Geldsystem - Fehlt der Zins oder doch nicht?

Zinsdiskussion Zur Frage, ob der Zins an sich ein fortwährendes monetäres Wachstum bedingt oder ob zumindest theoretisch die Zinsen aus der vorhandenen Geldmenge bezahlt werden können.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Teilaspekt des fehlenden Zinses hat in den vergangenen Wochen in der Freitag-Community zu kontroversen Diskussionen geführt, weshalb ich das Thema nochmals aufgreifen will.

I Grundlagen

Banken verleihen keine Einlagen wenn sie Kredite vergeben, sondern sie schaffen bei der Kreditvergabe das notwendige Geld selbst. Das Ganze nennt sich Giralgeldschöpfung und dürfte allen, die fleissig die Artikel von Otmar Pregetter und anderen hier lesen, mittlerweile geläufig sein. Die Praxis der Geldschöpfung durch (Privat-)Banken aus dem Nichts wird darüber hinaus von der Bundesbank, der Bank of England, dem Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank Thomas Mayer, Mathias Binswanger u.v.a. bestätigt, so dass in dieser Hinsicht mittlerweile von gesichertem Wissen ausgegangen werden kann.

Die Giralgeldschöpfung im Praxisbeispiel:

Häuslebauer H will sich und seiner Familie ein klitzekleines Eigenheim bauen und ihm fehlen 100.000 € in der Haushaltskasse. Was macht H? Er geht zu seiner Hausbank und schließt einen Kreditvertrag über 100.000 € ab. Woher nimmt die Bank das Geld? Antwort: Sie nimmt es nirgendwoher, sondern erschafft es selbst im Wege der Giralgeldschöpfung. Rein technisch entsteht das Geld in dem Moment, in dem der Bankangestellte dem Konto des H die 100.000 € gutschreibt. Die 100.000 € waren vorher nicht da und sie verschwinden wieder, wenn der Kredit an die Bank zurückgezahlt wird.

II Der fehlende Zins

Nun will die Bank von H ja aber nicht nur den Kreditbetrag zurück, sondern sie will auch Zinsen haben. Wenn wir mal annehmen, dass unser Häuslebauer die 100.000 € zu 5% Zinsen bekommt und der Kreditvertrag eine Laufzeit von 10 Jahren hat, dann zahlt er eine monatliche Rate von 1060,66 € an die Bank. Nach 10 Jahren hat er 127.278,62 € an die Bank zurückgezahlt - die 100.000 €, die er von der Bank erhalten hat PLUS 27.278,62 € Zinsen.

Wenn man sich jetzt mal unser Geldsystem als großen Topf vorstellt, dann hat die Bank 100.000 € hineingetan, will sich aber 127.278,62 € wieder herausnehmen.

Wer tut die 27.278,62 € Zinsen in den Topf?

Antwort: NIEMAND.

Niemand schafft Geld, das originär als Zins verwendet werden soll. Geld entsteht ausschließlich bei Kreditvergaben und so können auch die 27.278,62 € nur dann in den Topf gelangen, wenn diese im Wege einer Kreditvergabe erzeugt werden.

Nach dieser Betrachtungsweise bedingt der Zins an sich einen fortwährenden monetären Wachstumszwang.

Insoweit die durchaus schlüssige Argumentation der Ökonomen Otmar Pregetter und Norbert Häring.

III Die Theorie vom Zinsrückfluss

Es gibt aber auch Autoren, die behaupten, dass die Bank den Zinsertrag wieder in den großen Topf Geldsystem zurückspeise und die vereinnahmten Zinsen damit grundsätzlich für die Rückzahlung zur Verfügung stünden.

Diese Theorie soll an folgendem Beispiel (Dank an den Blogger Pleifel) verdeutlicht werden:

  1. Wir stellen uns eine Insel vor, auf der es genau eine Bank und genau einen Kreditnehmer gibt.

  2. Die Bank hat einen einzigen Angestellten A.

  3. Kreditnehmer ist wieder unser Häuslebauer H; die Konditionen sind die gleichen wie oben. 100.000 € Kredit, 5% Zinsen, 10 Jahre Laufzeit, die Bank will am Ende 127.278,62 € vereinnahmen. H zahlt eine monatliche Rate von 1060,66 € an die Bank.

  4. Der Einfachheit halber gehen wir einmal davon aus, dass der Zinsanteil in der Rate des H über die gesamte Laufzeit konstant ist. Dann zahlt H mit seiner Rate von 1060,66 € jeden Monat 833,33 € Tilgung und 227,32 € Zinsen.

  5. Bei Rückzahlung an die Bank verschwinden die 833,33 € Tilgung wieder - das Gegenstück zur Geldschöpfung.

  6. Die 227,32 €, die H als Zinsen gezahlt hat, sind Einnahmen der Bank, die nicht verschwinden, sondern in deren Gewinn- und Verlustrechnung auftauchen.

  7. Die Bank zahlt ihrem einzigen Angestellten A ein monatliches Gehalt in Höhe von 227,32 €.

  8. Bankangesteller A hat bei Häuslebauer H eine Einliegerwohnung bezogen und zahlt an H eine monatliche Miete von 227,32 €.

In diesem Beispiel unter Insel-Labor-Bedingungen fließt der von der Bank vereinnahmte Zins zu 100% in das System zurück und somit besteht - zumindest theoretisch - die Möglichkeit, dass H aus einer Geldmenge von 100.000 € insgesamt 127.278,62 Tilgung plus Zinsen bezahlen kann.

Feuer frei für die Diskussion - ich freue mich auf konstruktive Beiträge.

14:33 01.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Kunze

Jurist, Buchautor: "Schwarzbuch Geldsystem"
Schreiber 0 Leser 6
Sebastian Kunze

Kommentare 111

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