfeindschaft beenden? Wenn es nicht mal mehr Hass zwischen Deutschland und Holland gäbe, zwischen wem dann? Würde Ronald Koeman vielleicht das Deutschland-Trikot, mit dem er sich einst den Hintern abwischte, frisch gewaschen der Kanzlerin überreichen? Sollten wir vielleicht bald nicht mehr mit Stahlhelm gegen die Holländer antreten? Würde Frank Rijkaard Patenonkel von Rudi Völlers Kindern werden? Würde sich das auch auf andere Länder ausbreiten? Würde die Sun übermorgen titeln „Why we love the Germans“? Van Breukelens Geständnis hatte die Kraft, alles zu zerstören, was Fußball ausmacht, nämlich die Feindschaft zwischen Staaten, die ihre Feindschaft zwar nicht mehr auf dem Schlacht- dafür aber auf dem Spielfeld austragen.

Das musste ich verhindern. Holland musste heute so dermaßen geschlagen werden, dass der Hass auf ewig geschürt sein würde. Dass van Breukelen nach dem Spiel sagte „Die Deutschen sind und bleiben riesige Arschlöcher“. Diese Aufgabe aber konnte ich nicht Hansi überlassen, der zwar hervorragend die Auswechslungen in der Halbzeit durchgeben konnte, mir aber ansonsten in allen Bereichen deutlich unterlegen war. Ich meine es nicht böse, Hansi, als Trinkfreund schätze ich dich sehr (Ich weiß, dass du mein Tagebuch liest).

Ich warf meinen Laptop beiseite, rannte die Treppe hinunter nach draußen und winkte Richtung Bus, der sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Er stoppte, ich drücke mich durch die Tür, schob Hansi beiseite und ließ mich keuchend auf meinen Sitz fallen.
„Hab’s mir anders überlegt“, sagte ich. „Sich vor Ort für die Menschenrechte einzusetzen, ist doch besser.“ Am Stadion angekommen lief ich schnell in den VIP-Bereich und beauftragte zwei EU-Abgeordnete der Grünen, ein Protestplakat hochzuhalten.„Irgendwas Kritisches eben.“

In meiner Kabinenansprache spannte ich einen weiten historischen Bogen, der echtes Hansi-Format hatte. Allen war klar, was auf dem Spiel stand. „Was ist der Zweite Weltkrieg?“, fragte Götze, „und wer ist van Breukelen?“
Bevor wir die Kabine verließen, räusperte sich Gomez noch mal: „Leute, eine Sache noch: Spielt mich nur flach an. Ich habe ein Attest von meinem Frisör.“

Das Spiel ging gleich gut los. Nach einigen Minuten meinte ein Balljunge zu mir, ich würde nach Schweiß riechen wie ein alter Mann, der nicht mehr gewendet wird. Als er nicht hinsah, schlug ich ihm den Ball aus der Hand. Strike, virales Video!

Teil 1 meiner Aktion „Neuer Hass“ war bereits nach 38. Minuten erfüllt. Ich weiß nicht, wer sich da als Mario Gomez verkleidet hatte, doch er machte seinen Job verdammt gut gegen dieses niederländische 0-3-3-System. Nun aber musste ich vorsichtig sein. Die Seniorenauswahl Noord-Brabant durfte nicht 5:0 geschlagen werden, dann wäre sie zu sehr vernichtet gewesen, um noch zu hassen. Es musste Benzin ins Feuer, nicht Wasser. Teil 2 stand deshalb unter dem provozierenden Motto „Ein Abwehrspieler schießt ein Tor“. Badstuber scheiterte knapp, sogar Boateng versuchte es in der 41. Minute. Er war direkt von der Disko aufs Spielfeld durchgerannt. In der zweiten Halbzeit traf Hummels nach einem Solo über 400 Meter nur den Torhüter. Ich überlegte noch, Mertesacker für Gomez in den Sturm zu stellen, aber dann fiel mir ein, dass ich Mertesacker ja bereits zurück nach Danzig geschickt hatte, um mein Hotelzimmer zu saugen und sich darum zu kümmern, dass ich ein paar Kabelkanäle auf meinen Fernseher bekomme.

Also befehligte ich stattdessen meine eigene Mannschaft nach hinten, um die Holländer zu Chancen kommen zu lassen. Sie sollten doch noch einmal am Ausgleich schnuppern, damit die Niederlage umso mehr schmerzte. Der Anschlusstreffer gelang ihnen allerdings erst in der 73. Minute, als ich Neuer gerade eine Pommes rot-weiß spendiert hatte und Badstuber sein Facebook-Profil aktualisierte. „Hey Leute, gerade lief van Persie an mir vorbei. Voll das Opfer.“

Erst nach Spielende erkannte ich, dass wir die Niederländer noch ein weiteres Mal gedemütigt haben. Wenn sie noch das Viertelfinale erreichen wollen, sind sie auf unsere Hilfe angewiesen. Mein Plan ist auf ganzer Linie aufgegangen. Noch schöner als Holland zu schlagen, ist eben, Holland bei einer Europameisterschaft zu schlagen. Ich gehe noch lange nicht schlafen. Muss die neuen Kabelkanäle testen.

Donnerstag, 14. Juni – Meine Lakaien

Die wichtigste Aufgabe eines Fußballtrainers ist es, sich möglichst viele Spieler gefügig zu machen. Das erspart ihm, die lästigen Dinge des alltäglichen Lebens selbst zu erledigen. Boateng besorgt mir den Alkohol, wenn Busfahrer Wolfgang keinen mehr hat, damit er das Nachtleben genießen darf. Mertesacker hat die völlig aus der Luft gegriffene Hoffnung, noch eine Minute bei diesem Turnier zu spielen. Er räumt deshalb mein Zimmer auf und besorgt mir DVDs auf dem Danziger Schwarzmarkt. Dazu kommen diese ganzen Bankdrücker, die ich allein schon deshalb nicht einwechseln kann, weil ich ihre Namen nicht kenne. Im Training nenne ich sie bloß „Du da“ oder „Nein, du“. Neu im Klub der willigen Helfer ist Lukas Podolski, der genau weiß, dass er auf meiner Abschussliste steht. Jedem Journalisten sollte klar sein, dass ich das nicht positiv meine, wenn ich über einen Offensivspieler sage „Aber er hat gut nach hinten gearbeitet“. Nun versorgt er mich mit Schokolade und Kartoffelchips aus dem Supermarkt, da unser fieser Streberkoch alle Süßigkeiten verboten hat.
„Zwei Tüten habe ich gesagt, Lukas, sonst wird das nichts mit dem 100. Länderspiel.“
„Klar Trainer, ich geh gleich nochmal los.“

Gerade hatte ich mich mit der Schokolade auf dem Bett niedergelassen, um endlich die DVD-Box „Die großen Diktatoren“ anzufangen, als mein Handy klingelte.
„Graf von Löw.“
„Ja hallo, Herr Löw, hier ist Erich Ribbeck. Ich wollte Ihnen ganz herzlich nachträglich zum Geburtstag gratulieren… ach ne, das war ja ich, der gestern 75 geworden ist. Vielen Dank auch.“
„Und warum rufen Sie dann an? Überhaupt… Ribbeck... Ribbeck? Helfen Sie mir doch mal auf die Sprünge.“
„Bundestrainer, EM 2000, Paulo Rink… Herr Löw, Sie brauchen mich gar nicht so abschätzig behandeln. Ich habe einen großen Verdienst daran, dass die Nationalmannschaft heute so ist, wie sie ist. Bei mir fing das alles an.“
„Das wäre ja so, als würde Hitler sich als Gründervater des Staates Israel bezeichnen.“
„Ähem… hallo? Eine Nummer kleiner haben Sie es wohl nicht.“
„Wann sind Sie eigentlich zuletzt gewendet worden?“
„Das lasse ich mir nicht bieten.“
„Herr Ribbeck, nicht mal Ihre Frau hat an Ihren Geburtstag gedacht, oder?“
„Ich muss jetzt auflegen.“

Abends gingen Hansi und ich ins Danziger Stadion, um uns die Hinrichtung der Iren durch die Spanier anzusehen und um Boateng zu berichten, mit wem seine Gina-Lisa wieder über Eurokrise und Kant diskutierte. Das brauchten wir aber nicht, denn es war Boateng selbst.
„Trainer, kann nachher später werden. Okay?“
„Klar, man ist nur einmal jung“, sagte ich. „Aber vergiss die Kondome nicht. Du bist nicht der erste, der seine Angel in ihren Teich wirft.“
„Selbstverständlich, Trainer.“
„Wir sind nur gute Freunde“, fauchte Gina-Lisa dazwischen.
Ach ja, der Jerome. Schön, dass es wieder einen Mario Basler im Team gibt.

Auf dem Spielfeld absolvierten die Spanier gerade ein paar lockere Trainingseinheiten, es stand bereits 4:0. Mit Zufriedenheit stellte ich fest, dass Spanien wieder zu der Weltmacht wurde, die ich mir als Gegner vorgestellt habe. Da stimmten die irischen Fans einen Gesang an, weil sie schon stolz auf ihre Mannschaft waren, dass die sich überhaupt für die Europameisterschaft qualifiziert hatten. Es breitete sich im ganzen Stadion aus, und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ich blickte zu Hansi hinüber, dem auch schon der Pippi in den Augen stand.
„Hansi“, sagte ich, „du, ich möchte dir etwas sagen.“
„Was denn, Jogi?“
Er blickte mich erwartungsvoll an.
„Hansi, du bist für mich so viel mehr als der Typ, der in der Halbzeit die Auswechslungen durchgibt.“
„Etwa ein Freund?“
„So weit würde ich nicht gehen, aber mindestens ein guter Bekannter. Sollen wir mal Handynummern austauschen?“
„Oh ja.“
Es war ein so wunderbarer Moment, und die Sonne versank in der Ostsee.

Als wir dann mit dem überfüllten Linienbus zurück ins Hotel fuhren, fauchte ich Hansi an. „Du stehst auf meinem Fuß, du dämlicher Idiot. Ach ja, und nur fürs Protokoll: Ich habe dir die falsche Handynummer gegeben.“

Freitag, 15. Juni – Mein Leben als Füllmaterial

Du weißt, dass mit diesem Tag etwas nicht stimmt, wenn du die Tür öffnest und Mehmet Scholl läuft im Zimmermädchen-Dress über den Flur. In der Hand ein Tablett mit Teller, Brötchen, Wurst und Kaffee.
„Hallo Jogi“, sagte er. „Sorry, aber ich bin in Eile. Auf dem Weg zu Mario. Er wünscht jetzt sein Frühstück. Weißt du, ob er zwei oder drei Stücke Zucker nimmt?“
„Zwei“, sagte ich.

Etwas irritiert trat ich auf die Terrasse. Das Wetter war herrlich. Plötzlich stehe ich im Stadion zu Charkow und sehe diesen Balljungen vor mir stehen. Ich kann nicht anders, schlage ihm den Ball aus der Hand und grinse. Ich schüttelte den Kopf und setzte mich zu Hansi an den Tisch.
„Hast du das gerade auch gesehen?“, fragte ich.
„Was gesehen?“
„Ach, schon gut.“

Heute habe ich ausnahmsweise mal das Mannschaftstraining geleitet. Per Mertesacker schloss gerade meinen Festplattenrekorder an, da wollte ich ihn nicht stören und hielt das für eine gute Gelegenheit, mal den Zustand der Mannschaft zu überprüfen. Gerade ging es in einem Trainingsspiel hoch her – Bayern-Spieler gegen Dortmunder – als Tim Wiese sich nach einem Zweikampf das Knie hielt. Er humpelte an den Spielfeldrand, Doc Müller-Wohlfahrt kümmerte sich um ihn.

Ich ging auf die beiden zu und plötzlich gibt mir da ein Spieler des VfB Stuttgart den DFB-Pokal, ich reiße ihn in die Höhe, mein erster großer Titel als Trainer. Wir haben Cottbus keine Chance gelassen. Als ich den Pokal weitergeben will, sieht mich Doc Wohlfahrt an.
„Wo waren Sie denn gerade?“, fragte er.
„Na hier vor Ihnen.“
„Nee, Sie waren einfach verschwunden.“
„Schluss jetzt mit dem Blödsinn, wie steht es um Tim?“
„Der sollte heute besser pausieren.“
„Okay, dritter Torhüter bitte aufs Feld. Ähem.. ähem… wer war das doch gleich?“
„Ron-Robert Zieler“, flüsterte mir Hansi ins Ohr.
„Ron-Robert?“, rief ich. „Ron-Robert?“
Nichts tat sich.
„Wo ist Ron-Robert?“, fragte ich.
Alle kratzten sich am Kopf.
„Hat ihn heute schon jemand gesehen?“
Wieder keine Antwort.
„Hat ihn überhaupt schon mal jemand gesehen?“
Irgendetwas stimmte da nicht.
„Also er ist auf jeden Fall in Frankfurt ins Flugzeug gestiegen“, meinte Lahm.
„Danke, Philipp“, sagte ich und warf ihm ein fröhliches-freches Kaubonbon zu. Mario Götze schielte neidisch herüber. Plötzlich fiel ihm auch etwas ein.
„Oh… verdammt, ich glaube, den haben wir in Charkow gelassen nach dem Spiel gegen die Niederlande. Wir sollten uns doch in Zweier-Reihen aufstellen und dann Hand in Hand ins Flugzeug gehen. Und wir sind ja 23. Er ist übrig geblieben. Da muss er wohl verloren gegangen sein.“
„Heißt das, er steht noch in Charkow?“, fragte ich.
„Ich glaub schon.“
„Mmm… so richtig dringend brauchen wir ihn ja nicht. Und wenn etwas mit ihm passiert wäre, hätten wir das schon erfahren. Also kümmern wir uns später darum.“
Das Spiel endete 7:2 für die Dortmunder, und die spielten ohne Torhüter.

Als die anderen schon zu den Duschen schlichen, nahm ich Mario Gomez beiseite.
„Sag mal Mario, warum bringt dir Mehmet Scholl eigentlich den Kaffee ans Bett?“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich seine Entlassung bei der ARD fordere, wenn er nicht irgendwie Reue zeigt wegen seiner Beleidigungen.“

Ich musste niesen. Als ich meine Augen wieder öffnete, sieht mich meine Mutter mit ernstem Gesicht an. „Sohn, nach der Schule kommst du direkt nach Hause und das mit dem Fußball kannst du vergessen. Das ist keine Sportart für dich. Klar?“

Samstag, 16. Juni – Mein Spaß heißt Trauer

Der Fußball ist ein ungerechter Henker. Er enthauptet besonders gerne jene, die am wenigsten damit rechnen. Nur weil ich immer mit ihm rechne, bin ich ihm stets einen Schritt voraus. In der Gruppe der ohnehin schon geheimen Geheimfavoriten, auch bekannt als Gruppe Y, haben sich nun die geheimsten unter ihnen durchgesetzt. Mit großer Freude nahm ich die traurigen Blicke der polnischen Fans und Spieler zur Kenntnis. Was hattet Ihr denn erwartet? Dass Ihr auf einmal Fußball spielen könnt, nur weil ihr im eigenen Land spielt? Hansi und ich schlugen uns beim Fernsehen auf die Schenkel, als würden wir „Der Superstau“ gucken (Erinnerung an mich selbst: Mertesacker soll mir den Film besorgen) und vergaben Noten für das niedergeschlagenste Gesicht. Es ist wichtig, dass man sich von Tränen nicht rühren lässt, das macht einen unangreifbar, gerade im Zusammenhang mit Frauen.

Der heutige Abend hat mich von meinem Plan Abstand nehmen lassen, im Spiel gegen Dänemark Marko Rehmer und Marco Bode auflaufen zu lassen. Ich habe gerechnet und gelesen, aber ich kapiere einfach nicht, wer wann in unserer Gruppe weiterkommt und was die Aszendenten damit zu tun haben. Das Beste ist also, wir gewinnen, und dafür brauche ich zumindest die zweite Garnitur, also die Bayern-Spieler. Heute haben sie gegen die Dortmunder im Training nur noch 1:5 verloren, fast hätte Schweinsteiger sogar einen Elfmeter verwandelt (Innenpfosten). Es geht also aufwärts.

Auf dem Flug nach Lemberg, das hier niemand Lwiw nennt, auch wenn „Lemberg“ so klingt, als würden wir es zurückfordern (es hat uns aber ja nie gehört, es waren die Österreicher), also auf dem Flug dorthin erzählte Hansi mir eine interessante Geschichte, die mich sogleich auf eine verrückte Idee brachte für die Zeit nach meiner Karriere als Bundestrainer. Ein Bekannter hatte ihn angerufen und erzählt, dass er bei den Deutschland-Spielen nur sehr leise jubeln könne, weil nebenan die Kleine schläft. Darauf achte seine Frau sehr.

Ich stelle mir das für den Prenzlauer Berg vor, diesem einzigen Ort Deutschlands, an dem die Hochschulabsolventen noch Kinder bekommen. Wenn wir da jetzt morgen das 1:0 schießen, dann wollen die Väter gerade aufspringen, um wie verrückt den Viertelfinaleinzug zu feiern, doch da sagt die Ehefrau „Psst, bist du verrückt? Torben schläft noch. Er hat morgen Tennis und Posaune.“ Und dann müssen die Väter sich freuen, als würden sie auf der Toilette sitzen. Und im ganzen Bezirk bleibt es still wie in einem evakuierten Braunkohledorf.

Wenn es mir irgendwann zu langweilig werden sollte, ständig Welt- und Europameister zu werden, eröffne ich einen Eierkarton-Laden für fußballbegeisterte Väter im Prenzlauer Berg.
„Waren da mal Bio-Eier drin?“
„Natürlich!“
„Kann ich die Eier mal sehen?“
„Ähem…“

Sonntag, 17. Juni – Ein Tag wie jeder andere

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürgerinnen, was für ein langweiliger Sonntag. Es gibt solche Tage, an denen das Leben in meinen Adern pulsiert, in dem die Geschichtsbücher umgeschrieben werden. Tage, an denen etwas passiert, mit dem niemand gerechnet hat, auch ich nicht. Der heutige Tag allerdings gehört nicht dazu. Alles lief, wie ich es erwartet habe.

Am Morgen kam Wolfgang Niersbach zu mir und bat um ein Autogramm für einen Bekannten. Dabei wussten wir beide, dass er es für sich selbst haben wollte. Im Training verschossen die Bayern wieder sämtliche Elfmeter, was die Dortmunder dazu bewog „So sehen Sieger aus“ anzustimmen. Gomez trug ein mit Draht verstärktes Haarnetz. Während des Mittagessens programmierte mir Mertesacker HBO in meinen Fernseher, er konnte ja später mit den Bediensteten in der Küche essen. Bei der Kaffeetafel am Nachmittag löffelte sich Tim Wiese die Sahne nicht auf den Kuchen, sondern ins Haar. Lahm wollte die Kuchenreste sammeln und zu Frau Timoschenko ins Gefängnis schicken. An manchen Tagen verkauft er sie auch und spendet das Geld. Boateng kam um kurz nach drei herein und sagte „Morgen, Leute“.

Und dann habe ich die Frage, wer für ihn auf der rechten Abwehrseite spielt, gelöst wie immer. „Lars oder Sven und Benedikt – ich sehe was, was Ihr nicht seht, und das ist …“

Nach dem Eintreffen im Stadion habe ich Özil auf die Toilette gesperrt, einfach, weil ich es konnte. Er stand ja bei dieser EM bekanntermaßen noch keine Sekunde auf dem Platz. Während des Spiels leistete ihm dann immerhin ein dänischer Abwehrspieler Gesellschaft. Khedira zog sich seine Tarnkappe über. Bevor es auf den Platz ging, habe ich die klare Anweisung gegeben: „Wir spielen auf Unentschieden, nur so können wir sicherstellen, dass wir nicht ausscheiden, aber gleichzeitig die Niederländer auf jeden Fall rausfliegen.“ Schützenhilfe hätte die deutsche Nationalmannschaft in Holland möglicherweise so beliebt gemacht, dass mir übel geworden wäre.

Müller hatte das auch sofort begriffen und gleich zu Beginn den Ball völlig falsch erwischt. Podolski hingegen, mit den Beinen wie üblich schneller als im Kopf, vergaß natürlich sämtliche Anweisungen und ballerte die Kugel ins Tor. Das ärgerte mich sehr, zumal die Holländer auch noch mit 1:0 in Führung lagen. Deshalb gab ich auch gleich den Befehl, den Ausgleich zuzulassen. Was gar nicht so einfach war, denn die Dänen hatten gar nicht vor, die eigene Hälfte zu verlassen.

Erst als die Portugiesen die Partie gedreht haben, konnte ich wieder Fußball spielen, der nicht wie die Belagerung Wiens durch die Türken aussah. Weil ja der Fußball so schöne Geschichten schreibt, ließ ich gleich selbst eine schreiben. Deshalb beorderte ich Sven/Lars/Hennes/Manni/Lawrence Bender, der ja laut Presse in seinem ganzen Leben nur 16 Minuten auf dem Fußballplatz gestanden haben soll, mit lauten Rufen nach vorne. Ich war erstaunt zu hören, dass Fußballdeutschland vor dem Fernseher zitterte. Meine Absichten waren doch eindeutig.

Nach dem Spiel dann das übliche Gegurke. Philipp Lahm sagte mal wieder keinen einzigen originellen Satz ins Mikro, aber er will ja in Interviews ohnehin nur zeigen, dass er jetzt auch Bartwuchs hat. Lars Bender sagte, wie wichtig der Sieg für die Mannschaft war… und die Mannschaft stand im Vordergrund… natürlich auch schön für mich… aber die Mannschaft, die Mannschaft, die Mannschaft. Ich kann es nicht mehr hören. Wenn ich so einen Ball reindrücke, denke ich doch nicht „Die Mannschaft, die Mannschaft, die Mannschaft“. Wer hat denen befohlen, wie ein UN-Diplomat nach einer Sondersitzung zum Nahostkonflikt zu sprechen? Ach ja, richtig – ich. Morgen bringe ich ihnen erstmal ein paar ordentliche Beschimpfungen bei. Alle Kinder haben doch solche Wörter drauf, nur meine Klosterschüler nicht. Wie wollen die so im echten Leben überstehen?

