Opels zweite Chance - Das neue Selbstbewusstsein der Rüsselsheimer

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Der Insignia galt für Opel als Aufbruch in eine neue Zeit. Doch markierte die Markteinführung vor ziemlich genau drei Jahren auch den Beginn eines unwürdigen Überlebenskampfes. Der Autobauer hat seine Hausaufgaben gemacht - und steht heute besser da denn je. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings.

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Wenn der heutige Opel-Chef, der Hesse Karl-Friedrich Stracke, auf Staatsförderungen für Elekroautos wie den Opel Ampera angesprochen wird, dann scheint dies reflexartig ein rotes Tuch für ihn zu sein. Bloß keine Debatten mehr um Staatshilfen, wie sie Opel-Mutter General Motors noch bis Mitte Juni 2010 geführt hat. Auf Nachfrage einer Autozeitung antwortet er nur, das sei kein Thema. Die Bitte-Bitte-Mentalität ist einer Mentalität des neuen Stolzes gewichen, erst in Detroit, dann in Rüsselsheim.

Nein, ein Hersteller, der sich nur auf Pump finanzieren kann, will man nicht mehr sein. 2012 sollen dauerhaft Gewinne gemacht werden. Stolz möchte man wieder sein, was auch der neue Werbeslogan für das Mittelklassemodell Insignia ausdrücken soll: “Das beste Auto, das wir je gebaut haben”. Es bleibt die Frage: Hat Opel seine zweite Chance tatsächlich genutzt?

Als Verkaufsgerüchte Mitte dieses Jahres die Stimmung bei Opel erneut trüben - insbesondere weil die amerikanische Mutter über einen Monat für den Satz “Opel steht nicht zum Verkauft” braucht - ist es insbesondere Volkswagen, der neben dem aufstrebenden Koreaner Hyundai als möglicher Kaufinteressent gehandelt wird. Volkswagen - der größte europäische Autohersteller? So abwegig diese Vorstellung sein mag, zeigt sie doch: Opel wird wieder wahrgenommen, sogar geachtet. Die Zeiten von Vectra und dem vom Markt nicht verstandenen Signum sind vorbei, das Design gilt heute gleichauf mit dem von Audi und eleganter als das von Volkswagen. Überhaupt scheint die unklare Designrichtung der 2000er-Jahre nun vollkommen abgeschüttelt. “Skulpturales Design” nennt Opel selbst die aktuelle Formensprache im Marketing-Sprech. Und dieses scheint den Geschmack zu treffen: die Marktanteile steigen mehr als der Gesamtmarkt und die neuen Opel gewinnen Design- und Innovationspreise. Die FAZ spricht in Bezug auf den Insignia jüngst von “unerwartet ausdrucksstark geratenem Design” und “dynamischer Eleganz”. Lange Zeit nicht die Attribute, die mit einem Opel verbunden worden sind.

Design besser als das Image

Dem Image konnte das allerdings noch nicht nachhaltig helfen. Nachdem nach 80 Jahren eine neue Werbeagentur für den Auftritt des Herstellers zuständig ist, steigen die Imagewerte zwar beständig, sie liegen aber dennoch noch meilenweit hinter denen des direkten Konkurrenten VW zurück. Gleichwohl: Gleich mehrere Studien versprechen deutliche Besserung. In der Aral-Umfage “Trends beim Autokauf” bekannten unlängst 9 Prozent der Befragten, ihr nächstes Auto komme von Opel. Das sind nicht nur deutlich mehr als 2003 und 2005, als Opel noch von lediglich sechs Prozent genannt worden ist, sowie ein Punkt mehr als im Vorjahr. Vielmehr liegt der Hersteller nun wieder auf Platz zwei hinter VW, der mit 19 Prozent drei Prozentpunkte weniger genannt worden ist als im Vorjahr. Auch die Image-Werte, die das Marktforschungsinstitut Yougov ermittelt, zeigen zumindest vorsichtig nach oben.

