Helikopter am Horizont

Geld Ein Leitzins von null Prozent und noch mehr Spielgeld für die Märkte werden die Deflationsgefahr kaum bannen. Da adelt der EZB-Präsident schonmal eine verblüffende Idee
Helikopter am Horizont
Für deutsche Ökonomen eher nicht ansteckend: Mario Draghis Lächeln

Daniel Roland/AFP/Getty Images

Es könnte in diesen Tagen so schön sein als Linker, oder wahlweise, als Person mit heterodoxem Blick auf die Wirtschaftsgeschehen, als Kritiker des ökonomischen Mainstreams in Deutschland. Letzterer hat in Bundesbank-Präsident Jens Weidmann einen seiner aufrechtesten Vertreter: Weidmann opponiert gegen die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die am Donnerstag dieser Woche einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Doch er gehört zu einer Minderheit im EZB-Rat und kann den Kurs des EZB-Präsidenten Mario Draghi nicht aufhalten. Nirgendwo sonst kämpfen die Vertreter der wirtschaftspolitischen Positionen, die in Deutschland die Mehrheit und international die Minderheit abbilden, auf so vergeblichem Posten wie in der Geldpolitik.

„Die EZB scheint am Ende ihres Lateins angekommen“, kritisiert der als Präsident des ifo-Instituts bald scheidende Hans-Werner Sinn die neuerliche Ausweitung des ultralockeren EZB-Kurses. Wenn eine Privatbank sich nun bei der EZB Geld leiht, dann muss sie dafür genau null Prozent Zinsen zahlen. Ein Leitzins von null Prozent, das hat es in Europa noch nicht gegeben. Außerdem weitet die EZB ihr Aufkaufprogramm für Anleihen weiter aus, von April an wird sie die Finanzmärkte mit 80 statt bisher 60 Milliarden Euro monatlich fluten. Und Privatbanken, die Geld bei der EZB parken wollen, müssen dafür 0,4 statt wie bisher 0,3 Prozent Zinsen bezahlen. „Strafzinsen“ nennen das die Kritiker, „negative Einlagenzinsen“ die neutralen ebenso wie die Draghi gewogenen Beobachter.

Doch die Zeiten sind nicht schön, auch wenn sie etwa von Portugals neuer Mitte-Links-Regierung mit ihrem Versuch, sich vom Spardiktat aus Brüssel ein wenig zu lösen, etwas den Druck nimmt: Durch Draghis Bekäftigung seiner am 26. Juli 2012 ausgesprochenen Worte („Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro.“) an diesem Donnerstag, sanken die Renditen auf portugiesische Anleihen. Dadurch hängt das Damoklesschwert, den eigenen Staat, den die Regierung etwas weniger kaputtsparen will, aufgrund unmöglicher Konditionen an den Märkten nicht mehr finanzieren und sich deshalb in die mit einem neuen sogenannten Rettungsprogramm verbundene Obhut Brüssels und Berlins begeben zu müssen, etwas höher.

Doch wer glaubt an eine durchschlagende Wirkung der neuerlichen Maßnahmen aus der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main? Wer wagt zu hoffen, nun würden die Kredite von den Privatbanken an die Realwirtschaft fließen, die sich dadurch zu plötzlichen, umfangreichen Investitionen imstande sieht, Arbeitsplätze für die EU-weit rund 22 Millionen arbeitslosen Menschen schafft und das von der EZB für den Euro-Raum 2016 auf 1,4 Prozent prognostizierte Wachstum zu übertreffen hilft? Zustimmen kann man Draghi wohl nur hinsichtlich seiner Aussage, ohne seinen geldpolitischen Kurs der vergangenen Jahre wäre alles noch viel schlimmer und eine desaströse Deflation längst Realität. Eine einigermaßen eingehegte Krise, das ist der Normalzustand in Europa – und deren Eskalation die wahrscheinlichere Aussicht denn ein Ausweg hin zu Stabilität, Prosperität und Zukunftsoptimismus als Status quo.

Die Weltwirtschaft erlebt fragile Zeiten, einst boomende Schwellenländer wie Brasilien taumeln ebenso wie Europas Banken bar jeder Ahnung, wie ein nachhaltiges Geschäftsmodell für die Zukunft aussehen könnte, China arrangiert sich mit seinen Grenzen des Wachstums und braucht deshalb weniger Importe etwa aus Deutschland. Stimmen wie die des US-Ökonomen Robert Gordon werden lauter: Die volkswirtschaftlichen Wachstumsraten seit Beginn der industriellen Revolution seien ein historischer Ausnahmefall, ein Arrangement mit dem, was ist, sei zu empfehlen.

Doch dann glimmt ein kleiner, neuer Hoffnungsschimmer in dieser bedrückenden Lage auf: Helicopter Money, von Mario Draghi am Donnerstag als „interessantes Konzept“ geadelt. Die Idee: Geldfluten aus der Zentralbank gehen nicht mehr an die Finanzmärkte, wo sie statt produktiver, realer Investitionen die Gefahr für Börsen- oder Immobilienblasen steigern, sondern direkt an die, die Geld ausgeben und damit die Nachfrage verstärken: Bürger, Konsumenten, kleine und mittlere Unternehmen, Kommunen etwa.

Es scheint, als sei Europas nächster geldpolitischer Höhepunkt näher als jede und jeder bisher sich vorzustellen imstande war. Für den ökonomischen Mainstream in Deutschland wären Helikotper voller Geld zum Abwurf, die die Zentralbank aufsteigen lässt, fraglos ein neuer Tiefpunkt.

11:59 11.03.2016

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