Und nun sitze ich mit Hansi und Busfahrer Wolfgang hinten im Flugzeug, der 1,99-Euro-Wein schmeckt schön scheußlich. Mertesacker schenkt uns nach. Vorne legt Boateng für alle, die schon volljährig sind, ein paar House-Platten auf. Gerade kam Niersbach vorbei und hielt mir sein Handy hin „Die Kanzlerin will Sie sprechen.“
Ich sah ihn tadelnd an: „Jetzt nicht. Du siehst doch, dass wir gerade Wichtigeres zu tun haben. Aber hier hast du ein Autogramm.“

Montag, 18. Juni – Davon griech ich nie genug

Unabhängiger Journalismus gehört zu den Nebenwirkungen der Demokratie, die ich gelernt habe hinzunehmen. Fußballreporter überbieten sich gegenseitig darin zu fragen, wie man sich gefühlt habe, wie man sich gerade fühle und wie man sich fühlen werde. Heute Morgen aber sprach ich mit einem jener Exemplare, die in der Politikredaktion keinen Platz gefunden haben, aber trotzdem denken, sie könnten etwas verändern.

„Herr Löw, finden Sie es nicht bedenklich, dass McDonalds und Coca-Cola die Hauptsponsoren der EM sind und dass auch Spieler Ihrer Mannschaft Werbung machen für Lebensmittel, die nicht gerade gesundheitsfördernd sind?“
„Das sind doch alles ganz tolle Produkte, die zur Basisernährung eines jeden Sportlers gehören.“
„Cola, Cornflakes, Burger, Bier, Schokopudding und Nutella sollen gut für einen Sportler sein?“
„Sie tun ja gerade so, als sei das Gift. Wollen Sie, dass die Spieler den ganzen Tag Streuwiesenobst essen?“
„Na ja, es gibt ja auch noch was dazwischen.“
„Sie reden vielleicht einen Unsinn daher. Wenn Sie mir nicht glauben, dann werden meine Spieler in den nächsten Tagen nur essen, wofür sie und die Uefa auch werben.“
„So war das nicht gemeint. Ich will ja nicht das Projekt von nationaler Bedeutung gefährden.“
„Nein, nein, das machen wir jetzt.“

Als ich der Mannschaft den Entschluss verkündete, regte sich Widerstand.
„Trainer“, sagte Manuel Neuer, „Wir machen ja nicht dafür Werbung, weil wir die Produkte so toll finden, sondern weil wir Geld dafür bekommen. So wie Sie für diese Hautcreme.“
„Aber Ihr werdet doch trotzdem für nichts Werbung machen, von dem ihr nicht überzeugt seid. Ihr spielt doch auch nicht bloß wegen der Prämien für die Nationalmannschaft, oder?“

Es folgte nicht gerade das angenehmste Schweigen.

„Wie dem auch sei, ab heute nur noch Cola, Bier, Nutella, Cornflakes, Hamburger, Pommes. Und Olli – für dich nur Schokoladenpudding. Denn: Dany Sahne von Danone, davon kriegt der Olli nie genug. Los geht’s. Mittagessen!“
Olli schluckte. Koch Stromberg tischte widerwillig auf. Ich hatte ihn mit dem Versprechen überzeugt, dass er in der nächsten Woche all seine geliebten Biovollkornnudel- und Fairtradereisrezepte kochen dürfe.

Beim Mittagessen setzte sich Wolfgang „die graue Maus“ Niersbach zu mir. „Hat die Kanzlerin Sie schon erreicht?“
Ich sah auf mein Handy. Vierundneunzig nicht angenommene Anrufe.
„Nö, kein Anruf.“
„Merkwürdig… auf jeden Fall ist es dringend. Rufen Sie sie bitte zurück.“
„Wieso? Sie will doch was von mir.“
„Sie ist die Kanzlerin.“
„Ich bin der Bundestrainer.“
Wolfgang verdrehte die Augen und zog ab. Er spurt allmählich.

Um zu sehen, wie sich die neue Ernährung auf die Leistungen der Spieler auswirkte, begutachtete ich sie ausnahmsweise mal wieder beim Training. Das klingelnde Handy ignorierte ich. Sie schleppten sich über den Platz, einige schwankten bedenklich, Lahm ging zum Kotzen hinter einen Baum.
„Ihr habt wohl nicht ausreichend gegessen“, sagte ich, „dann mal ab in die Küche, da wartet noch ein leichter Snack auf euch. Olli, das gilt auch für dich. Dany Sahne von Danone, davon kriegt der Olli nie genug.“

Alle fluchten laut, leisteten aber keinen Widerstand und zogen Richtung Küche.

Ich sah auf mein Handy. SMS von Ron-Robert Zieler. „Hallo Trainer, bin noch in Charkow, kann mich jemand abholen?“ Da kam mir eine Idee.
„Marco und Per, Schluss jetzt mit dem Gefresse. Ihr schnappt euch ein Auto unseres Prämiumpartners und holt Ron-Robert in Charkow ab.“
„Trainer, wir haben jeder vier Cola-Bier getrunken“, sagte Marco.
„Na und? Ohne drei Klare hätte ich meine Führerscheinprüfung niemals bestanden. Abfahrt!“
Die Schlangenlinien, die sie fuhren, hielt ich für unbedenklich.

Nun ist es bereits kurz nach Mitternacht, sie sind bisher nicht zurückgekehrt, aber das sind schließlich auch 1500 Kilometer. Die Weinrunde fiel heute aus, Hansi und Wolfgang entschuldigten sich mit Magenverstimmung. Schlechtes Frittenfett. Hansi war schon im Stadion relativ still gewesen, als wir uns den spanischen Finanzbeamtenfußball angesehen hatten.

Aus Langeweile habe ich deshalb eben die Kanzlerin angerufen.
„Sie wollten mich sprechen?“
„Herr Löw, welch Freude. Ich wollte nur fragen, ob alles okay ist mit dem Team. Sie wissen, wie wichtig es ist, dass wir diese undankbaren, dreckigen Griechen aus dem Turnier werfen.“
„Och ja, die halbe Mannschaft ist betrunken oder hat es am Magen, zwei Spieler fahren gerade in Schlangenlinien in die Ukraine, aber machen Sie sich mal keine Sorgen. Gegen Griechenland wollte ich sowieso die Uwe-Seeler-Traditionself auf den Platz schicken. Das reicht völlig.“
„Wollen Sie sich das nicht nochmal überlegen? Die Griechen, diese verfluchten, müssen vernichtet werden, dass sie um Gnade winseln. Das letzte Selbstbewusstsein muss ihnen ausgetrieben werden, damit wir ihnen unseren Siegfrieden aufdrücken können.“
„Entschuldigung, Frau Merkel, da ist gerade eine Störung in der Leitung. Ich rufe Sie später noch mal an.“

Danach aß ich meinen Dany Sahne. Die Leute von Bayer haben es wirklich drauf.

Dienstag, 19. Juni – Der Vater der Brut

In der Hölle des Boulevards ist Spiegel Online nur ein Elektro-Grill. Aber wer seine Hand mal auf einen Elektro-Grill gelegt hat, weiß, wie heiß das werden kann.

Der Tag begann mit Vogelgezwitscher und Sonnenschein, der auf meiner Nasenspitze tanzte. Und dann rufe ich diese Website auf und muss feststellen, dass sie da über eine Frau berichten, die während der Fernsehübertragungen von meinen Lippen abliest und das in aller Welt bei diesem Twitterding verbreitet. Hat diese Frau denn keinen Anstand? Ist das vielleicht strafrechtlich relevant? Ist das Ausplaudern von Staatsgeheimnissen? Ich lasse mir mein Recht, unbeobachtet zu fluchen, nicht nehmen.

Als ich noch einigermaßen verärgert zum Frühstück runterkam, saß dort zu meiner Überraschung Jerome Boateng. Nicht mit kleinen Augen, nicht mit dem Kopf auf dem Tisch, sondern eindeutig wach. Er aß ein Müsli mit Obst.
„Guten Morgen, Trainer“, sagte er.
„Morgen, Jerome. Müsstest du um diese Uhrzeit nicht noch im Club sein?“
„Das ist jetzt vorbei. War heute schon um fünf Uhr joggen. Die Luft ist herrlich um diese Zeit. Haben Sie übrigens schon den Artikel auf Spiegel Online gelesen über die Lippenleserin?“

Das überhörte ich.

„Jerome, ich weiß, du willst am Freitag gegen die Griechen spielen. Aber denkst du, das erreichst du, wenn du tugendhafter bist als Lars oder Sven oder wer auch immer? Bitte fang du nicht auch noch an, mich zu langweilen. Du bist meine letzte Hoffnung, dass auch Fußballer Spaß im Leben haben können.“
„Aber, Trainer…“
„Jerome, bitte!“
„Mmm… okay, wenn ich mich beeile, kriege ich noch den Zug nach Berlin. Bis Morgen, Trainer.“

Es ist so einfach, mich glücklich zu machen. Zufrieden setzte ich meine Runde durch den Speisesaal fort. Was machten eigentlich die ganzen Spielerfrauen hier? Richtig, ich hatte meinen Jungs ein paar intime Stunden erlaubt. Spielerfrauen gehören zu den schlimmsten Erfindungen der Evolution. Sie lenken die Spieler bloß ab, und sehen außerdem alle so aus, als würden sie Tina oder Claudia heißen. Meiner Frau habe ich verboten, mich in Polen auch nur anzurufen. Das hätte die sofortige Scheidung zur Folge, und das weiß sie auch.

