Drang nach draußen

Frischluft Überall Streit und Feindschaft! Aber auf einen Ort können sich noch alle Milieus einigen
Sebastian Puschner | Ausgabe 31/2016 3
Drang nach draußen
Avantgarde-Cornerer Ende des 19. Jahrhunderts
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Für ihren jüngsten Aufschrei haben Deutschlands Gastronomen einen mächtigen Verstärker gefunden: die Deutsche Presse-Agentur. Essen und Trinken „to go“ machen Restaurants und Kneipen das Geschäft kaputt, so klang das gerade in vielen Medien verbreitete Klagelied der Branche – das dabei einer noch in jedem Sommer vermeldeten Entdeckung zumindest einen gänzlich neuen Dreh gab: „Häufig sind es junge Leute, die sich ihr Bier statt in einer Bar in einem Kiosk holen, um sich damit auf den Bürgersteig zu setzen“, war im dpa-Text zu lesen. „Cornern“ sei der Name dieses Jugendphänomens – mit „besonders viel Zulauf in Berlin, Hamburg, Stuttgart, Köln oder Düsseldorf“.

In Vorjahren haben es Redaktionen meist ihren Nachwuchskräften Mitte 20 überlassen, der Leserschaft die Motive nahezubringen, die diese Generation dazu verleiten, mit Getränken aus dem Spätkauf „an der Straßenecke abzuhängen“. Meist berichteten die Autorinnen dabei aus eigener Erfahrung und ließen sowohl die journalistische Distanz als auch die Umsatzeinbußen für die Wirte unter den Tisch fallen.

Allein, die Drohgebärde wird ihre intendierte Wirkung verfehlen. Denn dort, wo Bier und Eistee so vielen am besten schmecken, liegt der potenzielle Ort für Verständigung an allen inzwischen so offensichtlichen Bruchstellen: Jung und Alt, Stadt und Land, konservativ und progressiv – zur frischen Luft unter freiem Himmel hat noch ausnahmslos jede und jeder einen positiven Bezug.

Warum hält sich Das geheime Leben der Bäume des Försters Peter Wohlleben aus der Eifel seit einem Jahr ganz oben in den Sachbuch-Bestsellerlisten? Wegen der gratis gereinigten Luft, die jetzt, da endlich alle Bundesländer Ferien haben, Schüler, Großeltern und Studentinnen in Scharen in die Wälder lockt. Warum sonst treffen in Schrebergartenkolonien heute Rentner, Familien und Postwachstumsaktivisten aufeinander? Weil das Rascheln der Kirschbaumblätter im Sommerwind die Vorfreude auf die eigene Ernte noch mal steigert, ob nun mit oder ohne Flagge im Garten.

Warum war die Bewegung an der frischen Luft in der Debatte um Pokémon Go noch das am ehesten einleuchtende Argument? Weil es schlicht nicht zu widerlegen ist. Wenngleich der in München jüngst vor dem Polizeipräsidium so vertieft Pokémons jagende Kiffer, den Beamte dann wegen seines Joints festnahmen, wohl die Überdosis an Frischluft nicht vertragen hat. Aber um den Drang nach draußen zu entfachen, braucht es hierzulande nicht erst eine digitale Schnitzeljagd im App-Store: Dem Satz „Für mich ist es wichtig, immer und überall erreichbar zu sein“ stimmten in Deutschland nur 16 Prozent der kürzlich vom Marktforschungsinstitut GfK Befragten zu, im internationalen Durchschnitt waren es 42 Prozent, 56 in Russland und China.

Vielleicht also ist der Grund für das hiesige Scheitern bisheriger Versuche einer Repolitisierung à la Occupy oder Nuit Debout ein topografischer: Zwar sind zentrale Plätze in den Städten vielfrequentiert. Oft sind es aber eben doch nur Touristen, die begeistert von Protestzelten und Transparenten ihre Kameras zücken. Alle anderen sind längst unterwegs, eilen von Hochschule, Büro oder Jobcenter aus gen Peripherie: in den Wald, in den Schrebergarten. Oder eben zum Spätkauf in ihrem Kiez und weiter an die nächste Straßenecke. Wer von überall dort aus das System mit Frischluft versorgen und Wirten nicht in den Rücken fallen will, kann ein Bier ja mal aus der Kneipe mitnehmen.

06:00 05.08.2016

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