Sebastian Dalkowski
06.11.2009 | 08:16 3

Wie Johannes Gutenberg das Internet tötete

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Sebastian Dalkowski

Ich stelle mir vor, dass Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck erst nach der Erfindung des Internets entwickelt. Die Netzvertreter drohen ihm deshalb mit Wurfgeschossen.

Als der erste Stein gegen das Wohnzimmerfenster knallte, saß Johannes Gutenberg gerade beim Frühstück und las die Bibel. Gutenberg stand auf und sah hinaus. Draußen stand ein Mann und blickte hinauf. In seiner rechten Hand hielt er einen großen Stein.

Gutenberg öffnete das Fenster.
„Könnten Sie bitte davon absehen, Steine gegen mein Haus zu werfen?“
„Sie können froh sein, dass ich den Stein nur gegen Ihr Haus geworfen habe.“
„Was soll das heißen?“
„Sie haben mein Leben zerstört.“
„Ich kenne Sie nicht mal, wie kann ich da Ihr Leben zerstört haben?“
„Bis gestern war ich der Chef des erfolgreichsten E-Book-Verlages der Welt. Dann musste ich den Laden dichtmachen. Seitdem Sie den Buchdruck erfunden haben, will niemand mehr Bücher am Computer oder auf seinem Kindle lesen.“
„Das tut mir leid, aber meine Erfindung war überfällig.“
„Nichts tut Ihnen leid.“

Gutenberg sah, wie der Mann zum zweiten Wurf ausholte, schloss das Fenster und ließ die Rollläden herunter. Der Stein krachte gegen das Plastik. Gutenberg setzte sich wieder an den Tisch.
„Idiot“, dachte er. Und ahnte nicht, dass der Mann vor seiner Tür nicht mehr alleine war.

***

Johannes Gutenberg war immer ein Mann des Computers und des Internets gewesen. So wie jeder andere auch. Seine wissenschaftlichen Arbeiten schrieb er am Computer, Nachrichten las er im Internet und Bücher auf seinem E-Book-Reader.

Eines Tages fiel ihm dieser in die Badewanne. Er musste einen neuen kaufen. Da dachte er, wie praktisch es doch wäre, ein E-Book auf Papier zu entwickeln, das praktisch unzerstörbar war und dessen Verlust finanziell überschaubar war. Er ging in seinen Werkzeugkeller und tüftelte wochenlang – dann hatte er den Buchdruck erfunden. Sogleich druckte er mehrere Bücher und einige Nachrichten von Spiegel Online. Dann legte er sich in die Badewanne und las.

Gutenberg war begeistert, glaubte aber nicht, dass jemand seine Begeisterung teilte. Bücher waren schwer, transportierten wenig Text. Doch Freunde, denen er die Erfindung zeigte, meinten, er solle darüber in seinem Blog schreiben. Weil er wie jeder andere dort auch unwichtige Dinge schrieb, folgte er ihrem Vorschlag. Er wusste noch nicht, dass er damit die Welt erschüttern sollte.

***

Gutenberg hatte aufgehört, die Steine zu zählen, die gegen die Rollläden gekracht waren. Zwanzig? Dreißig? Durch einen Spalt sah er nach draußen. Dort standen mindestens 50 Leute und die machten nicht den Eindruck, als wollten sie Freundschaft mit ihm schließen.

Gutenberg machte sich keine Sorgen, war aber ein wenig genervt. Schließlicht wollte er sich gleich noch mal hinlegen. Er rief die Polizei an.
„Wir kommen sobald wie möglich“, sagte der Polizist, „sagen Sie mir noch Ihren Namen?“
„Gutenberg. Johannes Gutenberg.“
„Der Erfinder des Buchdrucks?“
„Genau der.“
„Achso. Na ja, also wir gucken, was wir machen können.“

Gutenberg sah noch mal aus dem Fenster. Jetzt waren es mindestens 100 und aus der Ferne sah er weitere Menschen herbeiströmen. Waren diese Leute denn völlig bescheuert? Seine Erfindung hatte die Welt doch besser gemacht. Dann brüllte jemand: „Gutenberg muss sterben.“

***

In den ersten Wochen nach seinem Blogeintrag passierte nichts. Niemand hatte ein Interesse am modernen Buchdruck. Dann aber pries ein bekannter Blogger die Vorzüge der Erfindung – Gutenberg wurde über Nacht zum Star. Jeden Tag bekam er zahllose E-Mails, in denen Menschen schrieben, dass sie genau dieselben Probleme hatten. Der Kindle war ihnen ins Badewasser gefallen, sie hatten ihn in der Bahn vergessen. Oder das Lesen am Computer war unbequem, chaotisch, unübersichtlich.

