Romanze mit iPad (Lindberg 13)

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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Je den Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel aus seiner Biografie. Diesmal äußert er seinen iPad-Hass und wird romantisch.

Dezember 2010 (IV)

Ich hatte gleich gewusst, dass es keine gute Idee war, diese Bahn zu betreten. Erst Recht nicht an Silvester. Und wie ich eine Fahrt von 300 Kilometer auf mich nehmen und glauben konnte, noch am selben Tag anzukommen, verstehe ich bis heute nicht.

Weihnachten und die Tage danach hatte ich bei meinen Eltern verbracht, ohne dass einer im Anschluss in psychologische Behandlung musste oder eine Axt kaufte. Ich aß maßlos, sah mir schlimm verkitschte Filme an und erleichterte die Großeltern um 400 Euro („So billig sind die Mieten in Berlin auch nicht mehr“).

An Silvester brachte mich meine Mutter zum Bahnhof in der norddeutschen Provinz. Seit Weihnachten hatte es fast täglich geschneit, und im Fernsehen hatten sie Bilder gezeigt von Menschen, die an den Gleisen schliefen oder ins Mikrofon jammerten, dass es ja wohl nicht sein könne, dass in einem westlichen Land... im 21. Jahrhundert und so weiter. Das Wort „Horrortrip“ war wieder sehr beliebt. Weil die Nachrichtenlage dünn war und die islamistischen Terroristen sich zurückhielten, bekam die Bahn alle Aufmerksamkeit ab.

Mich interessierte das alles nicht, als ich gegen 14 Uhr in den Zug stieg. Geplante Fahrzeit: 3 Stunden. Umsteigen in Hannover in den ICE. Dann wollte ich mit Frank, dem bedauerlichsten Musiker aller Zeiten, und Tütenrotwein ins neue Jahr feiern.

Nach einer halben Stunde erreichte ich Hannover, damals eine genauso langweilige Stadt wie heute, und stieg in den ICE nach Berlin um. Der Zug war voll, als sei er die letzte Möglichkeit, den anrückenden Sowjets zu entkommen. Ich hatte reserviert und bereute das sofort. Denn neben mir am Fenster saß eine junge Frau mit schwarzen Haaren und durchaus attraktiven Körper- und Gesichtszügen. Doch sie hielt ein iPad in der Hand, diesen Gameboy für Erwachsene, der heutzutage ja nur noch in Shows wie „Die 100 größten Flops der Technik“ mit Oliver Geißen vorkommt. Stellen Sie sich das ganze einfach als Laptop ohne Tastatur, aber mit Touchscreen vor. Versuchen Sie es einfach.

Damals aber glaubten die Menschen, vor allem in den Chefetagen der Medienhäuser, dass dieses iPad die Welt retten würde. Nicht, weil es dafür irgendwelche Gründe gab, sondern bloß, weil sie es unfassbar geil fanden und sie auch endlich cooler sein konnten als die Kids, die sich das Ding noch nicht leisten konnten. Bis die Menschen herausfanden, dass die Tatsache, es in der Wohnung herumtragen zu können, nicht für eine technische Revolution ausreichte, vergingen zehn Jahre. Weihnachten 2010 war auf jeden Fall das erste Weihnachten, in der sich die Familien so ein Ding unter den Baum legten. Die junge Dame hatte offensichtlich auch eines bekommen und gedachte, sich die ganze Fahrt mit dem Gerät zu beschäftigen. Was dazu führte, dass sie ständig irgendwo drauftippte und draufdrückte.

Ich hatte vor, ein Buch zu lesen, das meinen Ansprüchen genügte, und schlug mit der Abfahrt aus Hannover die gesammelten Kurzgeschichten von Franz Kafka auf. Doch ich litt unter einem weit verbreiteten Gen-Defekt, der es mir unmöglich machte, mich auf das Buch zu konzentrieren. Immer, wenn links oder rechts von mir jemand saß und etwas las oder sich etwas ansah, musste auch ich mich dem zuwenden, nennen wir es ruhig Starren. Und so beobachtete ich sie, wie sie E-Mails abrief, sich YouTube-Videos mit Katzen und Kindern ansah und Autorennen spielte. Bis die Frau böse herübersah und mich zwang, mich wieder Kafka zuzuwenden. Doch in meinen Augenwinkeln tippte und wischte das Mädchen unentwegt vor sich hin. Um nicht weiter abgelenkt zu werden, zog ich die ZEIT aus meiner Tasche und baute mir einen Schutzwall um meinen Oberkörper. Eine Weile ging das gut.

