Fairer Handel in beide Richtungen

Vernunftkonsum Fair Trade ist weltweit zum Label geworden. Reflektierte Esser leben nicht von der Hand in den Mund, sondern möchten wissen, woher ihr Essen stammt.
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Erst das Fressen, dann die Moral

Gegenstände haben kein Gesicht. Es zählt nicht, wo der Kaffee aus dem Supermarkt her kommt und wie mein Shirt entstanden ist. Was zählt ist, dass der Kaffee in meine Tasse kommt, dass das T-Shirt sitzt und obendrein der Preis stimmt. Diese Produkte haben keine Seele. Oder doch?

Nicht zuletzt seit Erfolgen im Sachbuch- und Dokumentationsbereich fangen die Menschen an, sich mehr Gedanken um ihre Ernährung, ihre Kleidung und die Folgen des globalen Handels zu machen. Was bedeutet "Fair Trade" und was versteht man eigentlich unter einem ethisch vertretbarem Konsum? Ein Begriff mit vielen Facetten.

"Der Faire Handel ist mehr als Import und Vertrieb von Produkten. Er gibt den Menschen hinter den Produkten ein Gesicht. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern, ist das Ziel des Fairen Handels" (Fair Trade e.V.).

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Wenn sich ein Bauer den ganzen Tag auf einer Plantage irgendwo in Südamerika die Hände wund schuftet, interessiert es in Europa, Asien und dem Rest der Welt wohlmöglich niemanden, wieviele Blasen er davongetragen und welchen Lohn er erhalten hat. Nicht dass man so gefühlskalt wäre, aber durch die rasante Entwicklung auf dem globalen Markt geht diese Info leider einfach unter. Zudem schafft die Entfernung eine Anonymität, die das Kalkül verschiedener Großkonzerne geworden ist.

Sichtbar und vordergründig ist meist nur der Kampf um die besten Angebote und den tragen die Unternehmen durch ihre Werbung bekanntermaßen öffentlichkeitswirksam aus. Geiz ist eben geil, Moral und Ethik haben im Discounter um die Ecke oftmals keinen Platz und die Auswahl eines Bio-, oder fair gehandelten Produktes verursacht ohnehin viel zu hohe (Informations-) Kosten.

Das Diktat der kleinen Preise

Werbebotschaften wie der explizite Aufruf zum Geiz beeinflussen unser Kaufverhalten und unterwerfen uns nicht selten einem 'Diktat der kleinen Preise'. Aber nicht nur der Endverbraucher leidet, sondern auch die Produzenten, die am Anfang der Nahrungskette stehen. Dies sind nicht selten traditionelle Unternehmen und Familienbetriebe, die schon seit Generationen existieren. Sie werden vom Markt verdrängt und somit Opfer des technischen Fortschritts in einer globalisierten, vernetzten Welt. Diejenigen, die nicht verdrängt werden, lassen Großkonzerne für sich arbeiten. Indem man sie für einen Hungerlohn schuften lässt, werden diese Menschen vor allem in Entwicklunsgländern regelrecht ausgebeutet.

Dialog, Transparenz und Respekt

Per definitionem versteht man unter fairem Handel eine multilaterale "Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt", so die internationalen Dachorganisationen des Fairen Handels FLO e.V., WFTO (World Fair Trade Organisation) und der European Fair Trade Association (EFTA). Gerechtigkeit im Handel, heißt es dort weiter, erlange man nur durch die Etablierung besserer Handelsbedingungen und der Stärkung der Rechte benachteiligter ProduzentInnen und ArbeiterInnen. Nachhaltigkeit, Bewusstseinsbildung und Aufklärung betreiben aber nicht nur internationale, sondern auch national agierende Organisationen und Vereine wie der deutsche Fair Trade e.V., TransFair e.V, oder die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (GEPA).

