Überwachungstaat der Herzen

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Ich fahre Bahn und stricke mir ein neues Weltbild zusammen. Darin dehnt Wolfgang Schäuble den Überwachungsstaat aus, damit seine Mitarbeiter endlich Spaß haben.

Ich möchte Wolfgang Schäuble einen Brief schreiben. In dem Brief steht: Bitte bauen Sie den Überwachungsstaat noch weiter aus.

In der vergangenen Woche fuhr ich Eisenbahn. Zweite Klasse. Ich saß da, wo sonst immer die Fahrräder stehen, und im selben Abteil saß eine ungepflegte Mutter und ihr Ehemann und ihr Baby und ihr siebenjähriger Sohn und daneben saß noch ein anderer Mann, dem fehlten vorne fünf Zähne. Die Männer tranken ununterbrochen Dosenbier, die Frau fauchte ununterbrochen den Sohn an, der Sohn rannte ununterbrochen durch den Wagen und das Baby machte ununterbrochen in die Windeln.

Einmal ging der Ehemann auf die Toilette, sein Sohn drängte sich mit hinein. Kaum war die Tür geschlossen, knutschte seine Ehefrau wie wild mit der Zahnruine herum, als könne sie dadurch im Lotto gewinnen oder Körperpflege ersetzen. Ich dachte: Na gut, dann ist das wohl ihr Ehemann und der andere bloß ihr alkoholkranker Bruder. Dann aber kehrte der Mann von der Toilette zurück und küsste die Frau für den anderen sichtbar auf den Mund, und kaum verschwand er wieder auf der Toilette, fiel sie wieder über Zahnlücke her.

Ich sah auch, wie sich die beiden heimlich an der Hand hielten, so dass der Ehemann nichts sah. Ich betete, dass er nichts bemerkte, den sonst hätten sich zwei betrunkene Gossengestalten die Köpfe eingeschlagen, und die Frau wäre zwischen den Fronten draufgegangen, und dann hätte ich mich um ein ständig scheißendes Baby und ein ständig herumrennendes Kind kümmern müssen, bis die Polizei eintraf.

Ich glaube nicht, dass Wolfgang Schäuble den Überwachungsstaat ausgedehnt hat, um den Terrorismus zu bekämpfen. Wenn ein Innenminister Terroristen abhören und ihre E-Mails und SMS lesen will, dann trägt er das nicht groß in die Medien. Denn Terroristen sind nicht blöd. Wer bitte greift denn noch zum Telefon oder surft im Internet, wenn der Feind, also der Staat, mithört und liest? Ich denke, Schäuble müsste eine Vorratsbrieftaubenspeicherung einleiten, um die Terroristen zu bekämpfen.

Die Sache mit dem Terrorismus ist bloß ein Ablenkungsmanöver, um den wahren Grund für die Überwachungsmaßnahmen zu rechtfertigen. Schäuble hat etwas anderes im Sinn. Ich weine vor Rührung, wenn ich es erzähle.

Der Berufsabhörer führt ein ödes Leben. Er hört ständig ab und muss ständig unsichtbar sein. Nicht mal seine Frau weiß, dass er in Wirklichkeit nicht Filialleiter bei C&A ist.
„Schatz, ich habe neulich mal in deiner Filiale angerufen. Sie haben deinen Namen noch nie gehört.“
„Oh. Nun muss ich dich leider töten.“
„Echt?“
„Ja. Ist blöd, muss aber sein.“

Wenn nun die Abhörer den ganzen Tag Gespräche verfolgen in einer Sprache, die sie mühsam gelernt haben, und in der nur von Mord- und Totschlag und diesem Zeug die Rede ist, was bliebe dem Abhörer da noch? Der Abhörer fährt nicht Bahn zweiter Klasse und erlebt keine Spitzenanekdoten mit alkohlkranken Gossenmenschen und ungepflegten Frauen. Er hört nur die Worte „Allah“, „Allah“, „Abendland blöd“, „Gebäude“, „Luft“, „fliegen“. Da soll einer Lebensfreunde entwickeln.

Deshalb bin ich davon überzeugt, dass sie ganz andere Gespräche abhören. Wenn die ungewaschene Ehefrau und ihr Liebhaber telefonieren und die Ehefrau sagt, wie es sie nervt, dass das Baby ständig scheiße und der Ehemann nur trinke und dann lallt der Liebhaber zurück, dass der Zahnarzt morgen den drittletzten Zahn ziehe, er aber noch immer küssen könne wie ein Weltmeister, und dann verabreden sie sich und schicken sich verliebte SMS, die der Abhörer ebenfalls liest. „Morgen ist mein Mann auf Montage, erwarte dich um neun. Kuss, deine Susi.“ Das sind echte Dramen und dazu knabbert der Abhörer Nachos mit Käsesoße.

Die Ausweitung des Überwachungsstaates ist nichts anderes als Schäubles Versuch, die Arbeit seiner Mitarbeiter angenehm zu gestalten. Wir alle sollten uns verpflichtet fühlen, diese Maßnahmen zu unterstützen und keine albernen rechtsstaatlichen Vorbehalte hegen. Warum sollte das Innenministerium nicht Payback-Punkte für jeden verteilen, der sich so und so viele Minuten pro Monat abhören lässt, und davon können sich die Leute im Ministeriums-Shop Sonnenbrillen und Zeitungen mit Löchern in der Mitte bestellen.

Manchmal ging auch die Frau auf Toilette, um das Baby zu wickeln, und die beiden Männer waren ungestört. Sie haben sich leider nie geküsst.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

23:35 02.04.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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