Die Reichen sind auch nur Opfer

Critical Wealthiness Eine Burda-Erbin fühlt sich marginalisiert, weil sie reich geboren wurde. Gibt es eine Diskriminierung von Wohlhabenden?

Es gibt eine Minderheit in Deutschland, die oft unbeachtet bleibt. Sie führt ihr Dasein an den Rändern der Gesellschaft, ihre Probleme spielen meist einfach keine Rolle: die Reichen. Neulich bemühte sich die Burda-Erbin Elisabeth Furtwängler um Sichtbarmachung dieser marginalisierten Community. Sie gestand in einem Spiegel-Interview, sich nicht immer wohlgefühlt zu haben, in die Burda-Dynastie hineingeboren zu sein. Vor allem für sie als Musikerin sei das schwer gewesen, denn mangels anderer superreicher, musikmachender Erb*innen als „Role Models“ habe sie, Furtwängler, lange in der Annahme gelebt, Künstler dürften nicht so privilegiert sein wie sie.

Doch Furtwängler gab ihren Traum nicht auf. Als Kerfor (was sich von „Things that I care for“ ableitet) veröffentlichte sie den Song Privilege, in dem sie in bewegenden Lyrics aus ihrer Jugend erzählt: Sie musste nie an Hunger leiden, war nie gezwungen, sich Gedanken machen zu müssen, wo sie nachts schlafen würde. „It doesn’t make me better than you / We don’t choose where we come from“. In den sozialen Medien kam der privilegiensensible Song allerdings bei den weniger Reflektierten nicht gut an. Immerhin: Die taz lobte Kerfor für ihren „ganz passablen Flow“ – und betonte konstruktiv, dass es in dem Song so tolle Sätze gebe wie „We´re in this together“ und „We can make things better“.

Das, was Kerfor entgegenschlug, war mehr als Häme, es war Hass, Klassenhass, ja: Klassismus. So könnte zumindest einer aus Furtwänglers Community argumentieren: Rainer Zitelmann, früher mal Maoist, dann Historiker und Autor der Neuen Rechten, bevor er durch Immobilienspekulationen Millionär wurde. Zitelmann, der sich gerne mit „I love capitalism“-Shirt fotografieren lässt, betätigt sich nun als Reichtumsforscher und hat ein viel beachtetes Buch über Klassismus geschrieben: In Die Gesellschaft und ihre Reichen. Vorurteile über eine beneidete Minderheit analysiert er die Stereotype gegen Reiche als eine Form des „upward classism“. Zitelmann begründet seinen Zugang ganz im Sinne der Klassismusforschung mit einer Selbstpositionierung: Es sei kein Zufall, dass jemand wie er, „der aus der Mittelschicht aufgestiegen ist und nun zu den Reichen gehört“, sich dieses Themas annehme.

Vor einigen Tagen schlug ein „Ally“ der reflektierten Reichen bei Instagram vor, Klassismus nicht mehr nur aus der „Betroffenen-Perspektive“ zu betrachten. Er warf die Frage in den Raum, ob unter den Begriff Critical Wealthiness nicht auch endlich ein Perspektivwechsel möglich wäre. Kritisches Reichsein: Daraus könnte man doch gleich einen weiteren Song basteln.

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