Sebastian Puschner
26.11.2011 | 12:00 2

"Das Einstiegsalter liegt oft bei elf Jahren"

Im Gespräch Wer rassistische Gewalttäter verhindern will, muss früh damit früh anfangen und die Mitte der Gesellschaft im Blick haben, sagt der Anti-Gewalt-Trainer Thomas Mücke

Der Freitag: Sie arbeiten im Knast mit jungen rechten Gewalttätern. Freuen die sich, wenn Sie kommen?

Thomas Mücke: Erst einmal sehen sie sich einem Mensch gegenüber, der andere Denk- und Verhaltensweisen hat. Einen, über den sie draußen sagen würden: Das ist mein Feindbild. Doch die Jugendlichen kriegen auch mit, dass da ein Erwachsener ist, der sich für sie interessiert. Der sie nicht als Mensch abwertet. Das ergibt dann Möglichkeiten zu einer Beziehung, die wiederum Möglichkeiten zu einer Veränderung bietet.

Wieviel Veränderung ist noch drin bei Leuten, die aus menschenverachtender Ideologie wiederholt schwere Körperverletzungen begangen haben?

Unser Ziel ist, dass die Jugendlichen ohne Gewalt und dadurch straffrei leben können. Und dass sie Distanz bekommen zu menschenverachtenden Ideologien. Gerade im Gefängnis ist diese Arbeit wichtig, denn dort gibt es teils heftige Rekrutierungsversuche, um die Leute in der Szene zu behalten oder sie noch tiefer zu involvieren. Kurzzeit-Maßnahmen sind da schwierig: Wer meint, innerhalb von drei Monaten könne man die Bewusstseins- und Verhaltensebene der Jugendlichen ändern, der ignoriert deren vorherigen Lebensverlauf. Der lässt sich nicht so leicht umpolen.

Welche Lebensläufe stecken hinter den Gewalttaten dieser Jugendlichen?

Wir merken, dass die Jugendlichen in ihrer Kindheit sehr oft geschädigt worden sind, durch fehlende Wertschätzung, fehlendes Interesse. Fatal ist auch das fremdenfeindliche Gedankengut, das in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Ein Alltagsbeispiel, das vor kurzem geschehen ist: Jemand, der nicht deutsch aussieht, stellt sein Auto auf einem Parkplatz ab. Eine Anwohnerin regt sich auf, er solle verschwinden, das sei ein Parkplatz für Deutsche, sie holt sich noch Verstärkung aus dem Supermarkt. Bei solch einem akzeptierenden Milieu dürfen wir uns nicht wundern, wenn Kinder und Jugendliche diese Denkweise annehmen.

Wie kommt man dagegen an?

Unsere Trainingsprogramme sind längerfristig angesetzt. Das Wichtigste ist aber: Nach der Haftentlassung haben die Jugendlichen die Möglichkeit zu einem einjährigen Stabilisierungscoaching. Da überprüfen wir mit ihnen gemeinsam, ob sie es schaffen, sich von der Szene und von straffälligem Verhalten zurückzuhalten – sie werden dabei unterstützt und nicht allein gelassen. Am besten ist es natürlich, schon viel früher mit niedrigschwelligen, aufsuchenden Ansätzen an die Szene ranzugehen.

Aufsuchende Ansätze?

Dorthin zu gehen, wo die Jugendlichen sich in ihren Lebenswelten aufhalten. In die Cliquen reinzugehen und zu versuchen, die negative Dynamik zu stoppen.

Sie sind dann also da, wenn sich eine Kameradschaft am Samstag zur Nazi-Demo trifft?

Nein, eine Kameradschaft ist schon ein zu streng organisierter Zusammenhang, da ist die Radikalisierung schon so weit gediehen, dass ein aufsuchender Ansatz nicht den Hauch einer Chance hat. Jugendarbeit setzt nicht an den Aktionsbrennpunkten an, sondern dort, wo die Lebensräume der Jugendlichen sind, wo sie sich alltäglich treffen. Ein Streetworker befindet sich dort in einer Konkurrenzsituation mit rechtsradikalen Organisationen, die diese Jugendlichen für ihre Zwecke zu rekrutieren versuchen. Die merken, dass das schwieriger wird, wenn Sozialarbeit vor Ort ist. Aber letztendlich muss sich der Jugendliche entscheiden, welchen Weg er geht.

Wann ist es zu spät?

Schwierig wird es, wenn sich der Hass der Jugendlichen mit Ideologie verbindet. Denn vor der Extremismuskarriere kommt immer erst die Gewaltkarriere. In Berührung mit der rechten Szene kommen die Leute nicht selten schon im elften, zwölften Lebensjahr. Da entwickelt sich noch kein abgeschlossenes Weltbild. Aber ein früher Kontakt zu Cliquen mit Demokratie-distanzierten Einstellungen birgt die Gefahr, dass die Leute sich da einkapseln, sich wie in einem Kokon bewegen. Für Ausstiegsmöglichkeiten braucht es frühzeitige Angebote, andere Sichtweisen kennenzulernen. Und man muss sich auf zwei-, dreijährige Jugendarbeit einlassen, will man mit Prävention Erfolg haben. Wenn die Leute immer im gleichen Milieu bleiben, sind sie chancenlos. Dann sehen sie irgendwann nur noch ihre radikalisierte Restidentität und keine Möglichkeiten mehr, ein Leben zu führen, in dem man noch persönliche Zielvorstellungen haben kann.

