Opel - Wird der gelbe Blitz weiblich?

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Selbstbewusst gibt sie sich auf die Frage, ob sie überrascht sei über ihre Berufung: „Für mich und auch intern war es keine große Überraschung“. Rita Forst (54) ist die neue Entwicklungschefin von Opel und damit einer der ersten Frauen im Führungsteam eines Automobilherstellers. Ihre Berufung scheint sich als Glücksgriff für das Unternehmen zu erweisen. Wurde in den vergangen Monaten, ja fast schon Jahren vor allem über die harten Einschnitte, einen möglichen Konkurs und die rabiaten Führungsqualitäten vom neuen Opel-Chef Nick Reilly (59) berichtet, ist es nun die 54-jährige Forst, die verkündet, dass es dem Unternehmen wieder gut gehe, und eine harte, aber rosige Zukunft auf dasselbe warte.

Neben ihrer Ingenieurs-Qualitäten bringt sie in ihr neues Amt ein entscheidendes Pfund mit ein: Sie ist eine Frau. Eine Frau? In der Tat darf sich gefragt werden, ob die Berufung eines Mannes solch ein Medienecho – und überhaupt ein Medienecho – hervorgerufen hätte. So aber öffnet ihr – und dem Unternehmen selbst – das „Frau-Sein“ Tür und Tor in den großen Tageszeitungen dieses Landes – um für das Unternehmen zu werben und über ihre eigentlichen Qualitäten, die der Ingenieurin bei Opel, zu sprechen. Die Journalisten scheinen sich – nicht ganz zu Unrecht – nach einer Story mit ihr zu reißen. Das Handelsblatt machte den Anfang, die Süddeutsche Zeitung, die Financial Times und der Tagesspiegel legten nach. Und die Auto Bild titelte gar: „Rita muss es richten“ – obwohl doch eigentlich Reilly Opel-Chef ist.

Eine Frau im Führungsteam eines Automobilunternehmens ist bisher eine Seltenheit, ja eine Besonderheit. Es ist ein Novum, mit dem der kriselnde Automobilhersteller punkten könnte – gerade in einer Zeit, in der das Thema – Frauenquoten für Spitzenpositionen in der Wirtschaft – ganz oben auf der Berichterstattung steht. Gerade erst konnte sich die Deutsche Telekom über kostenlose Positiv-PR freuen, weil sie eine Quotenregelung für ihr Unternehmen ankündigte – bevor eine solche tatsächlich gesetzlich vorgeschrieben wird. Ähnlich wie Opel hat auch der ehemalige Staatskonzern an seinen Ruf zu knabbern. Beide Unternehmen, hier der Telekommunikationsanbieter dort der Automobilhersteller, scheinen die Gunst der Stunde – ob unbewusst oder bewusst – als Chance zu betrachten.

Bei Rita Forst ist das gut zu sehen. Das Unternehmen Opel, dessen Mutterkonzern General Motorseher durch alternde, fast senil wirkendeManager wie die einstige Autolegende Bod Lutz (78) aufgefallen ist, installiert nun neben dem wenig telegenen Reilly eine Frau als Entwicklungschefin.Wenn Forst über den neuen Elektro-Opel „Ampera“ oder andere zukünftige Opel-Modelle schwadroniert, dann wirkt sie zuversichtlich, ja ehrlich begeistert, und menschlicher, anders als es bei den vielen Autobossen dieser Welt, gerade bei Jenen vom im besten Georg-Bush-Stil geführten Autokonzern General Motors manchmal bekannt ist.

Frauen werden häufig eine andere Führungskultur und andere Stärken nachgesagt als Männern. Forst selber tut dies auch, wenn sie sagt, dass Frauen mehr Feingefühl hätten, etwa bei der Innengestaltung von Fahrzeugen. Und tatsächlich scheint es auch ihr – bei allem Selbstbewusstsein – nicht allein um den eigenen Führungsanspruch zu gehen, es scheint ihr mehr um ein Miteinander zu gehen. Ihre Bürotür stehe immer offen, um viele Gespräche zu führen. Dies verriet sie zumindest Auto Bild.

Forst geht aber noch einen Schritt weiter, wenn sie fordert, beim Elektroantrieb sollten die deutschen Hersteller doch enger zusammenarbeiten. Gemeinsam solle man diesen vorantreiben, gemeinsam darüber reden. Was im ersten Moment so simpel und selbstverständlich klingt, ist im zweiten Moment eine kleine Revolution. So zumindest analysieren es die Tageszeitungen dieses Landes. Es erinnert ein wenig an Angela Merkel, die einst Georg W. Bush empfahl, dass er mit dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin reden müsse, wenn er etwas erreichen wolle – und Bush darauf begeistert antworte, dass Merkel eine „very intelligent person“sei.

So öffnet Rita Forst womöglich Türen; Türen, die sich nicht mehr schließen lassen.Lag Opel häufig – vor allem in der jüngeren Vergangenheit – nicht immer im Trend, könnte die Marke erstmals wieder als Trendsetter wahrgenommen werden. Das könnte sich wiederum auf die Wahrnehmung der Produkte auswirken. Diese sind heute zwar laut Testberichten der Autozeitschriften dieses Landes wieder auf der Höhe der Zeit und gewinnen bisweilen sogar Design-Preise. Das Image aber hat diese Wandlung zum Besseren noch nicht vollzogen.

Für Opel selbst ist Rita Forst so schon jetzt ein Glücksgriff. Wird der eigentliche Opel-Chef vor allem mit Stellenstreichungen und einem amerikanischen, bisweilen arroganten Führungsstil verbunden – was freilich nur bedingt zutreffend sein kann, ist Reilly doch gebürtiger Brite – so könnte Forst dagegen tatsächlich zur Galionsfigur bei Opel aufsteigen: zum Zeichen eines womöglich gewandelten Unternehmens, das, die Zukunft im Blick, auch Frauen in den Führungsämtern der Automobilindustrie beherbergt, Trends setzt und nicht hinterher eilt. Die Berufung Forsts kommt in einer Zeit, in der der Zeitgeist gerade darüber debattiert – und solch eine Personalie noch Aufsehen erregt. Opel scheint dies als Chance zu nutzen und könnte sich die „neue Weiblichkeit“ so auch in Zukunft auf die Fahnen schreiben – als eines der ersten Automobilunternehmen überhaupt. In den letzten Wochen berichteten über zehn Zeitungen in längeren Berichten über sie. Von Konkurs oder Stellenstreichungen war da (kaum) die Rede. Vielmehr ging es um den Aufbrauch in eine bessere Zukunft – mit einer Frau im Führungsteam.

20:22 25.03.2010
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Geschrieben von

Sebastian Kohlmann

Politologe und Publizist
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