"Die AfD ist noch gefährlicher als die NPD"

Mecklenburg-Vorpommern Mit der Kampagne "Noch nicht komplett im Arsch" wehrt sich die Band Feine Sahne Fischfilet gegen den Rechtsruck in ihrer Heimat. Das wirkt, sagt Mitglied Christoph Sell
"Die AfD ist noch gefährlicher als die NPD"
"Wir verlassen uns nicht auf Parteien, sondern auf die coolen Leute aus MV."
imago/Manngold

der Freitag: Herr Sell, gehen Sie am kommenden Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern wählen?

Christoph Sell: Ja, ich gehe wählen. Aber nur aus dem Grund, dass hier in Mecklenburg-Vorpommern die rechten Parteien so stark sind, gerade mit der neu hinzugekommenen AfD. Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, jetzt werden die auch hier 20 Prozent oder mehr kriegen. Vielleicht verpasst die NPD den Wiedereinzug in den Landtag knapp. Auf jeden Fall zählt da jede Stimme, die irgendwo landet, wo es für mich o.k. ist. Ich wähle das geringere Übel, so habe ich das schon immer gemacht. Ich gehe da hier in MV recht pragmatisch ran. Ich wähle gegen die rechten Parteien. Ich mache das nicht aus ideellen Gründen, weil mir etwa eine Partei krass zusagt. Ich sehe mich als Basisdemokrat. Mir ist es total wichtig, dass die Leute alle mitentscheiden können. Und ich habe bei der parlamentarischen Demokratie oft das Problem, dass viele nicht wirklich vertreten werden. Dementsprechend habe ich da eine Grundkritik an diesem, wie ich finde, schwachen Parlamentarismus. Da gibt es bessere demokratische Wellen.

Der Verfassungsschutz von MV hat Ihrer Band einst "die grundlegende Ablehnung des Staates einschließlich seiner freiheitlichen demokratischen Grundwerte" attestiert.

Wir sind eine Mitt-Zwanziger-Punkband in MV. Da geht es natürlich auch im Polizeigewalt oder staatliche Willkür, um junge Leute, die Stress mit Bullen und Nazis haben, um eine Subkultur und auch um Aufruhr. Wir sind einer der wenigen Zusammenhänge, die in MV so klar und deutlich etwas gegen rechts unternehmen. Da erweckt man relativ schnell die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes, weil die ohnehin nicht so viel zu tun haben mit dem, was so alles links in der Gesellschaft steht. Da kann man uns ganz gut Sachen unterstellen, die uns dann aber relativ wurscht sind, weil wir sagen: Das ist so eine rechte Behörde, die freut sich sowieso, wenn sie uns ins Fadenkreuz nehmen kann. Der Verfassungsschutz hat den NSU mit aufgebaut, von denen erwarten wir nichts. Die sollen uns in ihren Berichten aufführen oder nicht. Die Behörde ist das Problem und nicht wir. Insofern gehe ich relativ gelassen ran, wenn mir da eine anti-staatliche Haltung unterstellt wird. Wir sind alle sehr demokratisch in der Band und kritisieren es, wenn die Demokratie schwach ist oder der Staat ungerecht zu gewissen Teilen der Gesellschaft.

Sie ziehen seit Wochen mit Konzerten und Lesungen über das Land, um "gegen den Rechtsruck zusammenzuhalten". Kam das spontan zustande?

Wir haben schon recht früh gesagt, wir wollen auf jeden Fall im Vorfeld der Landtagswahlen etwas machen, weil klar ist, dass die AfD auch hier einziehen wird. Weil sowieso schon eine rechte Stimmung herrscht, die im Wahlkampf noch krasser wird. Allgemein ist das hier zu den Landtagswahlen immer sehr doll, was die NPD macht, wie sie in den Städten ein Klima der Angst schafft und alternative Leute einschüchtert. Also haben wir uns relativ zeitig daran gemacht, mit den coolen Leuten in MV etwas aufzuziehen, eine Kampagne zu machen, uns dabei auf die Kultur zu konzentrieren und zu zeigen: Es gibt noch geile Leute in MV, auch wenn das alles doof wird mit den Wahlen. Das war gar nicht von Grund auf so groß geplant. Wir hatten ein paar Ideen, haben ein paar Veranstaltungen geplant, dann kamen mehr und mehr dazu, und dann wurde das letztendlich während der Kampagne so eine große Sache.