Die Mitglieder des so genannten Nationalsozialistischen Untergrunds sind in den Siebzigern geboren. Hätte Präventionsarbeit ihren Weg verhindern können?
Es ist zu früh, das zu sagen. Aber keine Form von Präventions- oder Interventionsarbeit kann verhindern, dass sich in einer Gesellschaft solche Zellen bilden können. Es wäre nur hilfreich, würden die frühzeitiger erkannt. Jedenfalls gab es damals kaum Jugendhilfestrukturen, die auf diese Jugendlichen hätten zugehen können - gerade in den neuen Bundesländern. Und gerade die Arbeit mit diesen Jugendlichen war damals nicht immer so angesagt. Das Alter der Jugendlichen zeigt ja, dass nicht nur sie in einer sehr großen Umbruchs- und Verunsicherungsphase aufgewachsen sind, sondern auch deren Elterngeneration. Einer Phase mit sehr vielen Ängsten und distanzierten Haltungen gegenüber Fremdem. Das war das Milieu, aus dem das wachsen konnte und es gab keine Strukturen, um es aufzufangen.

Und das ist heute anders?

Heute ist das Problem, dass es in der Jugendarbeit zu wenige niedrigschwellige, offene, aufsuchende Jugendarbeit gibt – da ist in den vergangenen Jahren aus fiskalischen Gründen vieles kaputt gemacht worden. In der Hinsicht lässt sich das sogar vergleichen: Damals die nicht vorhandenen Jugendhilfestrukturen in den neuen Bundesländern, heute der finanzielle Kahlschlag, den wir in den vergangenen Jahren erlebt haben. Außerdem gibt es immer nur eine Modellprojekt-Finanzierung, nichts regelmäßiges. Davon müssen wir wegkommen, hin zur Regelfinanzierung. Immer nur für drei Jahre gefördert zu werden, das hat Einfluss auf die Kontinuität der Arbeit.

Was würde denn ein NPD-Verbot für Ihre Arbeit bedeuten?

Die NPD ist ein Durchlauferhitzer. Die Jugendlichen haben immer erst eine Gewaltkarriere - irgendwann werden sie mit ideologischen Angeboten organisiert angesprochen, dabei spielt diese Organisation eine große Rolle. Insofern schränken Verbote rechtsextremer Organisationen immer die Rekrutierungsmöglichkeiten in der Mitläuferszene ein. Aber ein Verbot alleine hilft nicht. Es würde die Szene für einen Moment verunsichern. Diese Zeit kann man nutzen: Wenn gleichzeitig den Jugendlichen genügend Angebote gemacht werden, die eine Deradikalisierung ermöglichen.

Der Pädagoge und Politologe Thomas Mücke ist Mitbegründer desa href="http://www.violence-prevention-network.de">Violence Prevention Network

Kommentare (2)

konyhakert 26.11.2011 | 13:44

nichts gegen sozialarbeiterische ansätze zu sagen. daß jugendarbeit extrem unterfinanziert ist und über kurzzeitprojekte nicht zu machen ist, weil man damit langfristig gesehen, die leute erst recht verliert (weil sie eben nach ende der laufzeit meistens wieder rausfallen, genauso wie der sozialarbeiter selbst), weiß auch ich als ex-sozpäd., die das aufgegeben hat, weil solch eine arbeit für alle beteiligten mow. sinnlos ist. jugendarbeit muß, wenn überhaupt, immer langfristig sein.

trotzdem ist dies zu kurz gegriffen. dh. an der oberfläche ansetzend.

hier mal eine etwas tiefgründigere sicht:

www.heise.de/tp/artikel/35/35916/1.html

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Ehemaliger Nutzer 27.11.2011 | 13:32

>>Insofern schränken Verbote rechtsextremer Organisationen immer die Rekrutierungsmöglichkeiten in der Mitläuferszene ein. Aber ein Verbot alleine hilft nicht. Es würde die Szene für einen Moment verunsichern. Diese Zeit kann man nutzen: Wenn gleichzeitig den Jugendlichen genügend Angebote gemacht werden, die eine Deradikalisierung ermöglichen.

Endlich hat Herr Mücke die Bezeichnung" Mitläuferszene"
erwähnt.Die rechtsextreme, bzw.Neonazi Szene, besteht zu ca.60-70% aus Mitläufern ,die duch ihre schwache Schulbildung,daraus entstehende Perspektivlosigkeit ganz schnell für die braune Propaganda zu begeistern sind und hier muss man, wie Herr Mücke es sagte, handeln.Aber das wird von der Politik weiterhin ignoriert oder auch nicht wahrgenommen.