Putins Seele und der Blick von Olaf Scholz auf Egon Bahr

Krieg Wenn das Rätseln über die Seele des russischen Präsidenten mehr interessiert als eine Analyse der Interessen hinter dem Krieg, dann ist die Zeit günstig für die Aufrüstung. Eine Kolumne aus der Reihe „Lexikon der Leistungsgesellschaft“
Deutschland will nicht mehr nur ökonomisch zu den Großen gehören, sondern endlich auch militärisch
Deutschland will nicht mehr nur ökonomisch zu den Großen gehören, sondern endlich auch militärisch

Foto: Frank Sorge/IMAGO

War Wladimir Putins Mama zu streng? Wie steht es psychisch um den russischen Präsidenten? Ist er verrückt geworden? Antworten auf die Fragen, die die Analysen besonders in den ersten Tagen nach Beginn des russischen Angriffskrieges geprägt haben, gab es zwar nicht. Dennoch waren allein die Fragen erleichternd: Für jene, die es nicht für möglich gehalten hatten, dass es zu dem Krieg kommt – denn wer kann schon das Handeln eines Wahnsinnigen voraussagen? Erleichternd waren sie auch für jene, die sich lieber nicht mit den vielfältigen Ursachen des Krieges befassen wollen – Interessen und Geopolitik, das machen doch nur alte Männer, die gerne Tarnanzüge tragen, „Risiko“ spielen und gerne auf einem Feldherrenhügel zelten würden.

Eine weniger psychologisierende Variante des Analyse-Eskapismus erklärt alles mit Ideologie. Der Verweis auf den zweifellos chauvinistischen Revisionismus, der aus Wladimir Putin spricht, wird seinerseits zur Ideologie, wenn sich die „Analyse“ in der bloßen Verdopplung des Gesagten erschöpft.

Wer dann doch mal geopolitische oder ökonomische Einflussfaktoren thematisieren möchte, kann schnell verdächtigt werden, das Vorgehen der russischen Regierung eigentlich rechtfertigen zu wollen.

Es kommt nicht oft vor, dass es sich lohnt, sich positiv auf jemanden zu beziehen, der nach 1918 noch eine wichtige Stütze der Sozialdemokratie war. Egon Bahr aber hätte heute wahrscheinlich doch den ein oder anderen schlauen Gedanken einzubringen, etwa den, den er 2013 vor Schüler*innen vortrug: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“

Anlässlich von Bahrs 100. Geburtstag befasste sich am 18. März Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem außenpolitischen Realisten: Die neue deutsche Sicherheitspolitik dürfe nicht länger beim nüchternen Betrachten der Realität eines Egon Bahr stehen bleiben. Jede Zeit habe ihre Herausforderungen und ihre eigenen Antworten, so Scholz.

Es ist eine nachträgliche Legitimation der Hochrüstungspläne, einer neuen deutschen „Sicherheitspolitik“, die –schon lange geplant – angesichts der grausamen Bilder aus der Ukraine nun gesellschaftlich durchgesetzt werden kann. Während Ideologie und Seelenzustand Putins im Mittelpunkt stehen, darüber gestritten wird, ob die Analyse von Interessen überhaupt noch zeitgemäß ist, will Deutschland nicht mehr nur ökonomisch zu den Großen gehören, sondern endlich auch militärisch.

Sebastian Friedrich ist Journalist und führt in dieser Kolumne „Lexikon der Leistungsgesellschaft“ sein 2016 unter diesem Titel erschienenes Buch fort, welches mitunter veranschaulicht, wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt.

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