Wir gewinnen anders

Jogis Tagebuch 15 Heute berichtet Jogi, warum plötzlich ein großer Schrotthaufen vorm Mannschaftshotel stand und mit welchem Team er das Testspiel gegen Griechenland bestreitet
Wir gewinnen anders
Illustration: der Freitag

Donnerstag, 21. Juni

Es ist ein schönes Gefühl, neben einer Frau aufzuwachen, die man dafür nicht bezahlt hat. Besser kann ich Liebe nicht beschreiben. Allerdings ist man immer damit beschäftigt, dem Mundgeruch des anderen auszuweichen. Also warf ich das Laken meiner Frau beiseite und empfahl ihr, die Zähne zu putzen.
„Vorher gibt es keinen Jogi-Kuss.“
Sie grummelte kurz und stand dann auf. Wenn schon Fremde, also meine Spieler, darauf hören müssen, was ich sage, dann muss es meine Frau erst Recht.

Eine halbe Stunde später schob ich meine Frau mit meiner Hand an ihrem Hintern in den Speisesaal.
„Morgen Jungs“, sagte ich, „bin noch etwas müde. Ist gestern spät geworden. Ihr versteht, was ich meine.“
„Was denn, Trainer?“, fragte Philipp.
„Dafür bist du noch zu jung.“
„Aber ich werde in zwei Monaten Vater.“

Großes Gelächter in der Runde.

„Also, wer es gestern nicht mitbekommen hat, das ist meine Frau. Sie hat heute Nacht in meinem Bett geschlafen. Und seht mal her, was ich jetzt in meiner ganzen Männlichkeit mache.“
Voller Zuneigung beuge ich mich zu meiner Daniela und schob ihr die Zunge in den Hals. Sie war etwas überrascht von so viel Zärtlichkeit und fing an zu husten. Sie hörte gar nicht mehr auf.
„Sie ist wohl nichts Größeres mehr…“, setzte Schweini an.
„Da will wohl jemand vorzeitig mit dem Training beginnen. Abmarsch, Herr Schweinsteiger. Wenn Ihr schon morgens nur über Sex reden wollt, dann lasse ich ein Diktiergerät hier, komme drei Stunden später wieder und schicke es zum FREITAG. Dem Redakteur wird es die Schamesröte ins Gesicht treiben. Ach sorry, ihr seid ja noch keine 18.“

Doch noch bevor irgendwer ein Diktiergerät einschalten oder zum Trainingsplatz joggen konnte, hörten wir von draußen ein merkwürdiges Geräusch. Erst war es nur ein leises Röcheln, das aber, je näher es käm, in ein lautes Scheppern überging. Dann erstarb es. Neugierig gingen wir auf den Exerzierplatz Hof. Dort erblickten wir einen Blechhaufen. Was konnte das sein?
„Geil, die siebte Staffel von Lost hat begonnen“, sagte Schweini.

Doch bevor ich begriff, was er damit meinte, krochen Marco Reus, Per Mertesacker und Ron-Robert Zieler heraus. Der Blechhaufen war tatsächlich mal ein Mercedes gewesen. So ganz gesund sahen sie nicht aus. Löcher in den Jeans, mehr als die, die sie Mode nannten, Schrammen im Gesicht, blaues Auge, Blutschorf auf der Stirn. Aber Marco grinste schon wieder. „War geil gewesen.“

Die Mannschaft versammelte sich wieder im Speisesaal, und die drei berichteten. Wie ich ihren Schilderungen entnahm, war nicht alles so glatt gegangen, wie sie es erhofft hatten. Sie waren schon betrunken losgefahren, zu viel Cola-Bier, und gleich an der ersten Kreuzung in ein Polizeiauto gerast. Dass polnische Polizisten nicht mehr so korrupt waren wie früher, bedeutete nur, dass sie mehr Schmiergeld wollten. Bis zur ukrainischen Grenze war dann alles problemlos gelaufen, doch plötzlich hießen die Straßen nur noch Juschtschenko-Straße, Juschtschenko-Allee, Juschtschenko-Platz. Das erschwerte die Orientierung. Die Sache wurde nicht einfacher dadurch, dass Marco seine weißen Jeans trug und deshalb von allen für einen deutschen Arzt gehalten wurde, der Timoschenko entführen wollte, um sie in Deutschland zu behandeln. Die Polizei wich nicht von ihrer Seite.