Neben Philipp lag ein gestrandeter Wal.
„Na Philipp, bekommst du bald einen kleinen Bruder?“, fragte ich und legte meine Hand auf seine Schulter.
„Aber Trainer, das ist doch meine Frau, ich werde in zwei Monaten Vater.“
„Ach was, da wird das Kind ja noch vor dir eingeschult.“
„Müssen Sie sich immer so über den Philipp lustig machen?“, blökte die Spielerfrau und sah mich böse an.
„Lass mal, Claudia, der Trainer meint es nicht so. Trainer, haben Sie eigentlich schon den Artikel über die Lippenleserin gesehen? Schon 2000 likes bei Facebook.“

Ich verdrehte die Augen und ging weiter. Am nächsten Tisch saß Schweini mit seiner Freundin Sarah. Die Stimmung war angespannt.
„Nein, ich will jetzt nicht mit dir für deinen Auftritt bei Dalli, Dalli üben“, sagte er.
„Es ist aber wichtig. Du musst mir doch bloß in 15 Sekunden alle Kleidungsstücke nennen, die dir einfallen.“
„Na wenn es unbedingt sein muss.“
„Super. Also... Dalli, Dalli.“
Um es abzukürzen - „Du hast siebzehn Mal Fußballtrikot gesagt, das muss ich sechszehn mal abziehen. Bleibt ein Punkt. Und, wie war ich?“
„Du bist und bleibst eine Spielerfrau.“

Weil ich das anschließende Geflenne nicht ertragen konnte, ging ich nach draußen auf die Terrasse und setzte mich an den Tisch zu Hansi, Olli und Wolfgang Niersbach, der sich mal wieder das Rührei reinschaufelte. Wie immer, wenn es was umsonst gab. Typische Funktionärsangewohnheit. Ich möchte gar nicht daran zurückdenken, wie Sepp Blatter sich mal nicht den Nudelsalat auf den Teller schaufelte, sondern gleich die Schüssel mitnahm. Olli versuchte gerade, per Handy seine Facebook-Aktien loszuwerden.
„Hat schon jemand was von Per und Marco gehört?“, fragte ich, „die sind wohl noch immer unterwegs, um Ron-Robert abzuholen.“
„Nein, haben wir nicht“, sagte Niere. „Aber haben Sie schon von der Lippenleserin gelesen, da war ein Artikel auf Spiegel Online. Schon 3000 likes bei Facebook.“
„Wolfgang, du bist so 9:27 Uhr.“

Wir diskutierten, ob wir etwas gegen diese Frau unternehmen sollten, und einigten uns dann darauf, einfach fortan die Hand vor den Mund zu halten. So machten es auch die Spanier.

„Dann ist es vorbei mit ihrer Popularität“, sagte ich und grinste.
„Es sei denn, sie hat auch noch einen Röntgenblick“, sagte Olli, der nach Beendigung seines Telefonats 20.000 Euro verloren hatte, „man hört ja immer wieder von diesen Leuten, denen ein Sinn fehlt, dass sie mit den verbliebenen Sinnen Wunderdinge anstellen können.“
„Ja, so wie du Olli. Du hast nur noch den Tastsinn für Geldscheine aus aller Welt und der ist bei dir außerordentlich ausgeprägt.“

Da hatte ich mal wieder einen rausgehauen. Olli guckte nur blöd und zog dann ab. Den Rest des Tages konzentrierte ich mich darauf, die Anrufe von Angela Merkel zu ignorieren. Hatte diese Frau nichts Besseres zu tun? Am Abend drückte mir dann Wolfgang sein Handy in die Hand und sah mich verhältnismäßig böse an. „Sie ist dran. Jetzt sprich mit ihr!“

Ich möchte nur das Ende des Gesprächs wiedergeben.

„Und Sie meinen wirklich, dass sich Griechenland schlagen lässt, wenn wir Jens Nowotny als Libero aufstellen?“, fragte sie. „Sie wissen, dass eine Niederlage meinen Rücktritt nach sich ziehen würde, weil ich dann nicht mehr handlungsfähig wäre?“ „Bei allem Respekt, Frau Merkel, den ich nicht für Sie habe, aber ich muss erstmal darauf achten, dass ich handlungsfähig bleibe. Ihnen dürfte klar sein, dass Deutschland lieber auf seine Regierung als auf seine Nationalmannschaft verzichtet.“

Die Stille danach klang wie eine Fanfare in meinen Ohren.

Mittwoch, 20. Juni – The guyest guy in town

Gerne wäre ich ein Mensch von hässlichem Wuchs. Von hässlichen Menschen erwartet niemand, dass sie sich ständig um ihr Aussehen Gedanken machen oder welches Jackett sie nun tragen. Da sagen sie: „Seine zerschlissene Jeansjacke passt zu seinem zerschlissenem Gesicht.“ Es hat sich aber so ergeben, dass ich ein auffällig schöner Mann bin, und deshalb erwarten die Leute in diesen Sachen so viel Kompetenz von mir wie beim Fußball. Dabei habe ich diese erstens nicht und will sie zweitens auch nicht haben. Der blaue Pullover damals bei der WM in Südafrika war eine Wahl meines Sponsors, zuhause frage ich meine Frau. Ich, Joachim Löw, der größte FeldherrBundestrainer aller Zeiten, habe keine Ahnung von Mode.

Ich sage das auch deshalb, weil… nun ja, es gab einen Vorfall. Es war heute beim Mittagessen. Ich saß am Erwachsenentisch und sah ein paar Meter weiter Klose, Götze, Schmelzer, Gündogan und Lahm miteinander reden. Ich hätte doch zu gerne gewusst, was sie dort besprachen. Wahrscheinlich lästerten sie über mich, diese aufsässigen Bengel, weil ich immer dieselben Spieler aufstelle. Unruhe war das letzte, was das Team brauchte.

Wenn ich doch hätte Lippen lesen können. Wenn ich doch hätte Lippen… der Blitzeinschlag einer Idee traf mich. Ich zog mein Handy aus der Tasche und filmte die Unterhaltung aus der Ferne. Dann wandte ich mich zu Hansi.

„Hansi, schick doch mal dieses Video an diese Lippenleserin. Du weißt schon, Spiegel Online, 40.000 likes. Sie soll mir sagen, was die Kiddies da über mich lästern. Dann setze ich mich auch dafür ein, dass das Finale ausschließlich in Gebärdensprache kommentiert wird und Bela Rethy die Fresse hält.“
„Wird erledigt.“
Hansi verließ die Runde.

Während ich wartete, checkte ich meine Mails. Ach was, Post von Marco Reus. „Hey Trainer, haben Ron-Robert gefunden, sind nun auf dem Rückweg. Es hat nicht alles auf Anhieb geklappt. Na ja, erzählen wir Ihnen, wenn wir wieder da sind.“ Ich befürchtete das Schlimmste.

Nach einer halben Stunde kehrte Hansi zurück.

„Und?“
„Sie sagt, ob Rethy kommentiere oder nicht, könne ihr ja herzlich egal sein. Da sei ihr die Gehörlosigkeit mal von Vorteil. Aber dafür verlangt sie, dass unsere Jungs beim nächsten Spiel die Hymne in Gebärdensprache singen.“
„Nun gut, von mir aus. Also, was hat sie herausgefunden?“
„Sie hat es mir aufgeschrieben. Warte, hier ist unsere Karte.“
„Die Drei Fragezeichen – wir übernehmen jeden Fall. Erster Detek…“
„Oh, vertan. Hier ist der Zettel.“

Ich las.

Götze: „Glaubt Ihr auch, dass Löw schwul ist?“
Gündogan: „Warum das denn?“
Götze: „Wenn man seinen Namen bei Google eingibt, wird sofort ‚schwul‘ vorgeschlagen. Und dann macht er auch noch Werbung für Nivea.“
Lahm: „Ist doch egal, ob er schwul ist. Er bleibt ein Mensch wie du und ich.“
Götze: „Klar, dass du das sagen musst. Wenn man deinen Namen bei Google eingibt, wird ja auch sofort ‚schwul‘ vorgeschlagen.“
Lahm: „Darf ich dich daran erinnern, dass ich in zwei Monaten Vater werde?“
Mario: „Das war ein dickes Kissen. Und jetzt gib mir das letzte fröhlich-freche Kaubonbon.“

Ich war schockiert und blickte zu Hansi.
„Sei ehrlich mit mir, hältst du mich auch für schwul?“
„Na ja, du hast schon ziemlich glatte Haut.“

Das reichte. Nur damit das klar ist: Ich habe ja nur wenige Vorbehalteüberhaupt nichts gegen Schwule, aber ich muss ja trotzdem nicht unbedingt für einen gehalten werden. Wütend stürmte ich in mein Zimmer und schloss hinter mir ab. Nachdem ich so einige Zeit wütend gewesen war, schmiedete ich einen Plan. Irgendwie musste ich ihnen beweisen, dass ich ein echter Kerl war. So ganz beiläufig. Sie durften ja nicht wissen, dass ich ihre Gespräche belauscht hatte. Das hieß: Nivea-Creme in den Müll, aufhören, die Beine zu rasieren. Grundsätzlich weniger rasieren. Hemd eine Nummer größer. Und dann rief ich meine Frau an.

„Joachim, ich dachte, du wolltest mich während der EM nicht anrufen.“
„Süße Daniela, aber ich bin doch ganz wild auf dich. Komm her zu mir, ich will Liebe mit dir machen.“
„Jetzt sofort?“
„Sobald wie möglich. Ich erwarte dich heute Abend. Und zieh dein heißestes Outfit an.“
„Du weißt aber schon, dass ich aussehe wie ein gestrandeter Wal.“
„Unsinn, du bist der Mount Everest der Leidenschaft.“
„Joachim, so habe ich dich ja noch nie erlebt. Ich dachte schon, du wärest…“
„… schwul? Ich hab die Nivea-Creme weggeworfen.“
„Ich packe schon.“

Vor einer halben Stunde ist sie eingetroffen. Ich sagte: „Jungs, meine Frau ist da, ich will nicht gestört werden. Ihr versteht schon, was ich meine. Und rechnet morgen Vormittag mal nicht mit mir. Botschaft angekommen?“ Niere rief noch hinterher, dass Frau Merkel unbedingt mit mir… aber da hatte ich schon die Tür zugeschlagen.

Wenn man meinen Namen bei Google eingibt, wird als erstes „Balljunge“ vorgeschlagen.

Donnerstag, 21. Juni – Wir gewinnen anders

Es ist ein schönes Gefühl, neben einer Frau aufzuwachen, die man dafür nicht bezahlt hat. Besser kann ich Liebe nicht beschreiben. Allerdings ist man immer damit beschäftigt, dem Mundgeruch des anderen auszuweichen. Also warf ich das Laken meiner Frau beiseite und empfahl ihr, die Zähne zu putzen.
„Vorher gibt es keinen Jogi-Kuss.“
Sie grummelte kurz und stand dann auf. Wenn schon Fremde, also meine Spieler, darauf hören müssen, was ich sage, dann muss es meine Frau erst Recht.

Eine halbe Stunde später schob ich meine Frau mit meiner Hand an ihrem Hintern in den Speisesaal.
„Morgen Jungs“, sagte ich, „bin noch etwas müde. Ist gestern spät geworden. Ihr versteht, was ich meine.“
„Was denn, Trainer?“, fragte Philipp.
„Dafür bist du noch zu jung.“
„Aber ich werde in zwei Monaten Vater.“

Großes Gelächter in der Runde.

