„Das ist höchste Latte“

Umweltschutz Ein triumphales Volksbegehren: In Bayern hat die Zukunft begonnen. Ob die Politik mitziehen wird?

Die Zornesröte steigt Elisabeth Birkmeir ins Gesicht, wenn die Rede auf das Mulchen kommt. Sie steht an einem der Felder ihres Demeter-Bauernhofs, zeigt hinüber zu den Flächen ihres Nachbarn: „Der hat das mit der Ökologie noch nicht gefressen“, schimpft sie, „obwohl ich an ihm arbeite.“ Wie so viele andere Landwirte fahre er nicht nur die Ernte vom Acker ein, sondern mulche auch die wildwüchsigen Streifen an dessen Rand: Wo Schmetterlinge, Bienen, Feldlerchen oder Wachteln Nahrung, Deckung und Nistplätze fanden, macht die Mulchmaschine mit ihren Mäh- und Häckselwerkzeugen alles platt – aus ästhetischen Gründen, weil es so angeblich „sauberer“ aussehe, empört sich Birkmeir. Sie und ihr Mann dagegen lassen sogar Blühstreifen mitten im Feld stehen, wenn sie das Kleegras abernten. „Das ist fast ein bisschen übertrieben. Aber passt schon.“

Elisabeth und Hubert Birkmeirs Hof wirkt, als hätten ihn sich die Initiatoren des „Volksbegehrens Artenvielfalt“ in Bayern hergenommen, um die Zukunft zu malen. Seit den 1950er Jahren wird hier biologisch-dynamisch nach den Demeter-Kriterien gewirtschaftet, Kartoffeln, Kürbisse, Gelbe Rüben, Zwiebeln, auf einem Acker stehen noch die Weiß- und Rotkrautreste. Uralte Apfelbäume, Streuobstwiesen, und immer wieder Totholzhaufen: Heimat für Käfer, Igel, Bienen – und den Zaunkönig, „der braucht Kruscht“, ruft Elisabeth Birkmeir, „muss ja vier, fünf Nester bauen, der arme Knabe, das Weibchen nimmt nur das schönste“. Wie bestellt landet da auf ihrer gelben Jacke eine frühe Biene, im Stall rascheln die Kälbchenzwillinge Hanni und Nanni, um Birkmeirs Füße streicht der komplett weiße Hofkater Lars, dessen Bruder Pelle den Tod in einer Mulchmaschine fand. An den Bäumen hängen Nistkästen und selbst gemachtes Vogelfutter, zwar schwirre hier im Sommer so einiges herum, sagt Hubert Birkmeir, aber „auch bei uns ist der Rückgang der Insekten spürbar“.

Schmeckt fast zu stark

Um von ihm und seiner Frau zu lernen, kommen angehende Lehrerinnen und Schulklassen hierher in den 220-Einwohner-Weiler Schorn bei Pöttmes, gelegen zwischen Ingolstadt, Donauwörth und Augsburg. Die Kinder probieren dann immer, neulich sagte eine Schülerin: „Du, Frau Birkmeir, dein Gemüse schmeckt mir fast zu stark.“ Auf den Dächern glänzen die Solarzellen in der Februarsonne, am Stadel-Tor hängt noch das Volksbegehren-Plakat, „Rettet die Bienen!“, daneben der von Hand mit schwarzem Filzstift beschriftete Zettel: „Liebe Kunden, es ist einfach, beim Volksbegehren zu unterschreiben. Aber jeder von uns muss etwas gegen das Artensterben tun. Keine Spritzmittel und Kunstdünger in Privatgärten. Jeder noch so kleine Garten und Balkon kann ein Biotop sein! Unser Handeln prägt unsere Umwelt. Wir schaffen das.“