Sie haben innerhalb von 24 Stunden 2.000 Leute zu einem Punkkonzert zusammengetrommelt – in Anklam.

Das war ein überwältigender Tag. Anklam ist eine ganz kleine Stadt in der Nähe von Greifswald in Vorpommern, die ganz klar auch dafür steht, dass sie ein Naziproblem hat. Da gibt es viel Infrastruktur von der NPD, die hat dort ihre Zentrale, es gibt einen Neonazi-Laden, sogar einen nationalen Pflegedienst. Die Nazis sind da gesellschaftlich sehr verankert. Es gibt aber da auch Leute, die andere Sachen machen wollen. Es gibt den Demokratiebahnhof, mit denen wollten wir eine Veranstaltung machen. Der Autor Patrick Gensing hat zur rechten Hetze im Internet referiert, und über Umwege kam es dann noch zu Auftritten von Campino und dem Rapper Marteria aus Rostock. Dann haben wir das kurzfristig angekündigt und es wurde ein unvergesslicher, friedlicher, entspannter Tag mit 2.000 Leuten. Ich glaube, wir haben vielen Leuten in Anklam damit geholfen und ein tolles Zeichen gesetzt. Am Ende kam das im Nachtmagazin der Tagesschau. Wir konnten den Neonazis damit ganz gut zusetzen, weil genau auf dieser kulturellen Ebene, da trifft man sie. Wenn du ihnen mit Gewalt begegnest, ist das genau die Sprache, die sie sprechen. Aber wenn du ihnen auf kultureller Ebene entgegentrittst und sagst: Ey, wir sind heute in eurer Stadt, die ihr sonst mit Angst und Schrecken widerlich macht, heute sind wir da und machen die Stadt geil, dann ist das spürbar.

Es gab Berichte über Drohungen und Gewalt gegen die Kampagne.

Die Nazis waren nie direkt an den Orten, wenn wir dort waren. Aber sie waren entweder davor oder danach dort. In Burg Stargard gab es einen Anschlag mit Buttersäure vor der Tür der Gaststätte, in der wir eine Kochsession mit einem befreundeten Koch angekündigt hatten. Das war letztendlich nicht ganz so schlimm, wir konnten die Veranstaltung durchführen. In Greifswald, zum Auftakt der Kampagne, haben wir mit Zugezogen Maskulin, einer Hip-Hop-Combo aus Berlin, ein Open-Air-Konzert in einem Jugendzentrum mit 500 Leuten gemacht. In der Nacht darauf wurde das Auto eines Lokalpolitikers, der damit als Lautsprecherwagen oft antirassistische Kundgebungen unterstützt, angezündet und relativ großflächig zerstört. Das sind natürlich Sachen, die machen sich bemerkbar und begleiten das Ganze, immer wieder. Aber die Veranstaltungen und das, was daraus entstanden ist, das alles war viel stärker.

Wie sehr haben Sie sich über das Lob von SPD-Bundesjustizminister Heiko Maas gefreut?

(lacht) Ich muss sagen, ich fand es witzig, weil wir ganz klar sagen: Ey, jemanden wie Heiko Maas von der SPD kümmert sich wie die CDU auch einen Dreck um die ländlichen Gegenden, gerade in MV. Da sagen wir: Dein Lob kannste behalten. Wir sind radikal gegen einen Schulterschluss mit Leuten von der SPD, weil das die sind, die den Leuten auf dem Dorf den Rücken zukehren. Die können sich gern darin sonnen, aber wir haben auf eine Verbrüderung mit Heiko Maas null Bock. Er hat da nicht viel zu melden. Das ist unsere Aktion, wir kämpfen gegen NPD, AfD und ihre rechte Hetze. Wir verlassen uns dabei nicht auf Parteien, sondern auf die coolen Leute aus MV. Wenn die kommen und sagen, gut, dass ihr das macht, dann freut uns das.