„Also, wer es gestern nicht mitbekommen hat, das ist meine Frau. Sie hat heute Nacht in meinem Bett geschlafen. Und seht mal her, was ich jetzt in meiner ganzen Männlichkeit mache.“
Voller Zuneigung beuge ich mich zu meiner Daniela und schob ihr die Zunge in den Hals. Sie war etwas überrascht von so viel Zärtlichkeit und fing an zu husten. Sie hörte gar nicht mehr auf.
„Sie ist wohl nichts Größeres mehr…“, setzte Schweini an.
„Da will wohl jemand vorzeitig mit dem Training beginnen. Abmarsch, Herr Schweinsteiger. Wenn Ihr schon morgens nur über Sex reden wollt, dann lasse ich ein Diktiergerät hier, komme drei Stunden später wieder und schicke es zum FREITAG. Dem Redakteur wird es die Schamesröte ins Gesicht treiben. Ach sorry, ihr seid ja noch keine 18.“

Doch noch bevor irgendwer ein Diktiergerät einschalten oder zum Trainingsplatz joggen konnte, hörten wir von draußen ein merkwürdiges Geräusch. Erst war es nur ein leises Röcheln, das aber, je näher es käm, in ein lautes Scheppern überging. Dann erstarb es. Neugierig gingen wir auf den Exerzierplatz Hof. Dort erblickten wir einen Blechhaufen. Was konnte das sein?
„Geil, die siebte Staffel von Lost hat begonnen“, sagte Schweini.

Doch bevor ich begriff, was er damit meinte, krochen Marco Reus, Per Mertesacker und Ron-Robert Zieler heraus. Der Blechhaufen war tatsächlich mal ein Mercedes gewesen. So ganz gesund sahen sie nicht aus. Löcher in den Jeans, mehr als die, die sie Mode nannten, Schrammen im Gesicht, blaues Auge, Blutschorf auf der Stirn. Aber Marco grinste schon wieder. „War geil gewesen.“

Die Mannschaft versammelte sich wieder im Speisesaal, und die drei berichteten. Wie ich ihren Schilderungen entnahm, war nicht alles so glatt gegangen, wie sie es erhofft hatten. Sie waren schon betrunken losgefahren, zu viel Cola-Bier, und gleich an der ersten Kreuzung in ein Polizeiauto gerast. Dass polnische Polizisten nicht mehr so korrupt waren wie früher, bedeutete nur, dass sie mehr Schmiergeld wollten. Bis zur ukrainischen Grenze war dann alles problemlos gelaufen, doch plötzlich hießen die Straßen nur noch Juschtschenko-Straße, Juschtschenko-Allee, Juschtschenko-Platz. Das erschwerte die Orientierung. Die Sache wurde nicht einfacher dadurch, dass Marco seine weißen Jeans trug und deshalb von allen für einen deutschen Arzt gehalten wurde, der Timoschenko entführen wollte, um sie in Deutschland zu behandeln. Die Polizei wich nicht von ihrer Seite.

Ron-Robert fanden sie dann an einer Schnellstraße in Charkow, ausgeraubt bis auf die Unterhose. Seine Versuche, zu trampen, waren gescheitert. Man hielt ihn für einen deutschen Arzt, der versucht hatte, Timoschenko zu entführen, dann aber vom Geheimdienst aufgegriffen und scharf verhört worden war. Vor dem Rückweg tankten sie erst noch mal Cola-Bier, weil es ihnen ja doch ganz gut geschmeckt hatte.

Als sie schon wieder eine Weile unterwegs waren, meinte Marco zu Ron-Robert, er solle doch mal seinen Hintern aus dem Fenster strecken. Das könnten sie fotografieren und dann bei Facebook posten. Leider überholten sie genau in dem Moment eine Kolonne holländischer Wohnwagen, die sich nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft auf die lange Heimreise gemacht hatten. Diese fanden es gar nicht lustig, direkt auf Ron-Roberts nackten Arsch zu sehen, und drängten die Jungs von der Straße ab, wo sie sie im Anschluss furchtbar vermöbelten. Als sie dann schon in Danzig waren, kollidierten sie noch mit Boateng, der gerade mit einem geliehen Lamborghini auf dem Rückweg vom größten Rave in Polen war.
„Ich soll Ihnen ausrichten, Trainer, dass er noch einen Tag in Berlin verbringen wird, weil ihm klar geworden ist, wie schnell so ein Leben vorbei sein kann“, sagte Marco.

„Ich denke, auf diesen Schreck haben wir uns alle einen trainingsfreien Nachmittag verdient“, meinte ich. Großer Jubel bei allen. Nur bei einem natürlich nicht.
„Philipp, ja du darfst natürlich ein paar Runden auf dem Trainingsplatz drehen. Aber gegen Griechenland spielt sowieso niemand von euch.“

Es war nämlich so, dass ich dieses Vorbereitungsspiel aufs Halbfinale nutzen wollte, um eine Best Of Schrecken auflaufen zu lassen. Christian Ziege, Dieter Eilts, Zoltan Sebescen, Christian Wörns, Jens Jeremies und Didi Hamann hatte ich schon erreicht. Nun arbeitete ich noch an meinem größten Coupe: Nachdem Günter Hermann bei der WM 1990 kein einziges Spiel bestritten hatte, sollte er nun endlich seinen größten Auftritt bekommen.

Der Vollständigkeit wegen gebe ich noch das übliche Gespräch mit Frau Merkel wieder.

Ringringring.

„Ach was, der Terminator ruft an.“
„Ha ha, sehr witzig, Herr Löw. Den Spruch hat der Rösler heute schon gebracht. Von Ihnen hätte ich etwas mehr Originalität erwartet.“
„Frau Merkel, falls Sie wieder nur wissen wollen, wie es dem Team geht – alles ist in Ordnung. Ich werde sogar einige Profis ins Spiel schicken, die Griechen keinen einzigen.“
„Herr Löw, noch einmal möchte ich Sie eindringlich darauf hinweisen, dass das Europa unter Deutschlands Vorherrschaft auf dem Spiel steht. Griechenland muss unter der Knute unseres schönen Landes bleiben. Erst danach kann ich mich um Spanien, Portugal und Italien kümmern. Ein Sieg morgen ist deshalb von existentieller Bedeutung.“
„Irgendwie klingen Ihre Machtfantasien wie meine.“
„Und damit nichts schiefgeht, bin ich morgen im Stadion, wie Sie ja sicher mitbekommen haben.“
„Ja, Hansi und ich haben einen dreifachen Luftsprung gemacht, als wir davon gehört haben.“
„Meinen Sie das ernst?“
„Sind Sie bescheuert?“
„Wie reden Sie mit der Kanzlerin? Nach dem Spiel komme ich natürlich in die Kabine.“
„Wegen der medienträchtigen Fotos?“
„Nein, um mich einmal richtig durchnudeln zu lassen.“
„Meinen Sie das ernst?“
„Sind Sie bescheuert?“
„Machen Sie sich über mich lustig?“
„Herr Löw, kann es sein, dass Sie dieses Gespräch nur führen, damit Ihr Tagebucheintrag länger wird?“
„Ich lege jetzt auf.“

Freitag, 22. Juni – Einer für alle, alles für Löw

Das Leben hat mich zwei Dinge gelehrt. Erstens: Röstzwiebeln und dänischer Gurkensalat passen zu allem außer Schokoladenpudding. Zweitens: Wenn du dick bist, dann steck dein T-Shirt nicht in die Hose.

Ich bin noch erschüttert von den Ereignissen dieses Tages. Denn ich habe Dinge gesehen, die mich begeisterten, entsetzten, verwirrten und ängstigten. Ich habe Dinge gesehen, die nur ein in sich ruhender Mensch, wie ich es bin, erträgt. Doch ich muss sie aufschreiben, um sie schneller zu verarbeiten. Denn ich sah auch in die Löw’schen Abgründe.

Mein Tag begann damit, dass ich aus dem Bad kam und ein mir unbekannter Mann an meinem Schreibtisch saß. Er trug einen Trainingsanzug aus Baumwolle, kurzgeschnittene Haare und eine Brille aus Draht. Sein Blick war streng wie der von Felix Magath. Mit der Hand gebot er mir, Platz zu nehmen.

„Moment mal, wer sind Sie überhaupt und was machen Sie in meinem Zimmer?“
„Bitte setzen Sie sich, Herr Löw, dann erzähle ich Ihnen alles.“
„Ich will sofort eine Antwort.“
„Herr Löw, bitte setzen Sie sich und hören Sie mir aufmerksam zu. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist überlebenswichtig für Sie.“

Ich war so verblüfft angesichts seiner Dreistigkeit, dass ich der Bitte nachkam.

„Mein Name ist Otto Nerz und ich starb am 19. April 1949 im Alter von 56 Jahren. Zwischen 1926 und 1936 war ich der erste Trainer der deutschen Fußballnationalma….“
„Moment mal, wenn Sie doch tot sind, warum sehe ich Sie dann?“
„Es ist sinnlos, alles mit dem Verstand erfassen zu wollen. Wichtig ist, dass Sie mir zuhören. Sonst werden Sie heute Abend die längste Zeit Nationaltrainer gewesen sein.“
„Aber Sie kommen mir überhaupt nicht bekannt vor. Ich habe noch nie von Ihnen gehört.“
„Glauben Sie etwa, dass der DFB die Erinnerung an seine Zeit im Nationalsozialismus wachhält? Ha… ha.“
„Was haben Sie mir nun mitzuteilen?“

Und dann erzählte er seine Geschichte: Es war bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Deutschland spielte in der 2. Runde des Fußballturniers gegen Norwegen und war klarer Favorit. Der DFB-Präsident hatte vorher durchgesetzt, wichtige Spieler zu schonen und ein paar Frischlinge zu bringen, Nerz hatte zu gehorchen. Es saß mächtig NS-Prominenz im Stadion, sogar Hitler war gekommen, obwohl er sich sonst nie Fußball ansah. Und dann verlor Deutschland das Spiel mit 2:0, beide Treffer erzielte ein Mann mit dem nicht gerade arischen Nachnamen Isaksen.

„Damit war ich erledigt“, sagte er.
„Traurige Geschichte, aber was hat das mit mir zu tun?“
„Verstehen Sie nicht? Ihr Team ist ebenfalls klarer Favorit heute, das Land erwartet diesen Sieg, Frau Merkel ist im Stadion…“
„Frau Merkel ist nicht Adolf Hitler.“
„Das ist im Prinzip richtig, auch wenn das Ausland es gerade etwas anders sieht, aber Frau Merkel braucht diesen Sieg mehr als einen Wahlerfolg. Sie hat es Ihnen doch in den letzten Tagen eindringlich klargemacht. Wenn Sie das heute vergurken, sind Sie weg vom Fenster. Für immer. Dann ist es egal, dass Sie den deutschen Fußball modernisiert haben, wie ich es einst tat.“

Plötzlich fing ich an zu schwitzen. So hatte ich das noch nie gesehen. Denn auf was würde ich schon zurückfallen? Auf nichts. Okay, zum Ende meiner Spielerkarriere beim Schweizer Zweitligisten Schaffhausen hatte ich mit ein paar Kollegen einen Motivkrawattenvertrieb aufgemacht, aber das war ordentlich daneben gegangen. Nach einer Entlassung bliebe mir nichts anderes übrig, als wieder alberne Krawatten zu verkaufen. Noch konnte ich den Gedanken verdrängen.