So einfach war das mit den Unterschriften eigentlich nicht: Während zum Beispiel in Berlin Initiatoren von Volksbegehren vier Monate Zeit zum Erreichen des Quorums haben und mit ihren Listen überall in der Stadt Unterschriften sammeln dürfen, muss in Bayern innerhalb von nur zwei Wochen jede und jeder samt Ausweis im Rathaus aufkreuzen. Umso mehr beeindruckt das Resultat: Mit 1.745.383 Millionen Unterschriften wurde das „Volksbegehren Artenvielfalt“ zum erfolgreichsten in der Geschichte Bayerns; 10 Prozent aller Wahlberechtigten hätten für einen Erfolg unterschreiben müssen, am Ende waren es 18,4 Prozent: für den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft in Bayern auf mindestens 30 Prozent bis 2030, für die landesweite Vernetzung von Biotopen, für Uferrandstreifen an Gewässern, für die Umwandlung von zehn Prozent des Grünlands in Blühwiesen und für die pestizidfreie Bewirtschaftung der staatlichen Flächen.

Eilig haben Ministerpräsident Markus Söder und seine Regierung aus CSU und Freien Wählern dann einen Runden Tisch einberufen, um einen Kompromiss auszuloten – doch dass die Initiatoren sich auf einen solchen einlassen, ist unwahrscheinlich. Entweder die Regierung kann dann zum Volksentscheid einen zusätzlichen eigenen Gesetzestext vorlegen, oder der Landtag nimmt den Entwurf des Volksbegehrens eins zu eins an. „Das werden sie nicht tun“, prophezeit Elisabeth Birkmeir, dafür seien ihnen die Lösungen zu radikal, „und tatsächlich ist das höchste Latte“.

Dem Landwirt Alois Wagner hängt diese Latte zu hoch, er hat nicht unterschrieben, und auf das Mulchen kommt er von ganz allein zu sprechen: Darüber werde ja viel geschimpft, aber wenn er nicht mulche, dann habe er das Unkraut am Rand bald in der Mitte seiner Felder. Sonntagvormittag, Wagner sitzt an seinem Küchentisch in Großaitingen, 60 Kilometer südlich von Schorn. Am Laptop zeigt er, was er gegen das Artensterben tut, die Bilder von seiner „Silphie“ sind auf einem Feld in der Nähe aufgenommen: große, grobe grüne Blätter mit scharfen Kanten, die um den Stängel herum Kelche bilden, in denen sich Tauwasser sammeln kann; die durchwachsene Silphie kommt aus Nordamerika, wächst menschenhoch und gilt als Alternative zum „Humusräuber“ Mais.

„Die Silphie baut Humus auf“, sagt Wagner. „Ich säe die einmal an und muss nur im ersten Jahr ordentlich düngen, die nächsten 15 Jahre gibt es nix zu tun, sie wächst immer nach.“ So bekommt der Boden seine Ruhe, und Insekten finden Nahrung an den gelben Blüten. Die Ernte bringt Wagner in die nahe gelegene Biogasanlage, wo er selbst arbeitet – seit 2015 ist er nur mehr im Nebenerwerb Landwirt.

Damals, 20 Jahre nachdem seine Frau und er den Grünland- und Milchviehbetrieb von den Schwiegereltern übernommen hatten, stand Wagner vor der Entscheidung, vor der viele Landwirte heutzutage stehen: entweder dem Dogma von Politik und Bauernverband zu folgen, also immer weiter zu wachsen, zu investieren und ein großes Risiko einzugehen. Oder aufzuhören, zumindest teilweise. „Ich hätte gern auf Bio umgestellt, aber das ging nicht.“ Denn um von der Anbindehaltung wegzukommen, hätte er Freiflächen gebraucht, die er nicht hat – Wagner zeigt durch das Küchenfenster auf den Hof und dessen Umgebung: Die Nachbarschaft ist verbaut mit Wohnhäusern, ein paar hundert Meter weiter steht der nicht nur in Bayern Ortsausgangs-übliche Discounter. Um anderswo mit Stall- und Weideflächen ganz neu zu starten, hätte er Unsummen investieren müssen. „Ich mache lieber das, was ich überschauen kann“, sagt Wagner. „Wenn 40 Kühe nicht genug sind“, habe er damals entschieden, „dann suche ich mir eben einen Job.“ Seine Söhne arbeiten als Steuerfachangesteller und Mechatroniker.

