Lehrermangel trifft vor allem Kinder aus armen Familien

Bildung Hochqualifizierte Lehrkräfte arbeiten lieber an Schulen mit gut situiertem Umfeld. Schülern aus armen Familien bleiben meist nur Quereinsteiger – oder der Unterricht fällt ganz aus. Eine Kolumne aus dem „Lexikon der Leistungsgesellschaft“
Der Lehrer:innenmangel trifft nicht alle gleichermaßen: Die Armen leiden darunter am meisten
Der Lehrer:innenmangel trifft nicht alle gleichermaßen: Die Armen leiden darunter am meisten

Foto: Imago/ photothek

Jede Klassengesellschaft hat ihre Türsteher. Sie entscheiden, wer rein darf in den Club der Exquisiten und wer draußen bleiben muss. Im Kapitalismus soll Leistung entscheidendes Kriterium an der Tür sein, was nicht stimmt, aber immer noch ständig behauptet und von vielen geglaubt wird. Neben Klassenherkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Glück oder Ausprägung von Niedertracht und Opportunismus entscheidet hierzulande immer noch die Schule, an welcher Seite des Tisches beim Vorstellungsgespräch man mal sitzen wird.

Das wissen wohl auch die Kinder, die Ende Juni an der Hans-Rosenthal-Grundschule in Berlin-Lichtenberg gegen den dortigen Lehrkräftemangel demonstriert haben. Die Personalsituation ist hier besonders dramatisch: Mehr als vier Stellen sind für das kommende Schuljahr unbesetzt. Das würde einen Ausfall von wöchentlich sechs Schulstunden bedeuten – je Klasse. Nur eine Minderheit der 34 Lehrkräfte sind überhaupt voll ausgebildete Lehrkräfte – die Mehrzahl sind Quer- beziehungsweise Seiteneinsteiger. Dabei hätte die Hans-Rosenthal-Grundschule eine umfassende pädagogische Qualität bitter nötig, gehen auf die Schule doch viele Kinder aus einkommensschwachen Familien und haben zu etwa 60 Prozent das, was im Verwaltungsdeutsch Migrationshintergrund genannt wird.

Nicht nur in Lichtenberg gilt in der Tendenz: Je schwieriger die soziale Situation der Schüler*innen, desto schlechter die Ausstattung, desto weniger Lehrer*innen, desto düsterer die Zukunftsaussichten. Das gestand letztens auch Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse ein: Es könne nicht sein, dass Kinder etwa in Marzahn-Hellersdorf nicht genügend gute Lehrerinnen und Lehrer bekommen, während die Stellen anderswo alle besetzt sind. Hoch qualifizierte Lehrkräfte dürfen sich aussuchen, wo sie arbeiten wollen und gehen offenbar in der Tendenz lieber an Schulen mit einem gut situierten Umfeld als dorthin, wo die Arbeit belastender sein könnte. Dagegen wolle sie nun endlich vorgehen, sagt die SPD-Politikerin, deren Partei seit mehr als einem Vierteljahrhundert am Stück der Senatsverwaltung vorsteht.

So bleiben am Ende alle an ihren Plätzen: Die, die ohnehin vergleichsweise schlechtere Voraussetzungen haben, gehen auf die schlechteren Schulen, machen später die schlechteren Jobs. So reproduziert sich Fehlstunde um Fehlstunde die Zusammensetzung der Klassengesellschaft. Ab und zu lässt der Türsteher einen aus einer Schule „schwieriger Lage“ hinein. Gerade genug, damit die Illusion aufrechterhalten bleibt, dass es alle schaffen können.

Sebastian Friedrich ist Journalist und führt in dieser Kolumne „Lexikon der Leistungsgesellschaft“ sein 2016 unter diesem Titel erschienenes Buch fort, welches mitunter veranschaulicht, wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt.

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