„Warum sollte ich Ihnen das überhaupt glauben? Sie haben gegen Norwegen verloren, sie Loser! Wer war damals überhaupt Ihr Nachfolger?“
„Sepp Herberger. Der Schuft hat ordentlich mit an meinem Stuhl gesägt, er war damals mein Assistent und wollte unbedingt meinen Posten haben. Völlig krank, dieser Kerl.“

Die Tür wurde aufgerissen. Ein schrumpeliger alter Mann schoss ins Zimmer und warf sich auf Nerz. Sie fielen zu Boden und rauften eine Weile, bis ich die beiden trennte. Es dauerte etwas, bis sie wieder ruhig atmeten.
„Und Sie sind Sepp Herberger, richtig?“
„Genau. Es wurde mir einfach zu bunt. Herr Nerz soll aufhören, Lügen zu erzählen. Ich habe nicht an seinem Stuhl gesägt, er war einfach unfähig. Außerdem war ich damals schon der heimliche Chef. So wie Sie bei der WM 2006, Herr Löw. Hat er Ihnen übrigens erzählt, dass er Antisemit war? Bestimmt nicht.“
„Na ja, und was waren Sie denn, Herr Herberger?“, fragte Nerz.
„Ich war bloß Mitläufer. Sie aber haben den Scheiß auch noch geglaubt.“
„Und Sie haben mitgemacht, obwohl Sie wussten, dass das scheiße war“, sagte Nerz.
„Alte Kamellen! Außerdem wurden Straßen nach mir benannt, da kann ich wohl kaum ein Antisemit sein. Mit einem aber hat Herr Nerz Recht. Wenn Sie das heute Abend verlieren, dann sind Sie weg vom Fenster. Deutschland verzeiht Ihnen vieles, aber sicher keine Niederlage gegen ein Land, in dessen Adern laut Bildzeitung nur noch deutsches Geld fließt. Ich meine, was wäre das für eine Botschaft? Wer Schulden hat, kann immer noch Europameister werden. Kein Geld schießt doch Tore.“
„Wir verlieren nicht“, sagte ich.
„Na dann nehmen Sie das Spiel bitte ernster“, sagte Herberger.
„Also kein Traditionself des Grauens, kein Ramelow, kein Wörns, kein Rink?“ „Nein. Und auch weniger Bayern-Spieler. Die versagen doch, wenn es drauf ankommt.“
„Mmm.“

Den Nachmittag verbrachte ich düster sinnierend in meinem Zimmer. Sägte Hansi schon an meinem Stuhl? Hatte er bereits mit Merkel telefoniert? Aber es war doch der treue Hansi. Welche Rolle spielte Niersbach? Musste ich Juror beim Supertalent werden oder Lothar Matthäus‘ Maskenbildner? Nerz und Herberger hatten in dieser Zeit immerhin die Güte, ihre Diskussion, wer nun den deutschen Fußball erfunden hatte, draußen fortzusetzen.

Pünktlich zum Anpfiff des Spiels entdeckte ich die beiden aber hinter mir in der ersten Reihe.
„Genießen Sie die 90 Minuten“, sagte Nerz, während er sich eine Bratwurst genehmigte, „es könnten Ihre letzten sein. Was ist das eigentlich für eine miese Bratwurst?“
„Nimm Röstzwiebeln und dänischen Gurkensalat dazu“, sagte Herberger. „Das geht immer.“
„Geht nicht, habe schon Schokosauce genommen.“

Danach habe ich die beiden nur noch einmal wahrgenommen. Nach dem 1:1. Da schüttelten sie synchron ihre Köpfe und wiesen mit dem Kopf Richtung Hansi. Zum selben Zeitpunkt schickte mir Merkel eine SMS.
„Wenn ich untergehe, dann reiße ich Sie mit.“

Die übrigen SMS, die sie mir während des Spiels zukommen ließ, klangen zufriedener.
„Die griechische Seele ist eine Piñata. Dreschen Sie einfach immer weiter auf sie ein.“
„Ich will die nicht nur am Boden, ich will die im Boden!!!“
„Raus aus der Euro, raus aus dem Euro.“
„Ein Fest! Ein Fest! Ein Fest! Endlich kann ich die Bedingungen diktieren.“
„Platini spuckt beim Sprechen.“
„Innenminister Friedrich hat gesagt, der Özil gehört ja gar nicht zu Deutschland.“ „Es ist so oh oh ohne dich und wenn du einsam bist, denkst du vielleicht auch mal an mich ..?“

Gut, dass ich die Erlebnisse des Tages gerade mit Hansi und Busfahrer Wolfgang und ein paar Flaschen Wein herunterspülen konnte. Wir saßen in meinem Zimmer und sahen uns nochmal das Spiel an. Das einzige, was mir neben Marco Reus‘ Frisur noch Sorgen macht, ist die Körperspannung von Angela Merkel. Sogar Niere wirkte neben ihr auf der Tribüne gelenkiger, sie sprang bei den Toren langsamer auf als ein Sack Mehl in Superzeitlupe.

Ich finde es auch ungeschickt, wenn Leute mit Speckrollen das T-Shirt in die Hose stecken. Außerdem sah es so aus, als würde sie gar keine Hose tragen. Das war mir schon unangenehm aufgefallen, als sie uns kurz nach dem Spiel in der Kabine besucht hatte. Wolfgang meinte, so etwas habe er zuletzt gesehen, als er eine Gruppe von Senioren nach Bad Münstereifel gefahren habe, damit sie sich in Heinos Café mit seiner Haselnusstorte vollstopften. Wir lachten herzlich. Es war zwar auch ein fieses Lachen, aber gemeinsam Lachen ist immer schön. Hansi und Wolfgang – vielleicht habe ich endlich die Freunde gefunden, die ich nie haben wollte.

Nein, ich weine nicht, ich schlafe bloß in einem Bottich voller Zwiebeln.

Samstag, 23. Juni – Der Fantasy-Roman wird 60

Der Sieg der Spanier gegen Frankreich ärgerte mich. Auf einmal kam mir unser Triumph gegen Griechenland so minderwertig vor. Die Spanier waren nicht höher gesprungen, als sie mussten. Wir aber hatten alle Karten auf den Tisch gelegt. Wir hatten mit all unseren Kanonen auf Spatzen geschossen.
„Hast du je eine Mannschaft gesehen, die mit einem so großen Desinteresse ein Spiel gewonnen hat?“, fragte ich Hansi abends vor dem Fernseher. „Ballbesitz als purer Selbstzweck.“
„Wollen wir nicht lieber die erste Folge von Lothars Doku-Soap gucken?“, fragte Hansi, „Tom Bartels‘ Stimme macht mich schon wieder total müde.“
„Kommt doch erst morgen.“
„Aber ich schlafe glei…“
Ich blickte zur Seite. Auch Busfahrer Wolfgang schnarchte bereits, dabei hatte er bloß zwei Flaschen Wein geleert.
Nur ich konnte nicht einschlafen. Ich hatte Angst.

Das erste Mal fiel es mir heute Morgen auf. Nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, war das Bild der sackähnlich jubelnden Merkel noch immer auf meiner Netzhaut eingebrannt. Ich ging ins Bad und wusch mir die Augen mit Seife aus. Das half nur einigermaßen. Fürs Halbfinale musste ich sie irgendwie davon überzeugen, nicht ins Stadion zu kommen. Denn sonst würde dieses Bild nie mehr verschwinden.

Es klopfte an der Tür. Ich öffnete. Mein Briefträger aus Freiburg drückte mir eine Zeitung in die Hand und ging weiter. Ach ja, die Jubiläums-BILD. Da hatte ich ja beim Frühstück etwas zu lesen, was nicht so schwer im Magen lag. Die Jungs von Diekmann ließen hier ja ohnehin jeden Tag eine Palette abwerfen, damit wir Boateng nicht selbst fragen musste, was er in der Nacht zuvor wieder angestellt hatte.

Die Öffentlichkeit geht ja davon aus, dass mein Verhältnis zur BILD ein angespanntes ist. Besonders, weil die ja immer die ersten sind, die irgendwelche Aufstellungen lange vor Anpfiff in der Welt verbreiten. Im aktuellen Fall habe ich selbst übrigens die Aufstellung ausgeplaudert, damit die Welt noch mehrere Stunden vor dem Anpfiff Zeit hatte, meine Änderungen zu bewundern. Während des Spiels ging es den Fans ja doch wieder nur um die Tore.

Um das einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist falsch, dass ich irgendetwas gegen die BILD habe. Ich sehe das sportlich und habe Respekt, weil sich deren Schnüffler wirklich alle Mühe geben. Ich vermute, dass die jeden Angestellten in unserem Mannschaftshotel mit einer Kamera und einer Dauerüberweisung ausgestattet haben. Es gab auch schon Tage, an denen haben sich Journalisten als Oliver Bierhoff und Niersbach verkleidet, die Tarnung fiel nur auf, als die echten auftauchten. Die Fälschungen sahen allerdings besser aus. Bei einigen Spielern habe ich sogar den Verdacht, dass sie hauptberuflich Journalisten und nicht Nationalspieler sind (Gündogan, Höwedes, wer sind diese Leute?). Sie klettern auch auf jedes Dach, verstecken sich im Gepäckfach des Mannschaftsbusses, seilen sich von Gott weiß woher ab. Und das nur, um herauszufinden, welches Haarspray Mario Gomez benutzt oder wie viele Eier Schweinsteiger zum Frühstück isst.

Und wenn ihnen die Realität zu langweilig ist, und dafür können sie schließlich nichts, schaffen sie sich ihre eigene Realität. Die BILD hat denselben Reiz wie ein Fantasy-Roman. Es ist eine Welt voller Orks und Drachen und epischen Schlachten. Wenn man sich erstmal darauf eingelassen hat, kommt es einem völlig wahr vor.

Andere Journalisten lästern ja gerne über die Zeitung, aber was haben sie dem mit ihren grauen Blättern entgegenzusetzen? Überschriften wie „Uns stoppt keiner“ lesen die Leute, auch ich, einfach viel lieber als „Deutschland im Halbfinale“, und wenn es eben ganz viele Wortspiele mit Griechenland gibt, dann will ich die auch alle lesen. Die Konkurrenz hat ja auch längst eingesehen, dass der Boulevard regiert, und schreibt nun auch über Spielerfrisuren und –tattoos. Gebt den Lesern, was sie lesen wollen, nicht, was sie lesen sollen.

Wenn einer meiner Spieler einen väterlichen Rat von mir möchte und wissen will, welche Tageszeitung er lesen soll, empfehle ich ihm immer die BILD. Denn die BILD stellt das eigene Weltbild nicht in Frage. Die Spieler sollen nicht denken „Ach, im Nahostkonflikt sterben auch Palästinenser“, „Ach, die Griechen sind auch Menschen“, „Ach, die Welt geht gar nicht in 30 Jahren durch einen Monstermeteoriten unter“. Zweifel sind nicht gut, denn Zweifel beschäftigen den Kopf, in dem die Spieler aber nur den Fußball haben sollen.