Bald gründeten die ersten Unternehmer Buchverlage, die Gutenbergs Ideen umsetzten. Andere dachten sich, dass die Leute auch aktuelle Nachrichten auf Papier lesen wollten. Zeitungen nannten sie das. Und einige Erfinder hatten bereits eine Druckmaschine erfunden, die die Leute an ihren Computer anschließen konnten. Die Geräte waren allerdings noch teuer und sperrig. Die Menschen lasen in der U-Bahn, im Wohnzimmer, auf dem Klo, im Bett vorm Schlafengehen. Der Buchdruck war noch weit davon entfernt, Computer und Internet zu verdrängen, aber viele Experten sahen in der Erfindung bereits die Zukunft. Neue Medien war das Schlagwort, das die Runde machte. Und dann formierten sich die Kritiker.

***

Gutenberg fragte sich, wo die Polizei blieb. Er hatte ein zweites Mal angerufen. Der Mann sagte, er tue alles, was in seiner Macht stehe, aber gerade seien alle Kollegen zu einem wichtigen Einsatz ausgerückt. Gutenberg fiel nicht viel ein, was wichtiger war, als einen wütenden Mob davon abzuhalten, sein Haus mit Steinen zu bombardieren.

Er blickte nochmal nach draußen. Die Meute war kaum noch zu überblicken. Dich drängte sie sich bis zu seinem Haus. Und dann hörte er das Rütteln. An seiner Haustür. Wie es immer heftiger wurde. Gutenberg hielt die Tür für sehr stabil, aber wer konnte schon mit Sicherheit sagen, dass sie einem wütenden Mob standhielt? Kaum hatte er diesen Gedanken gedacht, krachte die Tür auf die Fliesen.

***

Es gab viele Gründe, weshalb Menschen gegen den Buchdruck waren. Da waren jene, die ohnehin Angst vor allem hatten, was neu war. Die Blogger, E-Book-Unternehmer und Online-Magazine fürchteten die Konkurrenz auf Papier, schoben aber vor, dass Leute, die auf Papier veröffentlichten, gar keine richtigen Autoren oder Journalisten seien. Außerdem würden die Printjournalisten bloß Wissen aus dem Internet klauen.

Andere waren davon überzeugt, dass das Wissen oberflächlicher werde, weil gedruckte Bücher nicht so schnell und einfach verfügbar waren wie digitale. Eltern sorgten sich, ihre Kinder würden sich den ganzen Tag mit einem Buch in ihr Bett verdrücken und zu sozialen Außenseitern werden, während sie im Internet mit vielen Menschen kommunizierten. Die Umweltschützer warnten vorm Waldsterben, Ärzte, dass die Druckertinte giftige Dämpfe absonderte.

Und die Innenminister und Polizei befanden, dass Bücher und Zeitungen im Gegensatz zu elektronischen Medien kaum zu überwachen waren. Die Leute konnten detaillierte Anleitungen zum Bau einer Bombe problemlos auf dem Dachboden verstecken, während ein E-Book auf der Festplatte leicht zu finden war. Angesichts des internationalen Terrorismus eine Katastrophe. Dasselbe galt für illegale Pornographie.

Die Welt teilte sich in zwei Lager. Die eine Seite, das waren die Fortschrittlichen, die sich ein gedrucktes Buch nach dem nächsten kauften und mindestens ein Zeitungsabo besaßen. Die andere Seite, das waren die Gegner, die auf ihrem Internet beharrten, die sich schworen, niemals ein Buch in die Hand zu nehmen. Und diese Gegner entschlossen sich eines Tages zu verhindern, dass der Buchdruck sie überrollte.

***

Gutenberg hatte geahnt, dass er irgendwann sterben musste. Dass es so schnell gehen würde, hatte er nicht gedacht. Er hörte, wie der Mob in den Flur strömte. In wenigen Sekunden würden sie bei ihm sein. Er schloss nicht einmal die Wohnzimmertür ab.

Dann fiel sein Blick auf die Bibel neben seinem Teller.
„Vielleicht“, dachte er, „gibt es doch noch einen Ausweg.“
Er schlug die erste Seite auf, nahm das Buch in die Hand und stellte sich hinter den Tisch. Als die ersten Eindringlinge ins Zimmer brausten, begann er mit lauter Stimme vorzulesen. Erst blieben die Leute nur stehen, dann begannen sie nachzudenken, und als Gutenberg zwei Seiten vorgelesen hatte, begriffen sie schließlich, dass die Worte, die er aus dem Buch vorlas, die selben Worte waren, die auch in ihren E-Books standen. Die Menschen sahen sich betreten an.

Als Gutenberg die Bibel zurück auf den Tisch legte, klatschte ein Stein gegen seine Stirn. Er sackte zusammen. Das war der Tag, an dem Gutenberg zum Verhängnis wurde, dass er sich auch Schwerhörige zum Feind gemacht hatte.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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