Brown rettet Cameron

Referendum Schottland hat sich entschieden. Ein klares "Yes" zum Verbleib im Vereinigten Königreich. Zum Held des Abends avancierte derweil ein einst Verfemter
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Brown rettet Cameron
Die Party ist vorbei

Bild: Andy Buchanan/AFP/Getty Images

Gordon "Hero" Brown

Für Ewen Cameron, Historiker an der Universität Edinburgh, ist der ehemalige Premierminister Gordon Brown der Held des Tages. "Er hat die gesamte Debatte letztendlich entscheidend geprägt", so Cameron im Sender CNN. Ganz nebenbei rettete der zuvor schmälich aus dem Amt gewählte Schotte seinem Tory-Nachfolger dessen politisches Überleben. Während sich Downing Street erst merklich spät in die Diskussion einschaltete, zog Brown unermüdlich durch die Lande und warb für ein "No".

Für Labour stand viel auf dem Spiel

Ganz uneigennützig war das rastlose Engagement des oft als Langweiler gescholtenen indes nicht. Hätten die überwiegend labouraffinen Schotten - Torypolitiker sind zwischen Glasgow und Shetland-Islands akut vom Aussterben bedroht - den Hinterausgang aus dem Königreich genommen, wäre den Sozialdemokraten damit ein beachtliches Wählerreservoir auf unabsehbare Zeit verloren gegangen. Bis auf das kleine Wales und einige Industriestädte hätte sich gerade im ländlich geprägten England eine unüberwindbare konservative Mehrheit formiert. Ob sich dieser Erfolg bei den nächsten Unterhauswahlen in Stimmenzuwächsen äußern wird, bleibt abzuwarten.

Niederlage der Separatisten zeichnete sich früh ab

Bereits kurz nach Schließung der Wahllokale prognostizierten Wählerbefragungen eine überraschend klare Niederlage für die Unabhängigkeitsbewegung. SNP-Chef Alex Salmond, Schirmherr wie Initiator des Referendums, zog sich auffallend früh in sein Landhaus zurück. Zu eindeutig entwickelte sich der Vorsprung der Unionisten, die insbesondere in der britisch geprägten Hauptstadt Edinburgh mit über 60% triumphierten. Bis auf Glasgow und Dundee konnten sich die Separatisten lediglich in zwei kleineren Distrikten durchsetzten. Trotz der scheinbar omnipräsenten Yes-Kampagne hatten sich unerwartet viele Schotten gegen eine vermeintlich ungewisse Zukunft in Eigentständigkeit entschieden.

Wird Salmond jetzt versch(r)ottet?

Für First Minister Salmond ist die deutliche Abfuhr auch eine schmerzhafte persönliche Niederlage. Seine pentetrant zur Schau gestellte Siegesgewissheit stieß bei einigen Landsleuten auf Ablehnung. Bisweilen aggressiv stilisierte der rhetorische Grobmotoriker das Referendum zur schicksalhaften Existenzfrage hoch. Dass sich hierdurch eine bedenkliche Spaltungstendenz offenbarte, nahm er stillschweigend in Kauf. Die Niederlage vor Augen, deutete Salmond die Volksabstimmung am frühen Morgen kurzerhand in "ein Musterbeispiel der Demokratie" um. Darüberhinaus seien die 1,6 Mio. Ja-Stimmen nach wie vor ein beachtliches Potenzial für eine zukünftige Unabhängigkeit. Schottland stehen harte Zeiten bevor. Ob der polarisierende Salmond für die bitter notwendige Aussöhnung allerdings der Richtige ist, darf bezweifelt werden. Sein früherer Studienkollege Gordon Brown könnte dagegen vor einem späten Comeback stehen. Abwarten und Tee trinken ...

08:07 19.09.2014
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