In meinem Kopf war am Ende des Tages leider immer noch Merkel. Ich musste das noch vor der Geisterstunde klären und rief sie an.
„Frau Merkel, Sie sollen wissen, Sie liegen uns sehr am Herzen. Alle hier sprechen in höchsten Tönen von Ihnen. Doch Europa hasst Sie.“
„Ach Herr Löw, das ist der Hass, der später in Liebe umschlägt, wenn man erkennt, dass die strenge Mutter Recht hatte.“
„Selbstverständlich. Wir lieben Sie ja. Aber wir fürchten im Stadion um Ihre Sicherheit. Es wäre deshalb für uns alle besser, Sie kämen nicht zum Halbfinale. Denn wir brauchen Sie doch unbedingt für das große Finale in Kiew.“
„Ich soll nicht ins Stadion kommen?“
„Es bricht mir doch auch das Herz.“
„Es ist so oh oh ohne dich und wenn du einsam bist, denkst du vielleicht auch mal an mich ..?“
„Frau Merkel?!“
„Ich heiße Angela. Für Sie auch Sweet Angie.“
„Tuut… tuut…tuut.“

Neue Alpträume ersetzen die alten. So ist das im Leben.

Sonntag, 24. Juni – Endlich Europameisterschaft

Das Gekröse ist weg. 16 Mannschaften sind bei dieser Europameisterschaft angetreten. Acht davon waren auf dem Niveau der Färoer, vier auf dem von sagen wir Belgien.

Wer hat uns nicht alles mit seiner Anwesenheit belästigt? Die Gastgeber hätten sich besser aufs Gastgeben konzentriert und ihre Teams vor Turnierbeginn zurückgezogen. Dann waren da diese Tschechen, Tabellenführer in einer Gruppe voller Halbprofis und Ex-Fußballer, die Griechen, ha ha, die Griechen. Die Holländer und die Schweden haben sich ohne Gegenwehr in den Urlaub schicken lassen. Die Engländer hatten die Fitness einer Gruppe Achtjähriger nach der Nachtwanderung im Ferienlager in der Eifel. Waren die Franzosen eigentlich dabei oder sind die schon in der Qualifikation gegen Bulgarien rausgeflogen?

Beinahe hätte ich die Iren vergessen. Ja, ich höre es schon von allen Seiten, die irischen Fans hätten doch so toll gesungen und Atmosphäre und so weiter. Dann hätten sie sich vielleicht besser bei einem Gesangswettbewerb angemeldet. Es reicht doch, dass wir in der Qualifikation gegen jeden Flecken Erde in Europa antreten müssen, der sich für einen eigenen Staat hält. Wenn bei der nächsten Europameisterschaft sogar 24 Teams antreten, frage ich mich, was die Uefa sich noch alles ausdenkt, um den europäischen Spitzenfußball zu zerstören. Die haben sich gedacht: Wenn die Kuh nicht mehr Milch gibt, kippen wir einfach mehr Wasser in die Kanne.

Nun aber ist das Gekröse weg. Herrlich! Was jetzt noch im Turnier ist, hat wenigstens einigermaßen begriffen, wie moderner Fußball funktioniert. Nun werden die großen Schlachten geschlagen, nun treffen Weltstars aufeinander, Teams mit ruhmreicher Vergangenheit. Da kommen Pässe über 70 Meter zuverlässig an. Dass wir im Finale auf die Spanier treffen, ist dabei selbstverständlich. Es ist unglaublich, was ich aus Klinsmanns Team gemacht habe, das ja eher durch Willen als Können überzeugte. Viel ist die Rede davon, dass die Spanier mit ihrem Fußball langweilen, aber ich sage es ehrlich: Das Spiel gegen Frankreich hat mir Gefühle verschafft, die meine Frau schon lange nicht mehr bei mir auslöst. Der Wert eines Spiels bemisst sich ja nicht nur an Toren und Chancen. So wie sich der Wert eines Stilllebens ja nicht nur daran bemisst, wie viele Äpfel zu sehen sind.

Ich merke in meinem Team, dass es den Ernst der Situation begriffen hat. Mario Gomez hat seinen Friseur nach Hause geschickt („Du machst einen großen Fehler, Mario!“), Boateng kommt vor Tagesanbruch aus der Stadt zurück, Hummels hat mehrere Sekunden am Stück mal nicht gegrinst und Mesut Özil spielt im Training mittlerweile regelmäßig Passe, die nicht beim Gegner landen. Nur Philipp übertreibt es etwas mit seinem Versuch, den Maulwurf zu enttarnen (er weiß noch nicht, dass ich es selbst bin). Nicht nur, dass er ein Prämie von 10.000 Euro ausgesetzt hat für jeden sachdienlichen Hinweis. Heute hat er sich noch eine Pfeife angezündet und ist mit seinen Yps-Gimmicks durchs Hotel geschlichen, hat Zeugen befragt, Fingerabdrücke genommen. Auch die Spielerfrauen mussten antreten. Sarah Brandner nutzte die Gelegenheit und fragte Philipp „Begriffe, die Ihnen zum Thema Krimi einfallen, dalli, dalli.“ Schweinsteiger schlug die Hände über dem Kopf zusammen, womit er sich eine weitere Verletzung zufügte. Am Donnerstag spielt er vermutlich im Rollstuhl.

Pirlo!

Montag, 25. Juni – Ich heirate eine Familie

Ich bin nicht nur Trainer. Ich bin auch Vater. Heute Morgen kam Marcel Schmelzer zu mir.
„Herr Löw, Mario Götze hat sich seit vier Tagen nicht geduscht.“
„Lass den Vati mal gucken.“
Zusammen gingen wir ihn Marios Zimmer.
„Mario, ist das wahr?“, fragte ich ihn streng.
„Zuhause muss ich aber doch auch nur einmal pro Woche duschen, mit dem Shampoo, das nicht in den Augen brennt.“
„Du gehst jetzt sofort duschen“, befahl ich, woraufhin ihm die Tränen in die Augen stiegen. Aber das durfte mein Herz nicht erweichen.
„Glaub mir, dass tut mir mehr weh als dir.“

Während Mario unter die Dusche schlich, nahm ich einen merkwürdigen Geruch wahr. Ich schnüffelte mich zur Quelle und fand in Marios Rucksack drei zerquetschte braune Bananen unter einem Achterpack Capri-Sonne.
„Die packt ihm seine Mutter immer ein“, erklärte Marcel, „er isst aber überhaupt kein Obst. Kloppo hat ihn wegen der stinkenden Bananen schon mal Strafrunden laufen lassen.“
„Die Butterkekse nehme ich ihm auch mal besser weg.“
„Nicht die Kekse!“
Mario war gerade mit dem Duschen fertiggeworden.
„Mario, das ist nicht die Klassenfahrt ins Sauerland.“
„Aber es sind doch meine Glückskekse.“
Er sah mich mit großen traurigen Augen an wie ein Alpaka. Mein Widerstand war gebrochen. Mein Herz ist kein Kühlschrank.
„Aber iss sie wenigstens nicht im Solarium.“
Sogleich strahlte er wieder.
„Danke, Trainer!“

Auch im Erwachsenenflügel musste ich heute erzieherisch tätig werden. Eine aktuelle Umfrage hatte ergeben, dass Mats Hummels der attraktivste Spieler der EM sei und nicht mehr Mario Gomez wie noch vor Beginn des Turniers. Hummels hielt Gomez diese Nachricht unter die Nase, was diesem wenig gefiel.
„Du hast doch höchstens das bescheuerteste Grinsen“, rief Gomez. „Dein Gesicht sieht aus wie eine degenerierte Guy-Fawkes-Maske.“
„Und du siehst aus wie der der Typ in der Kleinstadt, der sein Abitur nicht packt und dort hängenbleibt und noch mit 40 die Zwölftklässlerinnen angräbt.“

Das war der Startpunkt für eine phänomenale Prügelei, in die sie verschiedene Speisen, Sitzgelegenheiten und Trinkgefäße einbezogen. Zum Glück gingen dabei auch die Kameras der flugs hinter den Büschen hervorgesprungenen BILD-Fotografen zu Bruch. Die Handys meiner Spieler zog ich ein, sonst würden sie bloß wieder Videos auf dieses Youtube hochladen. Dann beendete ich die Auseinandersetzung.

„Nun ist es aber gut. Seht Ihr nicht, was Ihr den Kleinen für eine Angst macht. Sogar Ilkay weint schon, dabei kommt er doch aus einer Familie mit archaischen Familienstrukturen und ist so etwas gewohnt.“
„Herr Löw, das ist jetzt aber ein böses Vorurteil, das sie da bedienen“, sagte Lahm.
Ich nahm mir vor, unseren UN-Beauftragten für Menschenrechte für diese neunmalkluge Bemerkung später von unseren zwei Bodyguards vermöbeln und an einem Autobahnzubringer vor Danzig aussetzen zu lassen.

Den Abend haben Hansi und ich uns freigenommen, um endlich die erste Folge von Loddars Lodderleben in der Vox-Mediathekanzuschauen. Wir hatten ja befürchtet, dass sich der tatsächlich mal beste Fußballer der Welt total lächerlich machen würde, bis kein halbwegs seriöser Verein auch je nur erwägen würde, ihn als Trainer zu verpflichten – und so kam es dann zum Glück auch. Wir nässten uns fast ein, als Lothar erklärte, welche Linien er im Kühlschrank zieht. Zu seiner Verteidigung sage ich aber, dass Thomas Helmers Kurzauftritt gezeigt hat, dass Matthäus nicht der einzige ist, der nicht ins Rampenlicht gehört, sondern in eine Kiste mit Vorhängeschloss.

Den Spruch des Tages lieferte Lothars aktuelle Freundin, im Matthäus-Sprech „meine Bardnerin“, ein mit Photoshop retuchiertes Dessousmodel aus Polen, das deshalb genau in sein Beuteschema passt. Als er ihr zum Frühstück eine Art Spiegelei vorsetzt, sagt sie „Ich sehe das erste Mal so scheiße Eier.“

Die deutsche Sprache kann so schön sein.

Dienstag, 26. Juni – Vier Prügeleien und kein Todesfall

Heute habe ich Schweini auf der Intensivstation besucht. Zum Glück ist er wieder aus dem künstlichen Koma erwacht, seinem Knöchel geht es den Umständen entsprechend. Ich habe seine Verletzung ehrlich gesagt zunächst unterschätzt, aber als ich ihn dort liegen sah, angeschlossen an diesen ganzen Schläuchen und Kanülen, wurde mir anders. Da merkst du erstmal, wie schnell so ein sorgenfreies Fußballerleben vorbeisein kann. Wir haben ein paar Worte miteinander gesprochen, aber er ist noch sehr schwach und musste nach jedem Satz pausieren.
„Wie geht es dir, Schweini?“
„Trainer, ich will unbedingt am Donnerstag gegen Italien spielen… ich will diesen Titel…“
„Werd erstmal wieder richtig gesund. Ich soll dir übrigens alles Gute von der Mannschaft überbringen.“

Das war eine Lüge. In Wahrheit hatte sich jeder gefreut, einen Konkurrenten weniger zu haben.
Bevor ich das Zimmer verließ, sagte er noch: „Trainer, sagen Sie Sarah, dass für Sie gesorgt ist… falls ich mal nicht mehr sein sollte.“
Ich wischte mir mit dem Ärmel übers Gesicht.