Ich war vergangenen Freitag in Anklam bei einer AfD-Veranstaltung mit Frauke Petry, da hat Ihre Band eine prominente Rolle gespielt: "linksradikale Verfassungsfeinde, die Straftaten auf dem Kerbholz haben und die Demokratie gefährden." Was ist an der AfD anders als an der NPD in MV?

Die AfD versucht, den Rassismus aus der Mitte abzuholen. Sie ist eine Partei, die eher nicht von rechtsaußen auf diese plumpe, gewalttätige Art agiert, wie die NPD mit ihrer Nähe zum Nationalsozialismus. Sondern sie holt die Ängste der Leute ab, auf eine vermeintlich verträgliche Art und Weise. Darum sind die ja so gefährlich. Die machen das gerade hier in MV eher auf die Biedermeier-Tour. So sind sie ja auch, etablierte Leute: Professoren, Ärzte, Juristen. Das ist das Gefährliche, dass sie aus der Mitte der Gesellschaft kommen, rechts sind und die Leute damit aufheizen, dabei aber als ganz normale Partei wirken. Deswegen ist für mich die AfD noch gefährlicher als die NPD. Bei der NPD wissen alle, was da abgeht. In einer Woche ist die Wahl vorbei und dann freut man sich, dass diese ganzen rassistischen Plakate nicht mehr hängen. Aber dann geht's erst richtig los, dann sitzt die AfD mit 20 Prozent im Landtag, die Nazis fliegen vielleicht raus und drehen wieder auf, weil sie denken: Jetzt ist es egal, jetzt fahren wir nochmal richtig die Gewaltschiene. Beide beflügeln sich dann gegenseitig.

"Wir bilden Ketten, so lange es brennt" ist eine Strophe Ihrer Band. Wie stark sind die Ketten, wenn am Sonntag das Feuer erst so richtig auflodert?

Ich glaube, dass wir mehr bewirkt haben, als wir uns erhofft hatten. Wir konnten noch ganz viele Leute aktivieren, haben ganz viel Zuspruch erfahren, konnten mit vielen Menschen tolle kulturelle Veranstaltungen auf dem Land machen, in den letzten Dörfern. Wir waren in Gessin, da gibt es 65 Einwohner, hatten da ein kleines Unplugged-Konzert mit einem befreundeten Musiker. Es gibt so viele Sachen, die so toll gefruchtet haben, wo man gemerkt hat: Ey, die Stimmung ist bundesweit – und hier besonders – scheiße, aber es gibt auch richtig geile Leute, die aktiv sind. Und es lohnt sich, hier zu bleiben, hier Alternativen aufzuzeigen und auch auf dem Dorf zu sehen, hier ist nicht nur alles braun. Die Ketten sind dadurch erst entstanden und zusammengewachsen. Ich glaube, nach der Kampagne wird es weitergehen damit. Wir haben hier einen wichtigen Grundstein gelegt.

Die Abwanderung der Jungen aus MV ist zentrales Thema in Ihren Liedern. Jetzt aber begegnet es einem bei jeder AfD-Veranstaltung, die Partei punktet damit.

Es ist ein ganz klarer Fakt: In MV gibt es außer der schönen Landschaft wenige Gründe zu bleiben. Junge Leute, die Bock haben, noch die Welt zu sehen oder irgendwas zu erreichen, die gehen höchstwahrscheinlich woanders hin, das kennen wir aus dem persönlichen Kreis. Das ist aber gar nicht so schlimm, sondern relativ normal, dass jeder selbst entscheidet, wo er hin geht. Aber, klar, nur wenige coole Leute bleiben. Die AfD sagt, wir wollen die Leute hier halten, die Wirtschaft wieder stärken. Das kommt bei ein paar jungen Rechten, aber gerade auch bei Mittelständlern und Älteren gut an. Da holen sie die Leute ab, das machen sie schon clever. Wir sagen, jeder soll frei entscheiden, aber es ist geil, wenn Leute hier bleiben und etwas machen. Wir versuchen das Ding von der anderen Seite aufzuziehen. Es gibt hier coole Leute, coole kleine Städte, wo man geilen Shit initiieren kann – man kann verdammt viel selbst aufziehen. Ich bin niemand, der sagt, alle müssen hierbleiben und alle, die weggehen, sind doof. Das ist ganz normal, das ist diese scheiß Realität, in der wir hier leben.

