Aílton ist wieder da

Porträt Hubertus Heil führte die SPD schon einmal als Generalsekretär in ein tiefes Tal. Jetzt zitiert er Schirrmacher
Aílton ist wieder da
Hubertus Heil hat seinen Wahlkreis zum ersten Mal gewonnen, als er Mitte 20 war
Foto: Photothek/Imago

Applaus brandet auf, einer johlt sogar begeistert – denn da vorne steht jemand mit dem Potenzial, die SPD aufzurütteln, diesen Wahlkampf herumzureißen und Sozialdemokratie neu auszubuchstabieren. „Ich verlange nichts weniger als den Umbau des Wirtschaftssystems“, ruft die Person. Hubertus Heil steht daneben und klatscht auch.

Mitte vergangener Woche, dritte Etage des Reichstagsgebäudes, die SPD-Fraktion hat zum jährlichen Wirtschaftsempfang geladen und die Frau, die alle begeistert, heißt Antje von Dewitz, Chefin des Bergsportausstatters Vaude. Sie erzählt vom voll auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Kurs ihres Unternehmens, von der neuesten Kollektion – komplett frei vom Kunststoff PVC –, von Klima-Kipp-Punkten und von Finanzkennzahlen, an denen allein sich zu orientieren die Politik Unternehmen nicht länger erlauben dürfe. Als Hubertus Heil auf dem Podium zum Schluss-Statement ansetzt, begrüßt er erst mal Hans Eichel im Publikum.

Eichel löste im April 1999 Oskar Lafontaine als Bundesfinanzminister ab, da hatte Heil, damals 26, gerade sein erstes halbes Jahr als Bundestagsabgeordneter hinter sich: direkt gewählt im Wahlkreis Gifhorn-Peine, der zuvor lange Hoheitsgebiet der CDU war und den der heute 44-Jährige seither bei jeder Wahl verteidigt hat. 2009 wie 2013 sogar, obwohl die Konservativen hier mehr Zweitstimmen holten als die SPD. Wahlkampf kann Heil also, und daher ist er nun, wie zwischen 2005 und 2009, wieder Generalsekretär der Partei, in die er 1988 eingetreten war, „aus Empörung über die unsoziale Bildungspolitik der CDU in meiner Heimat Niedersachsen“.

Die Empörung muss dem Politologen in den vergangenen knapp 30 Jahren irgendwie abhanden gekommen sein. Beim Empfang im Bundestag steht er in weißem Hemd, dunklem Anzug und gestreifter Krawatte da und sagt: Bei ihm löse es „einen allergischen Anfall“ aus, wenn jemand von „der Politik“ spreche, ohne dabei zu sagen, welche Politik er meine. Und klingt dabei niedersächsisch- hochdeutsch: klar, deutlich. Aber eben auch, als würde er gerade im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, dessen stellvertretendes Mitglied er ist, bemüht lebhaft über den Tagesordnungspunkt „Bericht der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen zur Durchführung makroregionaler Strategien der EU“ debattieren.

Hochdeutsch hat auch Gerhard Schröder gesprochen, als dessen Sohn Heil optisch durchgehen könnte, aber nicht rhetorisch. Es fehlt das Krachende, wie es Generalsekretäre der CSU von Franz Josef Strauß bis Markus Söder zelebrierten. Selbst als Heil Worte Frank Schirrmachers von 2014 zitiert, wird es nicht origineller: dass sich Big Data und Industrie 4.0 durchsetzen werden, weil sie hohe Produktivität versprechen, die zentrale Frage aber die nach Regulierung sei – spätestens 2017 ein Allgemeinplatz.

„Innovation“: noch so ein Allgemeinplatz, der mit Leben gefüllt zu werden verlangt. Heil sagt, in Anlehnung an Bill Clinton müsse heute gelten: „It’s the innovation, stupid.“ Das ist der Moment, in dem es tragisch wird. Denn „Innovation“ ist das Spezialgebiet einer der interessantesten Ökonominnen von heute: Mariana Mazzucato, vor einem Jahr war sie Stargast des SPD-Empfangs, und im Februar zuvor hatte Heil die Laudatio gehalten, als ihr die Friedrich-Ebert-Stiftung einen Preis verlieh. Wodurch das Publikum größtenteils weggedämmert war, als Mazzucato die Bühne betrat: Sie weckte es wieder auf, mit einem flammenden Plädoyer für einen starken Staat, der mit Investitionen den Lösungen von morgen den Weg bereitet, dessen Beamte auf Augenhöhe mit der Privatwirtschaft agieren und jener so das Handwerk legen, wenn es um Steuerflucht geht. Die Empörung über letztere für eine politische Erzählung zu nutzen, die den Staat offensiv stärkt, das wäre so wichtig in diesem Wahlkampf. Hubertus Heil aber hat im Bundestag gerade einer Teilprivatisierung der Autobahnen seine Stimme gegeben.

Empörung verspürte er dem Vernehmen nach zuletzt Anfang des Jahres, als Brigitte Zypries das Wirtschaftsministerium von Sigmar Gabriel übernehmen durfte und nicht er. In der Fraktion, zu deren neun stellvertretenden Vorsitzenden er gehört, organisiert sich Heil nicht im linken oder rechten Flügel, sondern bei den „Netzwerkern“. In deren Selbstdarstellung heißt es: „Wir wollen nicht beliebig sein“, was dann insofern konkretisiert wird, dass „heilige Kühe auf den Prüfstand gehören und politische Ziele, Instrumente und Strategien der Umsetzung weiterzuentwickeln sind“.

Da wirkt es wie ein Treppenwitz jüngerer SPD-Geschichte, dass Heil seine Ernennung als Generalsekretär 2005 dem Umstand zu verdanken hatte, dass ein anderer Kandidat als „zu unpolitisch“ bei der Parteilinken durchgefallen war: Kajo Wasserhövel. Als dessen Förderer Franz Müntefering 2008 an die Parteispitze zurückkehrte, war Heil nach wie vor Generalsekretär – doch im Willy-Brandt-Haus gab von nun an Wasserhövel mit die Richtung vor. Sie führte 2009 zur Katastrophe an der Wahlurne: 23 Prozent. Wasserhövel verschwand von der Bildfläche, und Heil machte Karriere im Parlament.

Sollten sie einst wirklich Antipoden gewesen sein, jetzt finden sie jedenfalls wieder zueinander: Für Mitte Juni lud die SPD nach Leipzig zum "Campaign Camp", für Heil eine der ersten Veranstaltungen als neuer Generalsekretär. Beim "Panel" zu "Stark im Osten: Unsere Chance 2017" erwartete die Teilnehmer mitunter: Kajo Wasserhövel, geboren in Aachen, politisch sozialisiert in Bocholt und Münster, dafür aber 2009 Ost-Wahlkampf-erprobt als Direktkandidat im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick. Er wurde Dritter hinter Gregor Gysi und Niels Korte (CDU).

Beim SPD-Empfang im Reichstag klagt nun ein Start-up-Gründer über das Fehlen einer „Kultur der zweiten Chance“ nach Fehlschlägen in Deutschland, was Heil für den Kalauer nutzt, ob diese Kultur dann „auch für Politiker und Parteien“ gelte. Sicher. Nach dem SPD-Boom vom Jahresanfang aber wirkt die Partei nun eher wie Aílton, Bundesliga-Torschützenkönigs von 2004, als er 2012 in einem Freundschaftsspiel für den VfB Peine antrat, dessen Mitglied Hubertus Heil ist: Der VfB verlor 2:6, Aílton verschoss zwei Elfmeter.

06:00 12.06.2017

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