Keine Superhelden

Individualismus Die Erzählung von übernatürlichen Kräften passt in unsere Zeit, in der man so sehr auf sich allein gestellt ist wie nie zuvor
Ausgabe 51/2019
Jeder nur ein Cape!
Jeder nur ein Cape!

Foto: Imago Images/Fotoarena

Es ist die Zeit der Helden, in der Männer und Frauen als Spinne, Fledermaus oder Wonderwoman Menschenleben retten und Bösewichte ausschalten. Im Kino boomt das Genre wie kein anderes: Avengers Endgame, der dieses Jahr in den Kinos lief (der Freitag 19/2019), spielte so viel Kohle ein wie kein anderer Film vor ihm.

Die Heldengeschichten folgen einem bekannten Muster: Mensch, meist Mann, zieht raus in die Welt, erlebt allerhand Abenteuer, muss sich Prüfungen stellen, zaudert hier und da auch mal über sich und seinen Weg, kehrt dann aber irgendwann als gefeierter Held wieder zurück. Ob Odysseus, Grimms Märchen, Star Wars oder eben Superhelden: Die Erzählstruktur ist verinnerlicht, das Grundschema gibt dem Publikum Sicherheit.

Die Heldin oder der Held passen aber besonders gut in die gegenwärtige Zeit, in der nur die Superheldenkräfte des Einzelnen zählen, weil das, was wir einst Gesellschaft nannten, gerade im Begriff ist, bis zur Unkenntlichkeit in sich zusammenzuschrumpfen. Allein das Individuum steht auf dem Podest; die Menschen, ohne die es niemals auf dieses Podest gelangt wäre, sind längt vergessen.

Einmal Held*in sein, einmal herausstechen aus dem Meer der Gewöhnlich- und Vergänglichkeit, wo wir doch wissen, dass wir in der Realität eigentlich das Gegenteil sind: irgendwelche Loser ohne Superkräfte.

Wir sehen auch nicht so gut aus wie die Projektionsflächen. Mit Augenrändern und hängenden Schultern stehen wir morgens im Bad, auf unserer Backe klebt noch Ohrenschmalz, den wir nur dann entdecken, wenn wir zufällig während des Zähneputzens einen Blick in den Spiegel werfen, anstatt schnell auf Instagram zu kontrollieren, wie viele Leute unser aktuelles Throwback-Urlaubsbild gelikt haben. Statt Superheldenumhang gibt es Blazer, Anzug oder Blaumann.

Wir können nicht fliegen, uns nicht an Spinnennetzen von Haus zu Haus hangeln, wir waren irgendwie nicht anwesend, als das Supersoldatenserum verteilt wurde. Von mangelnder Unsterblichkeit ganz zu schweigen. Alles, was wir können, haben wir irgendwo mühselig erlernen müssen. Lebenslanges Lernen und Optimierungszwang statt Superkräfte.

Letztlich haben die Helden etwas von religiösen Heiligen: Sie alle kämpfen auf der Seite des Guten gegen das Böse. Ein übersichtliches Schema, uns bekannt aus frühester Kindheit, das die Welt zwar klar strukturiert, aber wenig zu tun hat mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und Widersprüchen, mit denen wir uns Tag für Tag herumschlagen müssen.

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