Jetzt haben ein paar Autoschrauber den Stall gemietet und Alois Wagner fährt für seinen 30-jährigen Chef Gärsubstrat zu den Bauern, die die Biogasanlage mit Mais beliefert haben. Wenn er den Tanklastzug dann auf den Wegen wenden muss, „kommen die Leute mit ihren Hunden und Fahrrädern und schimpfen, wir würden alles kaputtmachen und vergiften“.

Spott über den „Sojapapst“

Er will nicht falsch verstanden werden – „es ist völlig in Ordnung, Insekten retten zu wollen“. Ihn sorge aber, dass eine feste Quote für die Grünland-Umwandlung und vor allem die Volksbegehren-Vorschriften, wann Flächen gewalzt und gemäht werden dürfen, die Arbeit als Landwirt einengen.

Besonders schlecht zu sprechen ist er aber nicht auf die Initiatoren, sondern auf den Bauernverband – aus dem er selbst längst ausgetreten ist. Der habe bei diesem Volksbegehren wieder einmal „gepennt“; immer hieße es nur „Wir müssen dagegen sein“, anstatt mit Zukunftskonzepten selbst in die Offensive zu gehen. So, wie er das jetzt mit Silphie versuche. Wie er seine Wiesen nicht wie die anderen zu Äckern umgebrochen habe, weil das lukrativer sei. Und wie er es vor 15 Jahren ertrug, im Ort als „Sojapapst“ verspottet zu werden, weil er als Erster hier Sojabohnen anbaute, um seinen Betrieb vollständig als Kreislauf zu organisieren und kein genverändertes Futter aus Übersee zukaufen zu müssen.

Spott kennt Hubert Birkmeir in Schorn nur zu gut, und noch besser kannte ihn sein Vater, als der in den goldenen Zeiten der Industrialisierung der Landwirtschaft den bio-dynamischen Weg ging. In den 1950er und 60ern brauchten die Fabriken Arbeitskräfte, also wurde Bauern der Kauf neuer Maschinen mit massiver Förderung schmackhaft gemacht. Während die Kollegen am Stammtisch mit ihren nagelneuen Geräten prahlten, musste sich Birkmeir bei der Feldbegehung mit den Doktoren vom Amt für Landwirtschaft anhören: „Stoppen Sie den Unsinn, Sie ruinieren Ihre Familie!“

„Heute sind die Zeiten golden für uns“, sagt Hubert Birkmeir. Sie können gut von ihrem Demeter-Hof leben, die Wissenschaft erkenne die Vorteile nachhaltigen Anbaus mehr und mehr an, die Discounter gierten nach Bio-Lebensmitteln – jetzt noch der Erfolg des Volksbegehrens; „dass die die Biene mit ihrem Wahnsinns-Image hergenommen haben, um das durchzubringen“, das fände er super, lacht Hubert Birkmeir. „Die Leit’ ham scho gmerkt: So kanns nicht weitergehen.“ Daran komme die Politik jetzt endlich nicht mehr vorbei.

Die habe das bitter nötig, nicht nur die CSU. Kaum etwas regt die Birkmeirs, die noch nie geflogen sind, mehr auf als der Trip der Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze zum Eisessen nach Kalifornien, nach den Landtagswahlen. Schon vorher war eine Parteiabordnung auf dem Hof in Schorn, zumindest mit dem Rad, „ihr wählt doch uns, oder?“, hätten sie gefragt. „Ich habe die Grünen schon als 18-Jährige gewählt, als Einzige im Ort außer dem zugezogenen Lehrer-Ehepaar“, sagt Elisabeth Birkmeir. Jetzt tendiere sie aber zu den Linken, weil die Grünen ihr „zu wenig Arsch in der Hose hätten“. Als sie das der Grünen-Besuchergruppe gesagt habe, da habe die es bald eilig gehabt, wieder abzufahren.

06:00 06.03.2019
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