The guyest guy in town

Jogis Tagebuch 14 Heute berichtet Jogi, warum er die Lippenleserin kontaktiert und seine Frau zu ihm reisen muss. Außerdem trägt Hansi popkulturell bedeutsame Visitenkarten bei sich
The guyest guy in town
Illustration: der Freitag

Mittwoch, 20. Juni

Gerne wäre ich ein Mensch von hässlichem Wuchs. Von hässlichen Menschen erwartet niemand, dass sie sich ständig um ihr Aussehen Gedanken machen oder welches Jackett sie nun tragen. Da sagen sie: „Seine zerschlissene Jeansjacke passt zu seinem zerschlissenem Gesicht.“ Es hat sich aber so ergeben, dass ich ein auffällig schöner Mann bin, und deshalb erwarten die Leute in diesen Sachen so viel Kompetenz von mir wie beim Fußball. Dabei habe ich diese erstens nicht und will sie zweitens auch nicht haben. Der blaue Pullover damals bei der WM in Südafrika war eine Wahl meines Sponsors, zuhause frage ich meine Frau. Ich, Joachim Löw, der größte Feldherr Bundestrainer aller Zeiten, habe keine Ahnung von Mode.

Ich sage das auch deshalb, weil… nun ja, es gab einen Vorfall. Es war heute beim Mittagessen. Ich saß am Erwachsenentisch und sah ein paar Meter weiter Klose, Götze, Schmelzer, Gündogan und Lahm miteinander reden. Ich hätte doch zu gerne gewusst, was sie dort besprachen. Wahrscheinlich lästerten sie über mich, diese aufsässigen Bengel, weil ich immer dieselben Spieler aufstelle. Unruhe war das letzte, was das Team brauchte.

Wenn ich doch hätte Lippen lesen können. Wenn ich doch hätte Lippen… der Blitzeinschlag einer Idee traf mich. Ich zog mein Handy aus der Tasche und filmte die Unterhaltung aus der Ferne. Dann wandte ich mich zu Hansi.

„Hansi, schick doch mal dieses Video an diese Lippenleserin. Du weißt schon, Spiegel Online, 40.000 likes. Sie soll mir sagen, was die Kiddies da über mich lästern. Dann setze ich mich auch dafür ein, dass das Finale ausschließlich in Gebärdensprache kommentiert wird und Bela Rethy die Fresse hält.“
„Wird erledigt.“
Hansi verließ die Runde.

Während ich wartete, checkte ich meine Mails. Ach was, Post von Marco Reus. „Hey Trainer, haben Ron-Robert gefunden, sind nun auf dem Rückweg. Es hat nicht alles auf Anhieb geklappt. Na ja, erzählen wir Ihnen, wenn wir wieder da sind.“ Ich befürchtete das Schlimmste.

Nach einer halben Stunde kehrte Hansi zurück.

„Und?“
„Sie sagt, ob Rethy kommentiere oder nicht, könne ihr ja herzlich egal sein. Da sei ihr die Gehörlosigkeit mal von Vorteil. Aber dafür verlangt sie, dass unsere Jungs beim nächsten Spiel die Hymne in Gebärdensprache singen.“
„Nun gut, von mir aus. Also, was hat sie herausgefunden?“
„Sie hat es mir aufgeschrieben. Warte, hier ist unsere Karte.“
„Die Drei Fragezeichen – wir übernehmen jeden Fall. Erster Detek…“
„Oh, vertan. Hier ist der Zettel.“

Ich las.

Götze: „Glaubt Ihr auch, dass Löw schwul ist?“
Gündogan: „Warum das denn?“
Götze: „Wenn man seinen Namen bei Google eingibt, wird sofort ‚schwul‘ vorgeschlagen. Und dann macht er auch noch Werbung für Nivea.“
Lahm: „Ist doch egal, ob er schwul ist. Er bleibt ein Mensch wie du und ich.“
Götze: „Klar, dass du das sagen musst. Wenn man deinen Namen bei Google eingibt, wird ja auch sofort ‚schwul‘ vorgeschlagen.“
Lahm: „Darf ich dich daran erinnern, dass ich in zwei Monaten Vater werde?“
Mario: „Das war ein dickes Kissen. Und jetzt gib mir das letzte fröhlich-freche Kaubonbon.“

Ich war schockiert und blickte zu Hansi.
„Sei ehrlich mit mir, hältst du mich auch für schwul?“
„Na ja, du hast schon ziemlich glatte Haut.“

Das reichte. Nur damit das klar ist: Ich habe ja nur wenige Vorbehalte überhaupt nichts gegen Schwule, aber ich muss ja trotzdem nicht unbedingt für einen gehalten werden. Wütend stürmte ich in mein Zimmer und schloss hinter mir ab. Nachdem ich so einige Zeit wütend gewesen war, schmiedete ich einen Plan. Irgendwie musste ich ihnen beweisen, dass ich ein echter Kerl war. So ganz beiläufig. Sie durften ja nicht wissen, dass ich ihre Gespräche belauscht hatte. Das hieß: Nivea-Creme in den Müll, aufhören, die Beine zu rasieren. Grundsätzlich weniger rasieren. Hemd eine Nummer größer. Und dann rief ich meine Frau an.

„Joachim, ich dachte, du wolltest mich während der EM nicht anrufen.“
„Süße Daniela, aber ich bin doch ganz wild auf dich. Komm her zu mir, ich will Liebe mit dir machen.“
„Jetzt sofort?“
„Sobald wie möglich. Ich erwarte dich heute Abend. Und zieh dein heißestes Outfit an.“
„Du weißt aber schon, dass ich aussehe wie ein gestrandeter Wal.“
„Unsinn, du bist der Mount Everest der Leidenschaft.“
„Joachim, so habe ich dich ja noch nie erlebt. Ich dachte schon, du wärest…“
„… schwul? Ich hab die Nivea-Creme weggeworfen.“
„Ich packe schon.“

Vor einer halben Stunde ist sie eingetroffen. Ich sagte: „Jungs, meine Frau ist da, ich will nicht gestört werden. Ihr versteht schon, was ich meine. Und rechnet morgen Vormittag mal nicht mit mir. Botschaft angekommen?“ Niere rief noch hinterher, dass Frau Merkel unbedingt mit mir… aber da hatte ich schon die Tür zugeschlagen.

Wenn man meinen Namen bei Google eingibt, wird als erstes „Balljunge“ vorgeschlagen.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:06 21.06.2012
Geschrieben von

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!