Warum Gott nur der zweitmächtigste ist

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Ich erfahre, wie ich Aktienkurse ändern kann. Um damit ein Vermögen zu machen, muss ich aber zuvor noch das Wetter beherrschen.

Neulich habe ich Aktienkurse beeinflusst. Was für ein Tag. Seitdem bin ich auch für diesen Neoliberalismus. Mit einem Kollegen schrieb ich einen Artikel über Kurzarbeit. Darin erwähnte ich, dass ein Computerunternehmen seine Kurzarbeit einstellt. Am nächsten Tag meldete eine Nachrichtenagentur: „Nach einem Zeitungsbericht über die geplante Aussetzung der Kurzarbeit hat Infineon am Montag vorbörslich zugelegt.“

So muss sich Gott am siebten Tag gefühlt haben. Ich schreibe etwas in der Zeitung und am nächsten Tag ändert sich deshalb der Aktienkurs. Toll, toll, toll. Sogleich werde ich Kontakt mit dem größten Aktienbesitzer dieses Computerunternehmens aufnehmen und ihn auf meine Großtat hinweisen. Ich hoffe, es ist ein schwerreicher Russe, der mich aus Dankbarkeit auf seine Yacht einlädt und mir eine seiner Frauen abgibt.

Nun überlege ich, welche Meldungen ich mir ausdenken könnte, um den Aktienkurs nochmal zu beeinflussen. Einfach um herauszufinden, was gut oder schlecht für ein Unternehmen ist. Ich weiß, dass der Aktienpreis in den Keller geht, wenn ich schreibe „Das Unternehmen entließ 80000 seiner 80000 Mitarbeiter“ und dass er steigt, wenn ich schreibe „Das Unternehmen hat den Auftrag bekommen, eine Millionen Flugzeuge für China zu bauen“.

Was aber passiert, wenn ich schreibe: „Vorstandsvorsitzender wegen Blutvergiftung in Lebensgefahr“? Steigt die Aktie dann, heißt das wohl, dass der Typ einen sehr schlechten Job macht und alle froh sind, wenn er sich nie wieder von der Blutvergiftung erholt. Das ist zwar ein unmenschlicher Gedanke, aber das sind keine Kategorien, in der ein Anleger denken sollte. Was hilft es ihm, wenn er die Aktie trotzdem kauft, nur weil er dem sterbenden Vorstandsvorsitzenden nicht zu nahe treten möchte? Verluste, nichts als Verluste. Die Börse fördert kein menschliches Verhalten, sondern vernünftiges.

Und was passiert, wenn ich schreibe: „Vorstandsvorsitzender gesteht: Ja, ich habe eine Affäre mit meinem Fahrrad“? Sind die Aktienbesitzer nicht dann davon überzeugt, dass dieser Mensch so ungewöhnliche Ideen hat, dass er dem Unternehmen noch riesige Gewinne beschert? Oder denken sie: „Seine Frau wird ihn vor die Tür setzen, er wird Alkoholiker und richtet sein Unternehmen zu Grunde“?

Für meine Altersvorsorge kann ich mein Wissen allerdings nicht nutzen, sagt der Kollege: „Du darfst die Aktien erst kaufen, nachdem deine Meldung in der Zeitung erschienen ist. Sonst ist das Insider-Handel.“

Das mit den Aktien reicht mir auf Dauer ohnehin nicht. Ich möchte lieber das Wetter beeinflussen, denn das Wetter betrifft noch viel mehr Leute als Aktienkurse. Wenn die Leute dann fluchend im Regen an der Ampel warten, werde ich denken: „Das war ich, hihi.“

Ich weiß auch schon, wie ich das Wetter beeinflusse: Ich werde Geo-Engineerer. Geo-Engineerer sind Menschen, die zum Beispiel den Klimawandel aufhalten wollen, indem sie das Klima ändern. Unter anderem, indem sie Schwefel in die Luft pusten, damit die Sonne nicht mehr so einfach durchkommt oder sie wollen riesige Spiegel in den Weltraum jagen, damit diese Sonnenstrahlen ablenken. Ich werde also Temperaturen senken, es regnen und schneien lassen, wie ich lustig bin. Ich werde die neue Frau Holle.

Damit könnte ich zugleich etwas für meine Altersvorsorge tun. Erst sorge ich monatelang für Sonne, kaufe dann Aktien der Regenjacken AG, die natürlich im Keller sind, dann lasse ich es monatelang regnen. Das treibt die Gewinne nach oben und damit die Aktienpreise. Dass ich das Wetter bestimme, dafür kann ich ja nichts, das hat nichts mit Insiderhandel zu tun.

So, und nun muss ich meinen Sohn aus diesem Grab holen.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

08:15 09.10.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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