Wir treffen uns zum Hassen im Internet

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im Internet gibt es sehr viel Hass. Deshalb bin ich für die Gründung einer neuen UN-Organisation. Außerdem beschäftige ich mich mit der isländischen Olympia-Mannschaft.

Alexandra Kamp hat im Internet geschrieben: „Axel Brueggemann hat nen kleinen Pipi...“ Alexandra Kamp ist eine deutsche Schauspielerin. Die Filme, in denen sie mitmacht, heißen „Alle lieben Julia“, „Antonia – Tränen im Paradies“ und „Küsse niemals Deinen Chef“. Axel Brüggemann ist ein deutscher Journalist. Er arbeitet für angesehene Zeitungen.

Kürzlich schrieb Brüggemann einen Artikel über die Verleihung der Goldenen Kamera. In dem stellte er fest: „Bei so viel Zufalls-Glamour strahlen dann sogar Starlets wie Supertalent-Jury-Blondchen Sylvie van der Vaart und Alexandra Kamp.“ Alexandra Kamp war daraufhin so empört, dass sie Brüggemanns Geschlechtsteil maß und auf ihrer Twitter-Seite feststellte: „Axel Brueggemann hat nen kleinen Pipi...“ Brüggemann bestritt diese Aussage nicht.

Im Internet ist sehr viel Hass. Ganze Legionen des Hasses ziehen von Website zu Website, um sich mit ihren Hassschwertern und Hassgewehren zu bekämpfen. Sie gehen auch auf Leute los, die auf dem Schlachtfeld bloß ein paar Blumen pflücken wollen. Das einfachste wäre es, ein zweites Internet zu schaffen, das Hassnet. Dort würde der Hass dann einen Platz haben wie Atommüll unter der Erde. Aber damit wäre der Hass ja nicht weg, sondern bloß an einem anderen Ort. Was können wir also tun, damit der Hass verschwindet?

Die Sportler, die für Island an den Winterspielen in Vancouver teilnehmen werden, heißen Árni Thorvaldsson, Björgvin Björgvinsson, Íris Gudmundsdóttir und Stefán Jón Sigurgeirsson. Das Aufgebot der Isländer besteht also aus vier Personen, drei Männer, eine Frau. Deutschland hat 153 Sportler nominiert.

Ich glaube nicht, dass sich die isländischen Sportler über Twitter oder Facebook oder ihren Blog Hassraketen schicken, wenn sie in Vancouver sind. Sagen wir mal, Árni Thorvaldsson und Björgvin Björgvinsson wohnen in derselben Hütte. Zum Einschlafen hören sie „Die drei Fragezeichen“. Arni dreht die Kassette immer um, weil Björgvin dafür viel zu müde ist.

Eines Tages schreibt Björgvin über Arni in seinem Blog: „Arni frisst wie ein Schwein.“ Als Arni am Abend die Kassette umdrehen soll, weigert er sich.
„Du hast im Internet geschrieben, dass ich esse wie ein Schwein. Du kannst die Kassette selbst umdrehen.“
„Aber du weißt doch, dass ich dafür viel zu müde bin.“
„Dann hättest du nicht schreiben sollen, dass ich esse wie ein Schwein.“
„Aber du isst doch wie ein Schwein.“

Björgvin könnte nun zu Stefán Jón Sigurgeirsson gehen, aber der schnarcht wie eine Kreissäge. Also bleibt Björgvin bei Arni und hört die Kassette immer nur zur Hälfte.

Damit so etwas nicht passiert, verzichtet Björgvin auf die Artikulierung seines Hasses. Denn sein Hass hätte Konsequenzen, weil sein Team so klein ist, dass er dazu verpflichtet ist, gut mit den anderen auszukommen. Er wird also nicht internet-hassen, weil er davon einen Nachteil befürchtet. Nicht-Hassen aber bringt ihm einen Vorteil: Jemand dreht die Kassette um, der nicht er ist.

Das deutsche Olympia-Team hingegen wird sich rund um die Uhr hassen. Wenn Andrea der Maria eine Mail schickt, in der steht, dass sie in ihrem Skianzug aussehe wie eine Presswurst, kann Maria immer noch bei Amelie, Anke, Kathrin, Viktoria, Martina, Simone oder Magdalena übernachten.

Deshalb konnte auch Alexandra Kamp problemlos über Axel Brüggemann schreiben, dass dieser einen kleinen Pipi habe. Sie ist in keiner Weise auf ihn angewiesen, die beiden schlafen fast nie im selben Zimmer. Alexandra Kamp fehlte also der Anreiz zum Nicht-Hassen.

Was bedeutet diese Erkenntnis für die Bekämpfung des Hasses im Internet? Ich schlage vor: Jeder Mensch bekommt ein Budget an Beschimpfungen. Sagen wir, er darf pro Jahr hundert hasserfüllte Sätze im Internet schreiben. Überschreitet er diese Menge, muss er für jeden weiteren Satz ein Bußgeld zahlen. Umgekehrt bekommt er für jeden gesparten Satz Geld. Natürlich müssen Belohnung und Bestrafung dem Verdienst der Person angemessen sein. Reiche zahlen ein höheres Bußgeld, bekommen aber auch eine höhere Belohnung als Arme. Überwachen wird das eine neue Organisation der Vereinten Nationen, die UNFWHO, die United Nations Fight Web Hate Organization.

Es werden Debatten darüber entbrennen, was „angemessen“ im Vergleich zu den Verdiensten bedeutet. Ob es erlaubt ist, mehrere Hasssätze nicht durch einen Punkt, sondern durch ein Komma zu trennen und sich so Sätze zu sparen. Ob übers Internet telefonieren auch unter die Überwachung fällt. Ob Menschen, die niemals das Internet nutzen, überhaupt belohnt werden sollen.

Die Debatten werden an Lautstärke gewinnen. Und sich dann mit Hass füllen.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

08:07 05.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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