Insbesondere das Elektroauto Ampera, das von der Fachpresse geradezu gefeiert
wird (“Die entspannte Reise gleicht einer Fahrt mit einem Zwölfzylinder”, FAZ; “Blitzstart ins Elektrozeitalter”, Spiegel Online), dürfte einen gehörigen Schub geben, sind sich Experten einig: Automobilprofessor Ferdinand Dudenhöfer etwa sagt: „Mit revolutionärer Technologie hat Opel hier einen Meilenstein gesetzt und sich einen enormen Vorsprung auf diesem Gebiet verschafft“. Das Konzept ist tatsächlich so revolutionär wie schlüssig. Noch sind die Preise dafür mit rund 42-tausend Euro zwar enorm hoch, der Vorsprung zur Konkurrenz ist aber tatsächlich segnifikant, findet selbstredend auch Opel selbst:. “Ich konnte dann mit Freude feststellen, dass manche um die Ecke ihren Elektroprototypen ausgeladen haben, um dann mit der Reichweite gerade noch bis zum Bundeskanzleramt zu kommen”, erzählt etwa der Opel-Chef über den Autogipfel im Frühjahr dieses Jahres. Er selbst ist die 500 km mit dem fertigen Ampera angereist.

Unbedingte Hausaufgaben gemacht

Die unbedingten Hausaufgaben wurden bei alledem auch gemacht. Ein Werk wurde geschlossen, der Stellenabbau in den deutschen Werken ist, so schmerzhaft er war, abgeschlossen. Neue Modelle stehen in der Pipeline. Selbst ein Oberklasse-Opel, lange Zeit ein Tabu für die GM-Oberen, scheint wieder möglich und ist für 2016 geplant - inklusive “flexiblen Interieur” mit mehr als fünf Sitzplätzen. Vorher allerdings werden die noch offenen Baustellen geschlossen. Das Sportcoupé Astra GTC, der deutlich gewachsene, ins Premium-Segment strebende Zafira Tourer und der Meriva haben vorgelegt. Es folgen ein großes Coupé, ein kleiner Jeep, dem Autobild schon eine Erfolgskarriere wie dem ersten Zafira voraussagt, der Kleinwagen Junior und der neue Corsa. Motorenseitig kommt 2013 eine neue Motorenfamilie.

Schon jetzt fahren Opel Benziner zwar häufig noch lauter als etwa die Vergleichbaren von VW, aber einige sind, etwa das jüngst präsentierte 1.4 Turbo Aggregat, bereits deutlich sparsamer. Mit dem technisch-anspruchsvollen Astra GTC gibt es nun zudem wieder ein Auto, dass in bei ersten Testfahrten sehr viel Lob bekommt und den Vergleich mit VW Scirocco wohl nicht scheuen muss.

Es bleibt spannend und den Opelaner wird’s freuen. VW bleibt da nur noch das Streuen von Gerüchten. Diese stammten, so wird berichtet, nämlich direkt aus dem VW-Konzern. Die Aufbruchsstimmung konnte das - trotz des aktuell noch einmal leichten Minus in der Bilanz - jedoch nur kurzzeitig drüben. Mittlerweile gibt sich GM wieder wie eine fast fürsorgliche Mutter und die Marktanteile in Deutschland und Europa steigen überdurchschnittlich. Der Corsa hat jüngst den Polo wieder als meistverkaufter Kleinwagen überholt. Bei alledem: Auf der diesjährigen IAA hat Opel mit dem Rak-e das direkte Konkurrenzprodukt zum VW-Kabinenroller Nils präsentiert. Nur: Er ist günstiger, hat zwei Sitzplätze und das mutigere Design. Auch das gehört zum neuen Selbstbeswusstsein der Rüsselsheimer.

09:36 10.11.2011
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Geschrieben von

Sebastian Kohlmann

Politologe und Publizist
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