Der Zug wurde derweil immer langsamer. An den Zwischenhalten brauchte er lange. Die Verspätung wuchs. Zehn Minuten, zwanzig Minuten, vierzig Minuten, eine Stunde. Die Aussicht, Silvester zu spät zu kommen, erfüllte die Leute nicht gerade mit Freude. Der Schaffner sank in der Beliebtheitsskala noch unter einen Fußballschiedsrichter nach der roten Karte.

Meine Sitznachbarin war nun dazu übergegangen, alle acht Sekunden laut zu lachen. Ich ließ die Zeitung sinken und wurde in meinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Sie hatte Kopfhörer aufgesetzt und sah sich auf dem iPad irgendeine romantische US-Komödie an, an dessen Ende das Mauerblümchen sich einfach die dicke Brille absetzt und den Dutt löst und dann wunderschön ist.

Nun sah ich sie böse an, bis sie zurücksah, ihre Kopfhörer absetzte und fragte: „Is was?“
„Ja, du nervst mich mit deinem iPad.“
„Und du nervst mich, wie du mir ständig zusiehst, wie ich das iPad benutze.“
„Merkst du nicht, dass du mit deinem Lachen ungefähr drei Abteile erschütterst?“
„Ist Lachen jetzt etwa verboten?“
„Deines schon.“
„Dann geh doch zum Schaffner petzen.“
„Du könntest auch einfach etwas leiser lachen oder am besten – überhaupt nicht. Spricht sowieso nicht für dich, dass du über so einen Blödsinn lachst.“
„Oh, der Herr hält sich wohl für was Besonderes. Du guckst wahrscheinlich nur osteuropäische Filme mit Untertiteln und Prädikat 'Besonders wertvoll'.“

Als ich ihr gerade die schlimmsten Dinge an den Kopf werfen wollte, passierte etwas noch viel Schlimmeres: Der Zug blieb stehen und die Lichter erloschen. Es war 19.37 Uhr. Augenblicklich ging das Gemurmel los. Das verstummte erst, als sich der Schaffner über die Lautsprecher meldete. Machen wir es kurz: Er sagte, es gebe ein technisches Problem, sie arbeiteten fieberhaft daran, aber wir wüssten ja, das Wetter, das sei höhere Gewalt. Man bitte noch um etwas Geduld.

Danach ging das Gemurmel erst Recht los, Skandal riefen die Leute und das, was andere schon im Fernsehen gesagt hatten.Immerhin sprang die Notbeleuchtung an, die allerdings so viel Wirkung hatte wie ein Teelicht.
„Und was sollen wir jetzt machen?“, fragte meine Sitznachbarin.
„Also mit dir mache ich garantiert nichts.“
„Du kannst dich gerne weiter mit deinem Kafka langweilen. Oder wir könnten uns zusammen einen Film auf meinem iPad angucken. Wir teilen uns einfach die Kopfhörer.“
„Auf dem iPad? Niemals. Ich muss lesen.“

Zehn Minuten später merkte ich, dass Kafka nicht unbedingt die Lektüre war, die ich an diesem Abend brauchte. Die Situation war schon genug Kafka. Ich zog ihr den rechten Kopfhörer aus dem Ohr. Es lief die nächste romantische Komödie, irgendwas mit einer Collage-Studentin, die sich zwischen dem gutaussehenden Arschloch und dem hässlichen, aber menschlich einwandfreien Stubenhocker entscheiden musste.

Nach dem ersten Film meldete sich noch einmal der Schaffner. Die Probleme seien größer als gedacht, sie aber zuversichtlich, alles in absehbarer Zeit in den Griff zu bekommen. Einige Leute hatten sich bereits ihre Jacken angezogen. Während des zweiten Films bot ich der jungen Dame an, meine Jacke anzuziehen, sie nahm das Angebot an. Während des dritten Films kurz nach halb zwölf legte sie ihren Kopf auf meine Schulter. Nach dem Ende des Films, es war fünf Minuten vor Mitternacht, sagte sie: „Komm, lass uns rausgehen.“ Und wir standen auf, schoben uns an den Koffern und Mänteln vorbei, öffneten die Zugtür mit dem Notschalter und sprangen in den Schnee. Dann sahen wir hinauf ins Schwarz, sie stand links, ich stand rechts. Um Mitternacht zog sie ihr iPad heraus, drückte ein paar Mal und hielt es mit der linken Hand in die Höhe. Auf dem Bildschirm explodierten Feuerwerksraketen. Dann nahm sie meine Hand und dann sagte sie, dass ich sie küssen solle.

Als wir gegen 3 Uhr morgens in Berlin einrollten, stiegen wir aus dem Zug, tauschten unsere Handynummern aus und gaben uns die Hand.
„Ich heiße Lindberg.“
„Ich bin Anna. Bis bald.“

10:38 31.12.2010
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