Als ich zurück ins unser Hotel kam, herrschte dort Krieg. Der Kampf um einen Platz in der Startelf nahm Formen an, die empfindliche Gemüter als übertrieben empfinden würden. Ich aber sagte „Solange es nicht genäht werden muss, ist es okay.“ Im Foyer hatten sich Reus und Schürrle in einen Wrestling-Kampf mit Müller und Podolski begeben. Sie hatten sich dazu extra ihre Unterhosen über die Trainingshosen angezogen und sich die Brust eingeölt. Hühnerbrust Schürrle lag allerdings nach drei Minuten bewegungslos unter der Couch, während Reus mit seinen haarspraygestählten Stachelschweinsträhnen Podolski mehrfach ins Auge gestochen hatte, bis dieser hinter einen Sessel geflüchtet war. Bei Redaktionsschluss dieses Tagebuchs war der Kampf noch nicht entschieden.

Boateng hingegen hat sein Duell gegen Bender ziemlich schnell beendet. Beim Mittagessen hatte unser Partyprinz von Zamunda ihm fünf Ecstasy-Pillen in den Orangensaft geworfen. Als ich vorhin noch einmal nachsah, tanzte Bender im Aufenthaltsraum noch immer zu „Leider geil“. Die Ärzte sagen, er wird heute Nacht einfach umkippen und ungefähr drei Tage kein Fuß mehr vor den anderen setzen können.

Etwas Sorge macht mir das Duell zwischen Gomez und Klose. Der Superkatholik Klose war ganz begeistert zu hören, dass der Papst sich möglicherweise das Halbfinale ansieht. Das ließ ihn das rechte Maß vergessen. Dass er morgens Gomez mit einem mustergültigen Salto umsäbelte, lasse ich ja noch als Bubenstreich durchgehen. Dass er aber im Anschluss die Tönung mit der Spülung vertauschte, ging doch zu weit. Er weiß doch, wie wichtig Mario seine Haare sind. Gomez revanchierte sich angemessen. Zuerst hetzte er ihm einen Awo-Altenpfleger auf den Hals, dann nahm er ihm seine Schnabeltasse weg, was ihn nahe an den Verdurstungstod führte. Der Zweikampf ist noch völlig offen, aber ich begrüße es, wenn die Spieler mir die Entscheidung abnehmen.

Überraschend hat sich auch unter den Funktionären ein Duell entwickelt. Bierhoff und Niersbach streiten sich darum, wer der zweitwichtigste Mann beim DFB ist. Da die beiden aber nicht über besondere Fähigkeiten, also genaugenommen über gar keine Fähigkeiten verfügen, ist der Zweikampf relativ öde. Sie sitzen sich bloß im Speisesaal gegenüber und versuchen, erst nach dem anderen einzuschlafen.

Ich möchte noch mit einer Fehlinformation aufräumen. Sony vermeldete vorhin, dass sich die Spieler schon den Film The Amazing Spider-Man ansehen durften. Özil soll wörtlich gesagt haben: „Klasse, dass wir den Film THE AMAZING SPIDER-MAN™ vorab in unserem Mannschaftshotel sehen konnten. Danke, dass unser Partner Sony das möglich gemacht hat.“ Das ist natürlich Blödsinn. Der Film hat schließlich erst eine Altersfreigabe ab 12 Jahren.

Mittwoch, 27. Juni – Eine Dystopie namens Fußball

Es war ein sonniger Tag im Juli 2048, als ich neben einem schwer bewaffneten Kevin Costner auf einem Boot aufwachte. Um uns herum nur Wasser. Das gefiel mir nicht so richtig und so fuhr ich mit dem DeLorean zurück in meine Gegenwart.

„Ist das Spiel etwa immer noch nicht vorbei?“, fragte ich Hansi, der seine Augen nur noch mit Mühe wachhielt.
„Ne, Elfmeterschießen.“
Ich blickte auf den Bildschirm und sah, wie der hässlichste Hund der Welt den Ball an die Latte setzte. Danach traf irgendein Spanier, und die Partie war beendet. Immerhin hatten sie es nicht mehr durch „Schnick, Schnack, Schnuck“ entscheiden müssen. Ich hoffe, den Spaniern ist die Würdelosigkeit bewusst, die ein Sieg durch Elfmeterschießen mit sich bringt.

Morgen ist ein anderes Fußballspiel. Ab viertel vor neun werden in Deutschland nur noch Lokomotivführer und Pizzaboten unterwegs sein. Alle anderen werden vor einem Fernseher oder einer Leinwand sitzen, Chips essen, Bier trinken und um den Einzug ins Finale zittern. Es entspricht nicht meinem Selbstverständnis, eine Prognose für das Match gegen Italien abzugeben. Es ist bloß ein leichtes Anschwitzen für das Spiel gegen Spanien mit ihrem Pipi-Kaka-Fußball.

Warum aber sind die Menschen so gebannt von diesem Spiel? Warum vergessen sie für zwei Stunden alles um sich herum? Die Leute denken, es ist wegen der Tore oder der Dribblings oder der Pässe. Das ist nur zu einem kleinen Teil richtig. Die Leute sehen zu den Spielern hinauf. Es ist wegen der Körperspannung.

Die Generation der unter 40-Jährigen zeichnet sich durch ein hohes Maß an Bequemlichkeit und Zufriedenheit aus – etwas, das früher den Älteren vorbehalten war. Diese Generation verspürt bis auf kurze Phasen des Aufbegehrens gegen die Trägheit des eigenen Körpers und des eigenen Geistes kein Bedürfnis nach Bewegung. Weil sie nicht muss, denn es ist für sie gesorgt.

Die Kunst der Körperspannung ist diesen Menschen deshalb fremd. Ihre Leiber sind schlaff, gekrümmt, füllig, rund. Ihre Muskeln können nur die einfachsten Bewegungen ausführen, und das auch nur für eine kurze Zeitspanne. Dann sind sie bereits außer Atem oder hungrig und müssen einen Schluck Cola Zero oder eine Mini-Pizza am Bahnhof zu sich nehmen.

Wer unter ihnen trotzdem über Körperspannung verfügt, denn bewundern sie grenzenlos. Wenn sie die deutschen Nationalspieler bei der Nationalhymne sehen, ist es die Erhabenheit der Körperspannung, nicht die Liebe zum Vaterland, die sie in Begeisterung versetzt. Sie sehen aufrechte Oberkörper, durchgedrückte Rücken, sie sehen entschlossene Gesichter, sie sehen Menschen mit einem Ziel. Sie sehen Menschen, die noch etwas wollen. Und das lässt sie vergessen, dass sie selbst nichts mehr wollen. Das Wollen der Nationalspieler wird zu ihrem eigenen Wollen. Das ist auch der Grund, warum David Hasselhoff sich ein Deutschlandtrikot gekauft hat.

Der einzige, der in meinem Team nicht über Körperspannung verfügt, ist Mesut Özil. Warum er trotzdem ein passabler Fußballer geworden ist, gehört zu den größten Rätseln der Menschheit.

Donnerstag, 28. Juni – Finaaaale, oh no

Es gibt Momente, in denen hast du nicht zu hadern und nicht zu hoffen. In denen hast du zu akzeptieren und zu gehen. Es war, bevor Beckmann und Scholl das in Frage stellten, was sie vorher feierten. Es war, bevor die Eventfans merkten, dass sie niemand vor dem Schmerz gewarnt hatte. Bevor die Menschen es mit Scherzen versuchten und sagten, dass sie nun keine Pizza mehr bestellten würden. Bevor Deutschland sich in 80 Millionen Bundestrainer verwandelte. Bevor die Menschen aus den Innenstädten flohen, als sei der nukleare Ernstfall ausgerufen worden. Bevor Ratlosigkeit Siegesgewissheit ersetzte. Bevor die italienische Verteidigung eine zweite Halbzeit mit grausamer Perfektion spielte. Bevor Oliver Bierhoff seine DFB-Aktien verkaufte.

Es war die 37. Minute, als ich die Fernsehregie darum bat, bis zum Ende des Spiels nur noch Archivmaterial von mir zu verwenden (WM 2010, EM 2008). Dann zupfte ich Hansi am Hemd, und wir verließen das Stadion durch einen endlos langen Tunnel. Busfahrer Wolfgang hatte die Tür bereits geöffnet. Wir stiegen ein, er reichte jedem von uns wortlos eine entkorkte Flasche Wein. Wir tranken und saßen, minutenlang. Es war absolut still. Von draußen fiel bloß das Licht einer Straßenlaterne in den Bus.

Eine halbe Stunde verging so. Dann räusperte sich Wolfgang. „Meine Frau hat mich mal in ein Museum geschleppt. Ein bisschen Kultur täte mir gut, hat sie gesagt. Es lief dort gerade eine Maya-Aufstellung, nicht nur dieser Quatsch mit dem Weltuntergang, sondern auch was zu ihrem Alltag. Es gab da so ein Spiel bei den Mayas. Hüftball. Bei dem durfte der Ball ausschließlich mit der Hüfte berührt werden. Ein echter Volkssport war das. In dem Museum lief auch ein Video, in dem Menschen Hüftball spielten. Es sah so unglaublich albern aus. Ich habe gelacht, bis der Museumswärter mich böse ansah. Wie konnte ein so alberner Sport eine so große Bedeutung gewinnen? Dass es heute niemand mehr spielt, wundert mich nicht. Na ja, und vorhin schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass auch Fußball… nur so eine Idee.“

Ich erinnerte mich an den Beginn meines ersten Tagebucheintrags: „Der Fußball ist neben dem Krieg das letzte Ereignis von weltumspannender Bedeutung. In beides stecken wir Zeit und Geld, das an anderer Stelle mehr bewirken könnte.“ Ich hatte mich geirrt. Fußball bewirkt. Wir haben ihn dazu ausersehen. Nur was er bewirkt, können wir uns nicht aussuchen.

„Fußball wird nicht mit der Hüfte gespielt“, sagte ich, „Fußball wird leider nicht mit der Hüfte gespielt.“

Dann schwiegen wir wieder und tranken.

Um 22.35 Uhr sah ich auf mein Handy.

„Mach mal die Tür auf, Wolfgang. Ich muss noch dem Europameister gratulieren und mir ein paar Fragen enttäuschter Fans Journalisten gefallen lassen.“
Als ich schon draußen stand, drehte ich mich noch einmal um.
„Hansi, sagst du den Spielern gleich, dass morgen um 10 Uhr Trainingsbeginn ist? Am 7. September ist unser erstes WM-Qualifikationsspiel gegen die Färöer.“

Damit endet Jogis Tagebuch.

Jogi Löw war damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch musste unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hielt sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer

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13:19 02.07.2012
Geschrieben von

Ausgabe 23/2021

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