Kein Witz

Betrug Die Skandalgeschichte von VW könnte doch noch glücklich enden. Will der Autokonzern zukünftig eine Rolle spielen, ist ein gewaltiger Bruch mit der Vergangenheit notwendig
Ausgabe 42/2015
Ein gewaltiger Bruch mit der Vergangenheit ist notwendig
Ein gewaltiger Bruch mit der Vergangenheit ist notwendig

Bild: Carsten Koall/Getty

Leonardo di Caprio sollte noch etwas warten. Der Hollywoodstar will den VW-Skandal verfilmen. Doch in der Angelegenheit ist das Ende der Fahnenstange längst nicht erreicht. Für das Drehbuch werden noch einige wertvolle Episoden hinzukommen. Denn die Manipulation war von einer so ausgereiften Systematik, dass sich die Mär von wenigen verantwortlichen Entwicklern nicht mehr lange halten wird. Verschiedene Spielarten der Betrugssoftware gab es für die Einspritztechnik AdBlue, für Modelle mit Speicherkatalysatoren und für die von Land zu Land unterschiedlichen Varianten der Abgastests. Mag der Vorstand all das nicht explizit in Auftrag gegeben haben: Dass sich der Dieselantrieb nicht von allein als Zukunftshoffnung halten lässt, dürfte längst stillschweigender Common Sense gewesen sein.

Weh tut dies, weil kein Unternehmen einer Wirtschaftsdemokratie so nahe kommt wie VW: Arbeitnehmer und Staat sind in einem Maße an Erträgen und Kontrolle beteiligt wie nirgendwo sonst. Fast 300.000 Jobs und viele Zulieferer sind hierzulande von diesem Modell abhängig. Das kollektive Versagen der Autoindustrie, der Politik und der Gewerkschaften beim Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Mobilität findet bei VW seinen prägnantesten Ausdruck.

Wenn nun angesichts drohender Kosten von 40 Milliarden Euro die SPD die VW-Leiharbeiter durch die Ausdehnung der Kurzarbeitsregelung schützen will, dann ist das richtig – da mag man über Rettungsschirme für Großkonzerne noch so erbost sein. Es gilt, den Beschäftigten zu helfen. Richtig ist es auch, wenn VW nun seine Marketingausgaben senken, das Luxusmodell Phaeton höchstens noch in Elektroversion produzieren und Boni wie Ergebnisbeteiligung reduzieren will. Doch für die Existenzsicherung wird das nicht reichen. Dass nun ausgerechnet Matthias Müller an der Konzernspitze den notwendigen Kulturwandel vorantreiben soll, ist vielmehr ein schlechter Witz. Seine Berufung steht dafür so sinnbildlich wie die Übernahme des Aufsichtsrats durch Hans Dieter Pötsch. Beide entstammen der alten Führungsgarde. Ein Vorstandsmitglied wie Pötsch ohne Karrenzzeit direkt zum Aufseher zu machen – das ist schon ohne Abgasbetrug ein Skandal.

Will VW auf dem Mobilitätsmarkt der Zukunft noch eine Rolle spielen, dann ist ein gewaltiger Bruch mit der Vergangenheit notwendig. Warum sollte nicht der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, künftig im Aufsichtsrat sitzen? Der sprach schon 2007 über den Abgasbetrug und dessen fatale Folgen für Umwelt, Gesellschaft und VW selbst. Warum tauschen die Arbeitnehmer nicht ihre mitverantwortlichen Vertreter aus? Dabei könnten sie sich gleich an die Erfüllung der Frauenquote machen – im Gegensatz zur Arbeitgeberseite verfehlen sie die nämlich bisher. Und warum ist Alexander Dobrindt eigentlich noch Verkehrsminister? Er wurde nachweislich über die Schummelei bei VW informiert, wehrt sich in Brüssel aber nach wie vor gegen Abgastests auf der Straße.

Der US-Umweltaktivist Bill McKibben hat kürzlich auf die Parallelen zwischen Öl-abhängigen Firmen und Tabakindustrie hingewiesen. Auch letztere wehrte sich lange mit Betrug, gefälschter Forschung und Bestechung gegen die Enthüllung der tödlichen Folgen ihrer Produkte. Doch die Gegenöffentlichkeit hat gewonnen: Rauchen tötet, das weiß heute jedes Kind, die Absatzzahlen der Konzerne sind massiv gesunken. Im Gegensatz zur Zigarette gibt es beim Auto Alternativen, die die Gesundheit schonen.

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Geschrieben von

Sebastian Puschner

stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter Politik

Sebastian Puschner studierte Politik-, Verwaltungswissenschaften und Philosophie in Potsdam und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München zum Redakteur ausgebildet. Bei der taz arbeitete er als Redakteur im Berlin-Ressort. 2014 wechselte Sebastian Puschner zum Freitag, wo er den monatlichen Wirtschaftsteil mit aufbaute. Seit 2017 ist er verantwortlicher Redakteur für Politik, seit 2020 stellvertretender Chefredakteur. Er interessiert sich besonders für Politik und Ökonomie von Hartz IV bis Cum-Ex sowie für Fragen zu Geopolitik, Krieg und Frieden.

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