Die Mutter des kleinen Donald

Eine naive Parabel Die Fratze, die seit einem Jahr die Medien zu Marionetten macht, wird US-Präsident. Angst und Bedenken umschleiern die Kommentare. Weil wir die Fratze viel zu gut kennen.
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Es ist ein Problem. So allgegenwärtig, so umfassend wie es die westliche Welt seit 1933 nicht mehr erlebt hat, da sind sich Kolumnisten und Stammtischdemagogen einig. Wie damals hat das eigentliche Problem nun plötzlich ein Gesicht bekommen – unerwartet wie der Dolchstoß in den Rücken der Demokraten. Das Gesicht ist eine Fratze aus Mastfett und Wutfurchen – was sie hässlich macht ist alles was sie befürwortet. Aber es ist eben nur eine Fratze, eine Ausgeburt des Problems, nicht die Wurzel. Wer hat dieses Monsterbaby nur aus sich gepresst?

Die Mutter war in ihrer Sturm- und Drangzeit, als die Geburt des kleinen Donald sie überraschte. Eine Aktivistin, sie hatte alle Hände voll zu tun. Sie überzeugte die Menschen von sich selbst, hielt andauernd Pep-Talks zur individuellen Freiheit jedes Einzelnen: Arbeite hart und du kannst alles schaffen! Sie war für hohe Lohnniveaus, so dass sich jeder die verdiente Freizeit mit Konsum versüßen kann. Auf den Märkten setzte sie sich für den freien Handel ein, und dann wurde getauscht wie wild – ihr habt gute Orangen, bleibt dabei, wir machen Computer. Ihre Botschaften kamen gut an, also musste sie auch noch Geld drucken. So viel, dass sie sich dachte: Heck! So viel Wachstum wie sie anstrebte ließ sich sowieso nicht auf Scheine drucken, es reichte, wenn man es aufschrieb.

Mama konnte nie zuhause sein - und verlor die Kontrolle

Mutter merkte bald auch: viele Menschen geben ihr Geld schnell aus, so dass sie gar nicht mehr so viel kaufen können. Gleiche Chancen für Alle hatte sie immer gesagt, und das passte so gar nicht dazu. Und so setzte sie durch, dass Menschen anschreiben lassen konnten. Und nicht nur Menschen, auch Firmen konnten Unsummen an Geld auf den Deckel schreiben. Die Deckelwirtschaft kam gut an, bei Groß und Klein, Arm und Fein. Zwischen allen wurden die Deckel hin-und hergeschoben, ein großes Towubahohu, das irgendwie funktionierte. Wenn so ein Deckel mal nicht beglichen werden konnte, vor allem so ein großer, hat man ihn halt gestrichen. Gleiche Chancen für Alle halt - läuft bei diesem System.

Doch der Anfangszauber schwand, Mama verlor langsam die Kontrolle über ihr Projekt. Der kleine Donald war die ganze Zeit über an ihrer Seite, lernte von ihrem Tatendrang, eignete sich ihren eisernen Willen an. Und vernarrte sich in die Kraft der Überzeugung. Er spürte: Wer Menschen Träume einpflanzen kann, muss sich nicht lange mit der Realität aufhalten. Das und so viel mehr vermittelte ihm die Aktivistin durch ihre Mission. Aber zuhause konnte Mama nie sein.

Ein Herkules muss gegen die Hydra antreten

Heute schauen Leute die Fratze des großen Donald an – und bekommen Angst. Angst vor einem 70-jährigen Wutbürger, der ein Millionenerbe verzockt hat, über keinerlei politische Vorkenntnisse verfügt, und von den Eliten der gesamten Welt verachtet wird. Warum ist deren Angst berechtigt?

Weil sie die gleiche Mutter haben. Der Donald ist ein Hohlspiegel, der Menschen die eigenen Makel gewaltig vor Auge führt. Es sind keine Warzen oder Narben, die sie beunruhigen, sondern der kurze Augenblick, der verrät: Wir haben die gleiche Vergangenheit. Diese intime Verbundenheit, die auch entfernte Familienmitglieder eint, auf wundersame Weise.

Die Schockstarre liegt in der Erkenntnis, dass die Fratze auf einer Hydra sitzt, mit der die Freiheitsliebenden aufgewachsen sind, tagein, tagaus – da bekommt man die großen Veränderungen gar nicht so mit. Das Abschlagen der Fratze hilft nicht, sofort würden zwei neue Köpfe entstehen. Nur Herkules vermochte mit Feuer die Hydra zu besiegen.

Auch jetzt muss ein Herkules den Kampf antreten und die richtigen Brände legen. Sonst reißt die Hydra Herden.

19:44 23.11.2016
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Geschrieben von

Sebastian Gluschak

Reportagen/ Digital/ Wirtschaft SZ, Tagesspiegel und Hintergrund bislang @smarinogluschak
Sebastian Gluschak

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