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All diese gut vernetzten Organisationen künmmern sich um Belange im handwerklichen Bereich, wie zum Beispiel Korb-, Leder- und Spielwaren sowie um verschiedene Bereiche der Lebensmittelproduktion. Sie interagieren mit den jeweiligen ProduzentInnen und zeigen durch Kampagnenarbeit Präsenz in der Öffentlichkeit. Auch versuchen diese Organisationen durch "Lobbying" direkt an Entscheidungsprozessen zu partizipieren, um dadurch eine Mitgestaltungsoption beim Welthandel zu erlangen. Erste Erfolge sind bereits zu verbuchen: Der Umsatz der Fair-Trade Produkte wächst - zumindest in Deutschland - seit 2004 kontinuierlich an.

Schätzungen zufolge kann man in der Bundesrepublik mittlerweile in über 800 Dritte-Welt-Läden, rund 30.000 Bio-/Naturkostläden gewissenhaft einkaufen. Es gibt über 6000 Aktionsgruppen und etliche eingetragene Vereine, bei denen man ebenso fair gehandelte Produkte erwerben kann. Diese Institutionen stehen stellvertretend für ein immer stärkeres soziales Bewusstsein gegenüber Konsum, Umwelt, Ethik und Nachhaltigkeit. Das weiß man auch im öffentlichen Amt: "Die Geschichte des Fairen Handels ist die Erfolgsstory einer wichtigen zivilgesellschaftlichen Bewegung" ( Hans-Jürgen Beerfeltz, Staatssekretär des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung am 07.09.2010 in Berlin).

Was genau ist das 'faire' am Fairen Handel?

Zunächst einmal symbolisiert der jeweilige Produktpreis Fairness. Die entsprechenden Produkte bekommen einen Mindestpreis garantiert, unabhängig vom Weltmarktpreis. Zudem wird für viele Produkte eine Prämie gezahlt. Die ProduzentInnen, meist in Form der zu Genossenschaften zusammengeschlossenen Bauern, verfügen dann frei über diese FairTrade-Prämien. Sie nutzen sie beispielsweise zum Bau von Straßen, Brunnen, oder für die Renovierung von Schulen. Der Mindestpreis ist jedoch nur ein Minimalkriterium, denn zum fairen Handel gehört sehr viel mehr! Der Fair Trade Deutschland e.V. nennt dazu folgende Kriterien und Vorbedingungen:

  • langfristige und möglichst direkte Handelsbeziehungen,
  • Vorfinanzierungen,
  • Förderung der Umstellung auf biologische Landwirtschaft
  • Schaffung von Transportmöglichkeiten,
  • Möglichkeit zum Zusammenschluss in Bauern-Genossenschaften zur Wahrnehmung ihrer Rechte,
  • Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit und das Gebot zur Nichtdiskriminierung
  • Bereitstellung von angemessenen Löhnen, Schutzkleidung und sozialer Vorsorge

Darüber hinaus legt die WFTO 10 Prinzipien des fairen Handels fest, die die entsprechenden Organisationen befolgen müssen. Eine solche Zielorganisation ist zum Beispiel die GEPA. Sie ist ein sogenannter "100 % Fair-Händler", der nur von Genossenschaften und ökologisch verntwortungsvollen Unternehmen einkauft und die Grundsätze des fairen Handels befolgt.

Das Bewusstsein für Nachhaltikeit ist nicht zuletzt wegen zahlreicher und zunehmender Umweltkatastrophen in den Köpfen der Menschen und Verbraucher angekommen. Nachhaltigkeit betrifft aber auch das Leben und Überleben ganzer Marktzweige und Produzenten außerhalb unserer Sichtweise. Der faire Handel kann ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Er ermöglicht einen weltweiten Warenaustausch, der überdies ethisch vertretbar ist. Eine Gloablisierung, die Grenzen und neue Chancen eröffnet muss sich in dem Sinne neu erfinden, als dass alle, sowohl Produzent und Konsument, vollkommen zufrieden sein und einen gewissenhaften Handel betreiben können.


14:40 11.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Minas

"Unmöglich, die Welt zu bezweifeln: man kann sie sehen"....und beschreiben
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Sebastian Minas

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