Marienkäfer bedrohen Deutschland sehr (Lindberg 7)

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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel aus seiner Biografie. Diesmal belauscht er aus Versehen Thomas de Maizière auf der Herrentoilette.

November 2010 (III)

Wer mir die folgende Geschichte nicht glaubt, wird den Rest meiner Autobiografie erst recht für Fiktion halten. Denn sie gehört noch zu den gewöhnlichsten in meiner langen Karriere als erfolgreicher Meinungsmacher. Die Sache mit den atomar verstrahlten Marienkäfern und der Herrentoilette hat sich aber genau so zugetragen.

Ich hatte beschlossen, dass mein Blog an politischer Relevanz gewinnen musste und war deshalb zur Konferenz der deutschen Innenminister nach Hamburg gefahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland mal wieder wahnsinnige Angst vor einem Anschlag islamistischer Terroristen, der Grund ist mir entfallen. Ich hoffte, den Bundesinnenminister Thomas de Maizière oder einen seiner Landeskollegen abzufangen und sie zu fragen, wie sicher sie sich ihrer Sache waren.

Doch es kam anders. Und wie. Ich wartete mit den Vertretern der unseriösen Presse darauf, dass die Herren endlich mal aus ihrem Konferenzsaal traten und berichteten, auf was sie sich denn so geeinigt hatten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Als mir das zu lange dauerte, suchte ich eine Toilettenkabine auf und setzte mich. Ich ließ mir recht viel Zeit mit dem Geschäft und noch bevor ich die Sache beendete, hörte ich Schritte. Dann das Geräusch von Hosenschlitzreißverschlüssen und ein „Ah“ und noch ein „Ah“. Schließlich floss es ins Pissoir.

„Wir müssen der Bevölkerung endlich sagen, worin die wirkliche Gefahr besteht“, sagte eine mir unbekannte Stimme.
„Dafür ist der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen“, sagte eine andere Stimme, „niemand wird uns diese Geschichte abnehmen. Das klingt doch zu verrückt.“
Ich erkannte die Stimme sofort, es war die von Thomas de Maizière.
„Klar, es fällt schwer daran zu glauben, dass die Welt von atomar verstrahlten Marienkäfern vom Planeten Saturn bedroht wird, aber es ist nun mal so“, sagte die unbekannte Stimme, „und wir haben doch Beweise.“
„Sicher haben wir die, aber die könnten wir uns genauso gut ausgedacht haben“, sagte de Maizière.
„Also wenn die USA die Welt davon überzeugen konnten, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat, werden wir unser Volk doch davon überzeugen, dass wir von uns feindlich gesinnten Marienkäfern bedroht werden.“

Thomas de Maizière seufzte. „Ist es letztlich nicht egal, von was sich die Leute bedroht fühlen? Hauptsache sie fühlen sich bedroht. Wir haben doch damals die Sache mit der islamistischen Terrorverschwörung nach dem 11. September ausgeheckt, weil wir den Leuten einerseits noch nicht zutrauten, dass sie die Sache mit den Marienkäfern glauben würden. Andererseits sollten sie aber in einem Zustand der latenten Wachsamkeit versetzt werden, um sie schon mal mit dem Gefühl der Bedrohung bekanntzumachen.“
„Und nun müssen die Karten auf den Tisch“, sagte der Unbekannte, "gerade wegen der anstehenden Weihnachtsmärkte."
„Aber es war schon schwer genug, die Leute überhaupt von der Terrorverschwörung zu überzeugen“, sagte de Maizière, „schließlich klang es fast ebenso fantastisch, dass uns ein kleines Netzwerk verrückter Gläubiger so in unserer Existenz bedroht, dass wir die Flughäfen zu Hochsicherheitstrakten gemacht haben. Im Nachhinein ist es erstaunlich, dass niemand die Sache ernsthaft in Frage gestellt hat.“
Thomas de Maizière klang gereizt, doch sein pinkelnder Nebenmann ließ nicht locker: „Wir werden es nicht mehr lange verheimlich können, dass wir Marienkäfer am Flughafen gefunden haben, keine Paketbombe.“

Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich gelegentlich zu Dummheiten neige. Eine war es, in diesem Moment die Klospülung zu betätigen, weil es etwas streng zu riechen begann. Augenblicklich verstummten die beiden. Eine Weile war es totenstill.

„Wer ist dort?“, sagte de Maizière schließlich.
Ich sah mich schon in einer Folterkammer des Bundesnachrichtendienstes verenden. Doch mein Verstand ließ mich nicht im Stich.
„Bitte identifizieren Sie sich.“
De Maizière klang nicht so, als würde er mich gleich umarmen wie einen verlorenen Bruder. Ich öffnete die Tür, sah Herrn de Maizière und einen weiterhin unbekannten Menschen, vermutlich der Innenminister vom Saarland oder ähnliche Randgebiete, und sagte:
„Guten Tag, die Herren. Wie engagiert Sie doch gerade über die Hochzeitspläne von Prinz William und Kate sprachen.“
„Bitte was?“, fragte de Maizière.
„Na ja, Sie sprachen doch eben darüber, wie sehr Sie sich für die beiden freuen, dass sie sich endlich vor der ganzen Welt zu ihrer Liebe bekennen. Und ich stimme Ihnen da zu. Freuen Sie sich auch schon so auf das Kleid von Frau Middleton? Sie sieht ja schon so ganz hinreißend aus. Ach, meine Augen werden schon ganz feucht.“
„Ähm… Middleton… Hochzeit… worüber sprechen Sie?“, fragte der Innenminister.
„Na, dass Prinz William seine Freundin heiratet. Das diskutierten Sie doch eben so herzzerreißend.“
„Achso ja, stimmt genau. Ja, ein ganz süßes Paar“, sagte de Maizière.
„Das wird das Fernsehereignis im nächsten Jahr. Ich muss nun aber leider weiter, die Geschäfte lassen mir keine Ruhe.“
De Maizière und der unbekannte Innenminister traten zur Seite. Dann ging ich.

07:45 19.11.2010
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