Ihre Bandmitglieder kommen aus Wismar, Demmin, Loitz, Rostock, Greifswald. Warum sind Sie geblieben?

Weil wir daran glauben, dass es hier auch geilen Shit gibt, weil wir hier Familie und Freunde haben und uns hier was aufgebaut haben. Man hat dann hier auch ein Studium oder einen Job, und letztendlich passt das dann für uns. Aber es gibt auch jemanden unter uns, der gerade in Berlin wohnt, das ist auch in Ordnung. Aus dem Hierbleiben schöpfen wir aber auch viel Kraft, gerade im Sommer kann man viele Dinge auf die Beine stellen. Aber wir wollen doch alle mal die Welt sehen, mal hier rauskommen und MV ist ein verdammtes Dorf. Und da will man irgendwann auch mal woanders hin, das macht doch vollkommen Sinn. Natürlich wäre es aber zugleich cool, gäbe es mehr Möglichkeiten für die Leute zu sagen, es macht Sinn, hierzubleiben.

Auch nach Mecklenburg-Vorpommern sind in letzter Zeit viele Geflüchtete gekommen. Wie verändert das das Bundesland, gerade im ländlichen Raum?

Die Veränderung kommt gerade langsam, und es ist schön, sie zu sehen. Der Zuzug tut gerade kleinen Städten wie Bützow oder Parchim total gut. Einerseits finde ich es total beschissen, wenn Menschen zwangsweise in große, gänzlich abgeschiedene Heime geschickt werden, wo nicht viel ist. Das ist staatlicher Rassismus. Aber auf der anderen Seite ist es auch geil, dass ich in Bützow am Bahnhof nicht nur Nazis sehe, sondern viele verschiedene Leute, Geflüchtete aus anderen Ländern. Die Willkommensinitiativen versuchen da viel mit den Leuten zu reißen. Man sieht es auch in Greifswald, bei Partys: Das is nicht mehr so ne Kartoffelparty wie das sonst war die letzten Jahre. Natürlich gibt es das ganze rechte Pack, das sagt: Ganz schlimm alles, Deutschland schafft sich ab und so ne Scheiße – was natürlich total dumm ist, und wo ich dann sage: Ja, soll sich Deutschland halt abschaffen, ist mir egal. Ich finde geil, was hier passiert, das tut gerade MV total gut, weil hier viel zu wenig kulturelle Vielfalt war. Im Westen, in Berlin, in Hamburg, da kommt dir die Vielfalt des Lebens gleich entgegengeströmt. Und hier war das Einöde, das ändert sich langsam. Meiner Meinung nach sind noch viel zu wenige Geflüchtete hier. Außerdem sind die Leute ja nicht aus Jux hergekommen, sondern weil andernorts Krieg herrscht und diese Welt so scheiße ist, wie sie ist. Diesen Reichtum, den wir hier haben, will ich mit Leuten teilen.

An diesem Samstag steigt das Finale von "Noch nicht komplett im Arsch", beim Open-Air in Jarmen. Wie viele kommen?

2.000 Leute kommen, vielleicht auch ein paar mehr. An diesem Donnerstag geht's los mit Aufbau und allem möglichem Kram, es kommen alle möglichen Freunde vorbei – auch aus Berlin, Hamburg, Süddeutschland, der Schweiz und natürlich aus ganz MV. Ich freue mich einfach darauf, mit den Leuten zu sagen: Ey, wir haben jetzt hier einen Monat lang geilen Scheiß gemacht und mit tollen Veranstaltungen dieser rechten Hetze etwas entgegengesetzt. Das war und ist eine riesige Krafttankstelle.

Christoph Sell ist E-Gitarrist und Sänger der sechsköpigen Band Feine Sahne Fischfilet

06:00 01.09.2016

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