Ron-Robert fanden sie dann an einer Schnellstraße in Charkow, ausgeraubt bis auf die Unterhose. Seine Versuche, zu trampen, waren gescheitert. Man hielt ihn für einen deutschen Arzt, der versucht hatte, Timoschenko zu entführen, dann aber vom Geheimdienst aufgegriffen und scharf verhört worden war. Vor dem Rückweg tankten sie erst noch mal Cola-Bier, weil es ihnen ja doch ganz gut geschmeckt hatte.

Als sie schon wieder eine Weile unterwegs waren, meinte Marco zu Ron-Robert, er solle doch mal seinen Hintern aus dem Fenster strecken. Das könnten sie fotografieren und dann bei Facebook posten. Leider überholten sie genau in dem Moment eine Kolonne holländischer Wohnwagen, die sich nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft auf die lange Heimreise gemacht hatten. Diese fanden es gar nicht lustig, direkt auf Ron-Roberts nackten Arsch zu sehen, und drängten die Jungs von der Straße ab, wo sie sie im Anschluss furchtbar vermöbelten. Als sie dann schon in Danzig waren, kollidierten sie noch mit Boateng, der gerade mit einem geliehen Lamborghini auf dem Rückweg vom größten Rave in Polen war.
„Ich soll Ihnen ausrichten, Trainer, dass er noch einen Tag in Berlin verbringen wird, weil ihm klar geworden ist, wie schnell so ein Leben vorbei sein kann“, sagte Marco.

„Ich denke, auf diesen Schreck haben wir uns alle einen trainingsfreien Nachmittag verdient“, meinte ich. Großer Jubel bei allen. Nur bei einem natürlich nicht.
„Philipp, ja du darfst natürlich ein paar Runden auf dem Trainingsplatz drehen. Aber gegen Griechenland spielt sowieso niemand von euch.“

Es war nämlich so, dass ich dieses Vorbereitungsspiel aufs Halbfinale nutzen wollte, um eine Best Of Schrecken auflaufen zu lassen. Christian Ziege, Dieter Eilts, Zoltan Sebescen, Christian Wörns, Jens Jeremies und Didi Hamann hatte ich schon erreicht. Nun arbeitete ich noch an meinem größten Coupe: Nachdem Günter Hermann bei der WM 1990 kein einziges Spiel bestritten hatte, sollte er nun endlich seinen größten Auftritt bekommen.

Der Vollständigkeit wegen gebe ich noch das übliche Gespräch mit Frau Merkel wieder.

Ringringring.

„Ach was, der Terminator ruft an.“
„Ha ha, sehr witzig, Herr Löw. Den Spruch hat der Rösler heute schon gebracht. Von Ihnen hätte ich etwas mehr Originalität erwartet.“
„Frau Merkel, falls Sie wieder nur wissen wollen, wie es dem Team geht – alles ist in Ordnung. Ich werde sogar einige Profis ins Spiel schicken, die Griechen keinen einzigen.“
„Herr Löw, noch einmal möchte ich Sie eindringlich darauf hinweisen, dass das Europa unter Deutschlands Vorherrschaft auf dem Spiel steht. Griechenland muss unter der Knute unseres schönen Landes bleiben. Erst danach kann ich mich um Spanien, Portugal und Italien kümmern. Ein Sieg morgen ist deshalb von existentieller Bedeutung.“
„Irgendwie klingen Ihre Machtfantasien wie meine.“
„Und damit nichts schiefgeht, bin ich morgen im Stadion, wie Sie ja sicher mitbekommen haben.“
„Ja, Hansi und ich haben einen dreifachen Luftsprung gemacht, als wir davon gehört haben.“
„Meinen Sie das ernst?“
„Sind Sie bescheuert?“
„Wie reden Sie mit der Kanzlerin? Nach dem Spiel komme ich natürlich in die Kabine.“
„Wegen der medienträchtigen Fotos?“
„Nein, um mich einmal richtig durchnudeln zu lassen.“
„Meinen Sie das ernst?“
„Sind Sie bescheuert?“
„Machen Sie sich über mich lustig?“
„Herr Löw, kann es sein, dass Sie dieses Gespräch nur führen, damit Ihr Tagebucheintrag länger wird?“
„Ich lege jetzt auf.“

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer.

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09:10 22.06.2012
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Ausgabe 38/2020

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