Mein Leben als Füllmaterial

Jogis Tagebuch 9 Heute berichtet Jogi, wie er durch die Zeit reist und wer seinen Festplattenrekorder anschließt. Außerdem stellt er fest, dass ein Spieler abhanden gekommen ist
Mein Leben als Füllmaterial

Illustration: der Freitag

Freitag, 15. Juni

Du weißt, dass mit diesem Tag etwas nicht stimmt, wenn du die Tür öffnest und Mehmet Scholl läuft im Zimmermädchen-Dress über den Flur. In der Hand ein Tablett mit Teller, Brötchen, Wurst und Kaffee.
„Hallo Jogi“, sagte er. „Sorry, aber ich bin in Eile. Auf dem Weg zu Mario. Er wünscht jetzt sein Frühstück. Weißt du, ob er zwei oder drei Stücke Zucker nimmt?“
„Zwei“, sagte ich.

Etwas irritiert trat ich auf die Terrasse. Das Wetter war herrlich. Plötzlich stehe ich im Stadion zu Charkow und sehe diesen Balljungen vor mir stehen. Ich kann nicht anders, schlage ihm den Ball aus der Hand und grinse. Ich schüttelte den Kopf und setzte mich zu Hansi an den Tisch.
„Hast du das gerade auch gesehen?“, fragte ich.
„Was gesehen?“
„Ach, schon gut.“

Heute habe ich ausnahmsweise mal das Mannschaftstraining geleitet. Per Mertesacker schloss gerade meinen Festplattenrekorder an, da wollte ich ihn nicht stören und hielt das für eine gute Gelegenheit, mal den Zustand der Mannschaft zu überprüfen. Gerade ging es in einem Trainingsspiel hoch her – Bayern-Spieler gegen Dortmunder – als Tim Wiese sich nach einem Zweikampf das Knie hielt. Er humpelte an den Spielfeldrand, Doc Müller-Wohlfahrt kümmerte sich um ihn.

Ich ging auf die beiden zu und plötzlich gibt mir da ein Spieler des VfB Stuttgart den DFB-Pokal, ich reiße ihn in die Höhe, mein erster großer Titel als Trainer. Wir haben Cottbus keine Chance gelassen. Als ich den Pokal weitergeben will, sieht mich Doc Wohlfahrt an.
„Wo waren Sie denn gerade?“, fragte er.
„Na hier vor Ihnen.“
„Nee, Sie waren einfach verschwunden.“
„Schluss jetzt mit dem Blödsinn, wie steht es um Tim?“
„Der sollte heute besser pausieren.“
„Okay, dritter Torhüter bitte aufs Feld. Ähem.. ähem… wer war das doch gleich?“
„Ron-Robert Zieler“, flüsterte mir Hansi ins Ohr.
„Ron-Robert?“, rief ich. „Ron-Robert?“
Nichts tat sich.
„Wo ist Ron-Robert?“, fragte ich.
Alle kratzten sich am Kopf.
„Hat ihn heute schon jemand gesehen?“
Wieder keine Antwort.
„Hat ihn überhaupt schon mal jemand gesehen?“
Irgendetwas stimmte da nicht.
„Also er ist auf jeden Fall in Frankfurt ins Flugzeug gestiegen“, meinte Lahm.
„Danke, Philipp“, sagte ich und warf ihm ein fröhliches-freches Kaubonbon zu. Mario Götze schielte neidisch herüber. Plötzlich fiel ihm auch etwas ein.
„Oh… verdammt, ich glaube, den haben wir in Charkow gelassen nach dem Spiel gegen die Niederlande. Wir sollten uns doch in Zweier-Reihen aufstellen und dann Hand in Hand ins Flugzeug gehen. Und wir sind ja 23. Er ist übrig geblieben. Da muss er wohl verloren gegangen sein.“
„Heißt das, er steht noch in Charkow?“, fragte ich.
„Ich glaub schon.“
„Mmm… so richtig dringend brauchen wir ihn ja nicht. Und wenn etwas mit ihm passiert wäre, hätten wir das schon erfahren. Also kümmern wir uns später darum.“
Das Spiel endete 7:2 für die Dortmunder, und die spielten ohne Torhüter.

Als die anderen schon zu den Duschen schlichen, nahm ich Mario Gomez beiseite.
„Sag mal Mario, warum bringt dir Mehmet Scholl eigentlich den Kaffee ans Bett?“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich seine Entlassung bei der ARD fordere, wenn er nicht irgendwie Reue zeigt wegen seiner Beleidigungen.“

Ich musste niesen. Als ich meine Augen wieder öffnete, sieht mich meine Mutter mit ernstem Gesicht an. „Sohn, nach der Schule kommst du direkt nach Hause und das mit dem Fußball kannst du vergessen. Das ist keine Sportart für dich. Klar?“

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen