Opels übersehene Produktoffensive

. Die diesjährigen Debatten um Werksschließungen zeigen: Opel stellt sich häufig selbst ein Bein. Denn die von Experten eingeforderte Produktoffensive trägt erste Früchte.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

http://www.n24.de/media/import/autonews/autonews_20120615_12/32458_ope_ast_12_6.jpg

Göttingen/ Rüsselsheim. Was für ein Marktanteil! 15,9 Prozent im Jahr 1996. Der neue Vectra leistet sich mit dem VW Passat (1997) und dem Audi A4 (1996) ein Duell um Platz 1 der meistverkauften Mittelklassefahrzeuge in Deutschland. Der Vectra war allerdings nur ein Fahrzeug in einer umfangreichen Produktpalette. Kleinwagen (Corsa), Kompaktklasse (Astra) und Mittelklasse (Vectra) waren natürlich Pflicht. Doch war Opel damals in fast allen Fahrzeugklassen vertreten: Zwei Coupés (Tigra und Calibra) gesellten sich ebenso dazu wie ein Fahrzeug der gehobenen Mittelklasse (Omega), ein Cabrio (Astra) genauso wie zwei SUV (Frontera und Monterey), einer davon sogar enorm erfolgreich. Das Produktangebot wurde abgerundet durch einen Pick-up und einige Nutzfahrzeuge.

Die heutigen acht Prozent Marktanteil sind insofern nicht verwunderlich, ist die Modellpalette doch enorm geschrumpft. Cabrio oder obere Mittelklasse sucht man vergebens, einen kompakten Jeep ebenso. Doch tatsächlich haben Opel und der Mutterkonzern General Motors diese Fehler seit dem Beinahe-Konkurs 2009 selbst erkannt, 11 Milliarden werden nach Angaben des Unternehmens bis 2014 für Investitionen bereitgestellt. Die von Opel und Arbeitsnehmern befeuerten Debatten um Werksschließungen haben diesen Aspekt jedoch aus dem Blick geraten und das Image erneut sinken lassen. Sollte eben diese Debatte nun (zumindest vorerst) der Vergangenheit angehören, dürften die Chancen für Opel tatsächlich nicht schlecht stehen. Denn bei der angekündigten Modelloffensive handelt es sich keineswegs um eine Worthülse, sondern, wie es Opel selbst sagt, “um eine klare Eroberungsstrategie”.

Rückkehr zum Vollanbieter

http://www.autoplenum.de/Bilder/P/p0004803/OPEL/OPEL-Vectra-1-6--1999-2002-.jpgSo wird die jüngst vorgestellte Astra Limousine eben annähernd jene Abmessungen haben, die einst der erfolgreiche Opel Vectra B 1996 trug. 4,65 m lang (damals 4,49m), 1,81 m breit (damals 1.7m). Der Radstand unterscheidet sich nur um wenige Milimeter: 2,63 m zu den heutigen 2,68 m. Die Autopresse spricht bereits von einem Mini-Insignia und einem ernsthaften Konkurrenten zum VW Jetta.


Der Insignia wiederum, deutlich größer als einst der Vectra, holt bereits heute ehemalige Omega-Kunden zurück zur Marke. Dass der aktuelle Astra ein Stück weit auch den Vectra ersetzen kann, zeigt vor allem, dass die Autos in ihren Abmessungen deutlich gewachsen sind. Das gilt auch für den Corsa, sodass auf dem Pariser Autosalon im September diesen Jahres tatsächlich ein Auto vorgestellt wird, über das bei Opel bereits seit zwei Jahrzehnten diskutiert, die Entwicklung aber immer wieder gestoppt worden ist: über ein Auto unterhalb des Corsas. Der Opel Adam bringt eben genau jene Abmessungen mit, die einst der Corsa B hatte und soll nun als dynamischer Kleinwagen dem eher biederen VW-Up! Konkurrenz machen.

Cabrio als Imageträger - großes Coupé gestrichen

http://img2.auto-motor-und-sport.de/image-19-fotoshowImageNew-e4a9d0e5-604165.jpgAuch das neue Cabrio ist den Erlkönigjägern bereits vor die Linse gefahren, Opel hat es für kommendes Jahr bestätigt. Der Opel Mokka, ein kleiner Jeep, hat seine Deutschlandpremie bereits auf dem Leipziger Automobilsalon gefeiert - ein deutsches Konkurrenzprodukt sucht man hier vergebens. Der Anfang des Jahres eingeführte Astra GTC lässt zudem die Coupé-Tradition der Marke, wenn auch eine Klasse tiefer als das gestrichene Coupé auf Basis des neuen Cabrios, wieder aufleben und gewinnt, etwa in der Zeitschrift Autobild, Vergleichstests gegen das VW-Pendant, den Scirocco.

All diese Beispiele zeigen, Opel hat die Investitionen in die Entwicklung neuer Modelle anscheinend trotz Krise nicht gestoppt, sondern vorangetrieben. Es liegt nun mehr an Opel und General Motors selbst, diese auch der Öffentlichkeit (und den Medien) zu präsentieren - ohne einem Moll-Konzert, das Werksschließungen genauso behandelt wie betriebsbedingte Kündingen - und damit vor allem eins macht: die durch die europäische Krise ohnehin verunsicherten Kunden weiter verunsichern.

Deutschland-Plan als Bekenntnis zum Standort Deutschland

Der jüngst vom Unternehmen veröffentlichte “Deutschland-Plan”, der eben auch den vorläufigen Fortbestand des Bochumer Werks vorsieht, hat Ruhe in diese Diskussion gebracht. Diese Woche wird Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke seinen Sanierungsplan dem Aufsichtsrat vorlegen. Für Opel bleibt zu hoffen, dass nun tatsächlich wieder über Autos gesprochen werden kann - denn hier scheint einiges auf den Käufer und die Konkurrenz zu zukommen. Der Marktanteil dürfte dann wohl auch wieder steigen.

14:15 25.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Kohlmann

Politologe und Publizist
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community