Kampf um die SPD-Spitzenkandidatur in Schleswig-Holstein

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Die Landtagswahl ist erst 2012, doch schon jetzt findet bei der schleswig-holsteinischen SPD ein Zweikampf um die Spitzenkandidatur statt. Alles läuft auf Ralf Stegner oder Torsten Albig hinaus. Schon jetzt ist klar: Es wird knapp - und der innerparteiliche Wahlkampf rauer.

Itzehoe - Wenn Torsten Albig spricht, wird Ralf Stegner zappelig, geradezu unruhig. Sein Kopf schaut nach links, wieder nach rechts, wieder nach links und wieder nach rechts. Er schaut nicht ruhig - und vor allem schaut er nicht zu Albig.

Die SPD in Schleswig-Holstein sucht einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2012. In 15 Mitgliederversammlungen können sich die insgesamt vier Bewerber vorstellen, bevor einer von ihnen im Februar 2011 zum Spitzenkandidaten gekürt wird.

Stegner ist seit 2007 Landesvorsitzender, hat bei der Landtagswahl 2009 im einstigen SPD-Stammland jedoch 13 Prozentpunkte verloren. Die Partei bekam nur noch rund 25 Prozent der Wählerstimmen. Dennoch fühlt er sich als der natürliche Spitzenkandidat. Albig ist der überraschende Herausforderer, der erst vergangenes Jahr mit absoluter Mehrheit zum Kieler Oberbürgermeister gewählt worden ist - und damit eine SPD-Hochburg zurückerobert hat. Es gibt zwei weitere Kandidaten, doch werden ihnen keine Chancen eingeräumt.

So zeichnet sich ein Duell zwischen dem langjährigen Parteipolitiker Stegner und dem Quereinsteiger Albig ab. Ein Duell zwischen Antisympath und Sympath. Zwischen Getriebenem, der angreifen muss, um seine Position zu verteidigen, und seinem Herausforderer, der auf die Frage, was er zu den Angriffen Stegners sagt, antwortet: "Ich habe die überhaupt nicht gehört."

Albig wirkt zufrieden und entspannt. Für ihn birgt das Duell keine größere Gefahr. Gewinnt er, ist er Spitzenkandidat, verliert er, bleibt er weiter Kieler Oberbürgermeister. Bei Stegner ist das anders. Verliert er, wird damit womöglich das Ende einer politischen Karriere eingeleitet. Auf mittlere Sicht wären dann wohl seine Tage als Parteichef gezählt. Der Traum vom Ministerpräsidenten, der ihm schon 2009 verwehrt blieb, wäre vermutlich endgültig ausgeträumt.

Der Ton wird rauer

War der Wettstreit um die Spitzenkandidatur anfangs noch freundlich, nimmt er nun rauere Formen an. Das liegt vor allem an den sich abzeichnenden Kopf-an-Kopf-Rennen: In drei der acht bisher stattgefundenen Versammlungen gab es eine Probeabstimmung. Stegner lag dort mit insgesamt 420 Stimmen nur noch knapp vor Albig, der 380 erhielt.

Stegner versucht nun die Stärken seines Gegners in Schwächen umzuwandeln. Lächeln alleine reiche nicht, sagt der 53-Jährige etwa in Itzehoe in Anspielung auf Albigs Dauerlächeln. Wenn Stegner außerdem kundtut, sich nicht um das Amt des Spitzenkandidaten zu bewerben, "um dann gleich das nächst größere anzustreben", ist dies vor allem als Kritik an dem vermeintlichen Karrieristen Albig zu verstehen: Albig der Lächler, Albig, der wenig Stetige, der erst zum OB gewählt wird, um nur ein Jahr später für ein anderes Amt zu kandidieren. Dagegen: Stegner, der Erfahrene, der Landesvorsitzende, der sich auch traut, zu streiten.

Stegner wirkt in Itzehoe tatsächlich souveräner als Albig. Zumindest vermittelt er den Anschein, für alle Probleme eine Lösung zu haben. Das kommt an. Eine 60-Jährige Sozialdemokratin etwa erzählt, dass sie mit Albig als ihrem Favoriten in die Veranstaltung hineingegangen sei, dann aber mit Stegner raus. Sie steht damit nicht allein.

Albig als Gegenentwurf zu Stegner

Dennoch hat Stegner drei Probleme, die auch seine Fürsprecher sehen. Stegner gilt als Spalter, hat eine enorme Wahlniederlage zu verantworten und wirkt in der Öffentlichkeit wenig sympathisch. Das Gegenteil all dessen ist Albig. Er gilt als integrierend, kann einen enormen Wahlerfolg für sich beanspruchen und gilt in der Öffentlichkeit als sympathisch.

Albig hat die Vermarktung in eigener Sache von der Pieke auf gelernt. Vor allem als Pressesprecher machte er sich bisher einen Namen. Unter anderem arbeitete er für Finanzminister Peer Steinbrück. Der 47-Jährige war lange Zeit kein Gestalter, sondern ein Vermarkter von Projekten anderer. Nun ist er Vermarkter in eigener Sache - mit Erfolg.

Albigs Stärke ist dabei sein Charisma. Ein Parteimitglied etwa findet, dass es darauf ankomme, "wie jemand nach außen wirkt, wer mehr Charisma hat. Und das ist eindeutig Albig." Ein anderer hält ihn zwar für sympathischer, sieht in Stegner jedoch den größeren Profi, der auch inhaltlich mehr vorzuweisen habe. Er spricht damit für viele Parteianhänger. Die Mitglieder schätzen die inhaltlichen Qualitäten Stegners, doch fürchten sie sein schlechtes Image.

Klatschen für den Gegner

Albig hat so einen klaren Vorteil. Auf der Bühne macht er neben Stegner die freundlichere Figur. Neben dessen unruhigen Blick strahlt Albig Ruhe aus. Er präsentiert sich als Gegenteil vom Querulanten Stegner, klatscht auch über dessen bessere Sprüche - und macht sie sich so zu Eigen. Ob es für die Spitzenkandidatur reicht, entscheidet sich jedoch erst im Februar 2011.

Bis dahin wird Stegner weiter auf Angriff setzen - und mit seinem Negativ-Image spielen. Die Bürger, erzählt er, möchten sich gerne auch ein Bild vom Menschen Stegner machen. In den Medien komme dieser jedoch "nicht so an". Wenn er jedoch unterwegs auf Menschen treffe, hätten diese danach immer ein anderes, besseres Bild von ihm. Ob das stimmt und er damit die Mitglieder für sich gewinnen kann, bleibt abzuwarten. Sieben Vorstellungsrunden hat er noch, um sie zu überzeugen.

15:29 21.12.2010
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Geschrieben von

Sebastian Kohlmann

Politologe und Publizist
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