Amira wer?

Porträt Amira Mohamed Ali wird von der Tierschutz-Sprecherin der Linken zur Nachfolgerin Sahra Wagenknechts
Sebastian Puschner | Ausgabe 46/2019 6
Amira wer?
Erst 2015 ist sie der Partei beigetreten. Der Chef von Foodwatch findet gut, dass sie jetzt an der Spitze der Fraktion steht

Foto: Carsten Koall/dpa

Reden kann sie schon mal. Mitte September, Rheda-Wiedenbrück, 300 demonstrieren gegen den hier ansässigen Schlachtkonzern Tönnies und die Fleischindustrie, das Video von Amira Mohamed Alis Auftritt steht im Internet: „Die Gesetze sind viel zu lasch“, ruft sie, „die erlauben überlange Tiertransporte, Tierverstümmelung, Kastration der Ferkel ohne Betäubung, die erlauben, dass Küken geschreddert werden.“ Sie erlebe es im Bundestag ja mit: „Die Lobbyisten der Agrarindustrie, die sitzen mit in der Regierung und schreiben sich selbst die Gesetze. Ich sage: Dieser Lobbyismus muss endlich ein Ende haben!“ Mohamed Ali spricht laut, aber nicht zu laut. Schnell, aber nicht zu schnell. Echt empört, sie vergisst die miesen Arbeitsbedingungen in der Branche nicht. Es gibt viel Applaus.

Aber gut reden zu können, das reicht nicht, um erfolgreich eine Fraktion zu führen. Sahra Wagenknecht ist der beste Beweis. Den Apparat zu beherrschen, Leute zusammenzuholen, das könne sie eigentlich nicht, gestand sie nach Ankündigung ihres Rückzugs aus der ersten Reihe. Seit Dienstag ist Wagenknecht nicht mehr Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. Sondern die bisherige Sprecherin für Tier- und für Verbraucherschutz, Amira Mohamed Ali. Selbst aufmerksame Beobachter der Linken fragen: Amira wer?

Denn Mohamed Ali, 39, ist erst 2015 der Partei beigetreten und 2017 in den Bundestag eingezogen, zudem lehnte sie jede Interviewanfrage bis zur Wahl ab. Sie war die Kandidatin des „Wagenknecht-Lagers“. Hätte sich statt ihr Caren Lay durchgesetzt, Mietenexpertin der Fraktion und Wunschkandidatin der Parteiführung aus Katja Kipping und Bernd Riexinger, wäre das „Hufeisen“ geknackt gewesen – das Bündnis der linken Linken an der einen Seite des Halbrunds mit den Reformern um Dietmar Bartsch an der anderen. Doch die „Mittelerde“-Formation, zu der Kipping und Lay gezählt werden, scheiterte: 29 Stimmen für Lay, 36 für Mohamed Ali. Bartsch, der Mann in der Doppelspitze, bekam mit nur 64 Prozent Zustimmung einen Dämpfer. Ob der von vielen Medien gern als „Kipping versus Wagenknecht“ titulierte Streit zwischen Partei- und Fraktionsvorstand nun einfach mit einem neuen Namen weitergeht?

„Diese tiefe Zerstrittenheit, die empfinde ich so nicht“, sagt Mohamed Ali, als sie sich am späten Dienstagnachmittag im vierten Obergeschoss des Bundestags durch die Trauben aus Journalisten und Mitarbeitern ihren Weg zum Mikrofon gebahnt hat. „Ich sehe, dass wir an vielen Stellen noch weiter aufeinander zugehen müssen, und genau das habe ich vor zu tun. Ich möchte jede und jeden einbinden, und ich glaube, dass mir das gelingen wird.“ Der Ton, das Auftreten: durchaus resolut, in jedem Fall souverän, herzlich. Sie könne sehr gut Sitzungen leiten, kolportieren Mitarbeiter der Fraktion. Wagenknecht steht sie zwar politisch nahe, das Gepäck jahrelanger Flügelverbandelungen aber hat sie gar nicht erst geschultert. „Jeder Mensch, der aus Not geflohen ist, muss hierbleiben können“, sagte sie einmal – unabhängig davon, ob sich die Situation in seiner Heimat ändere.

Mohamed Ali wurde 1980 in Hamburg geboren, ihr Vater stammt aus Port Said in Ägypten, ihre Mutter aus Heide in Schleswig-Holstein. Sie wuchs in Fuhlsbüttel auf, hat drei Schwestern und zwei Halbbrüder, ging im Stadtteil Winterhude auf ein altsprachliches Gymnasium, wo es nur zwei andere Familien mit Migrationshintergrund gab. Mit 16 begann Mohamed Ali, deren Familie „finanziell nicht so gut aufgestellt ist“, neben der Schule zu jobben, meist als Verkäuferin und Kellnerin auf Volksfesten. Sie studierte Jura in Hamburg und Heidelberg. Als sie in Oldenburg ihre Schwester besuchte, lernte sie dort ihren späteren Mann kennen, zog für ihr Referendariat nach Niedersachsen. Ihr Mann trat zuerst in die Linke ein, sie folgte wenig später, half im Kommunalwahlkampf mit und zögerte nur kurz, als sie bei der Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl gefragt wurde. Am frühen Morgen des 25. September 2017 steht fest: Sie ist jetzt Abgeordnete.

Mohamed Ali erzählte dies Mitte Dezember 2018 Tilo Jung in einem anderthalbstündigen Gespräch für dessen Youtube-Format Jung & Naiv. Und überlegte, ob es auch mit ihrem Namen zu tun haben könnte, dass sie nach ihrem Abschluss sechs Monate lang erwerbslos war und mehr als 100 erfolglose Bewerbungen geschrieben hat. Die Zusage kommt von einem Automobilzulieferer, Mohamed Ali heuert als Firmenanwältin, später Vertragsmanagerin an, abgeordnetenwatch.de verrät: Es ist der weltweit führende Antriebs- und Fahrwerktechnikhersteller ZF Friedrichshafen AG.

Mit ihr führt die Linksfraktion nun eine erklärte „Antikapitalistin“, die für den „sozialökologischen Umbau“ streiten will und zugleich weiß, „dass die Autoindustrie wichtig für Deutschland ist“. Eine Muslima, die nicht in die Moschee geht. Eine Politikerin, die sich ihr Betätigungsfeld Landwirtschaft und Verbraucherschutz selbst ausgesucht hat und etwa gegen Stromsperren zu Lasten armer Haushalte und gegen Glyphosat kämpft.

Deutschlands oberster Verbraucherschützer findet ihre Wahl gut. Foodwatch-Chef Martin Rücker sagte dem Freitag: „Amira Mohamed Ali vertritt eine Reihe von Positionen, die den Verbraucherschutz voranbringen könnten.“ Bislang fänden solche Positionen in den Fraktionsspitzen meist kein Gehör. „Ich halte das für einen strategischen Fehler, weil es das Gefühl vieler Menschen stärkt, dass Spitzenpolitiker sich nicht ausreichend um ihre Alltagsprobleme kümmern“, die Linke sei da keine Ausnahme. „Wenn an der Spitze der Bundestagsfraktionen Menschen stehen, die einen Sinn für Verbraucherthemen haben, könnte dies dazu beitragen, dass die Verbraucherpolitik endlich den Stellenwert erhält, den sie verdient.“

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06:00 14.11.2019

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