Märchenstunde in Magdeburg

Gewerkschaft Ein Betriebsrat setzt sich für Leiharbeiter beim Windanlagenhersteller Enercon ein. Deshalb muss er jetzt um seinen Job kämpfen
Sebastian Puschner | Ausgabe 52/2014 9
Märchenstunde in Magdeburg
Enercon will hoch hinaus. Beim Umgang mit Gewerkschaft ist das Unternehmen aber in der Vorzeit stehengeblieben
Foto: Paul Langrock/Zenit/Laif

Nils-Holger Böttger muss an diesem Tag noch zum Zahnarzt. Da muss er zurzeit des Öfteren hin: Die Wurzelbehandlung ist langwierig, aber sie ließ sich nicht weiter aufschieben, und wenn er heute wieder in die Praxis tritt, dann sind die Fragen der Sprechstundenhilfe wie jedes Mal gewiss: Wie läuft es mit dem Gerichtsverfahren? Kann er seinen Job als Elektriker und Betriebsrat beim Windradhersteller Enercon behalten? Oder droht ihm doch der Rausschmiss?

Böttger, 35 Jahre alt und dreifacher Vater, lebt in Magdeburg, und seine Geschichte kennen dort inzwischen sehr viele Menschen; sie fragen ihn beim Zahnarzt danach oder unterschreiben auf dem Weihnachtsmarkt Solidaritätserklärungen. Wer in der Stadt dieser Tage ins Kino geht, der sieht den 1,88 Meter großen Mann im Werbeblock auf der Leinwand. Die IG Metall hat einen Spot mit ihm geschaltet, dessen Botschaft lautet: „Betroffen ist einer, gemeint sind alle.“

Derselbe Satz steht auf den Postern und T-Shirts, die sich im Büro der Gewerkschaft stapeln, es liegt im Obergeschoss eines Einkaufzentrums am Hauptbahnhof. Während draußen ein kalter Dezemberwind über den Vorplatz weht, sitzt Böttger mit seinen verstrubbelten kurzen Haaren und dem dunkelblonden Bart ums Kinn drinnen. Er soll erzählen, wovon er betroffen ist und warum.„Ich habe ein Märchen geschrieben“, sagt er. „Deshalb soll ich jetzt mundtot gemacht werden.“

Das Märchen, das Böttger an die Belegschaft seiner Firma verschickt hatte, handelt von einer Leiharbeitsfirma, die von ihren Mitarbeitern verlangte, dass sie am Wochenende eine Schulung besuchten, ohne dafür Lohn und Reisekosten bezahlt zu bekommen. Von einer Firma, an die diese Arbeiter verliehen waren und in der es seit kurzer Zeit einen Betriebsrat gab, den auch die Leiharbeiter mitgewählt hatten und bei dem sie wegen der unbezahlten Schulung nachfragten.

Ermahnung statt Abmahnung

Dann erzählte das Märchen, wie der Vorsitzende des Betriebsrats erst vergeblich seinen eigenen Arbeitgeber und dann die Leiharbeitsfirma darauf hinwies, dass solch eine Schulung nach geltendem Recht Arbeitszeit sei und deshalb bezahlt werden müsse, ebenso wie die Reisekosten. Wie der Betriebsratsvorsitzende daraufhin eine schriftliche Ermahnung von seinem Arbeitgeber kassierte, einschließlich der Drohung, er könnte seinen Posten verlieren, wenn so etwas wieder vorkommen würde. Nur: Das Märchen war kein Märchen, es beruhte auf eigenen Erlebnissen. Böttger war der besagte Betriebsrat, und kurz bevor er die Geschichte verschickt hatte, da hatte er gerade die Ermahnung erhalten, die nicht Abmahnung heißen darf, weil Betriebsräte nicht abgemahnt werden können. Drei Wochen später wurde Böttger ins Büro seines Geschäftsführer gebeten, der ihm in weniger als fünf Minuten mitteilte, dass er gekündigt werden soll. „Die wollen mich rausschmeißen, weil ich hier meinen Job mache“, sagt er.

Ein Betriebsratsmitglied kann nicht gekündigt werden, zumindest nicht ohne Zustimmung des Betriebsrats. Und der widersprach dem Rausschmiss einstimmig. Jetzt liegt die Sache beim Arbeitsgericht: Es geht um die Frage, ob Böttgers Märchen vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt oder eine „massive Überschreitung seiner Kompetenzen und seines Zuständigkeitsbereichs“ ist, wie ein Enercon-Sprecher auf Anfrage erklärt. Die Güteverhandlung ist gescheitert, am 21. Januar fällt das Urteil.

„Wer verliert, der wird in die nächste Instanz gehen“, sagt Böttger. Aber zu verlieren, das hat er nicht vorgesehen: „Meine Erwartungshaltung ist eigentlich immer, dass eine Sache funktioniert.“

Das war auch so, als die IG Metall vergangenes Jahr zum ersten Mal vor dem Werkstor seiner Firma stand und ihm und seinen Kollegen erklärte, warum es für sie gut wäre, einen Betriebsrat zu gründen. „Ich dachte mir: Mitbestimmung ist gut, Betriebsräte sind gut, die Gewerkschaft hält uns den Rücken frei und steht gerade vor vielen anderen Werkstoren, damit Enercon nicht eine Tochterfirma rausgreifen und wegen der Betriebsratsgründung dichtmachen kann. Das klingt nach einem klugen Konzept, da bin ich dabei.“ Und Böttger fielen gute Gründe für mehr Mitbestimmung ein: viele Leiharbeiter, für die eine unbefristete Festanstellung ein Traum bleibt. Ein zu starres Vergütungssystem ohne große Aufstiegsmöglichkeiten und ein zunehmender Hang des Arbeitgebers, die Angestellten über ein Computersystem genau zu kontrollieren. Eine diffuse Angst der Kollegen vor allem, was mit Gewerkschaften zu tun hat. Und ein Mitarbeiter, der am Telefon gar nicht erst über Betriebsratsarbeit sprechen wollte – weil er es für möglich hielt, dass der Arbeitgeber alle Diensttelefone abhört.

Dass Enercon und dessen Gründer Aloys Wobben die Idee von Gewerkschaften und Mitbestimmung nicht besonders schätzen, das wussten die Angestellten schon, bevor Böttger 2009 bei der Enercon-Tochter WEA Service Ost GmbH anheuerte. Mitarbeiter seien strafversetzt oder entlassen worden, weil sie Betriebsräte gründen wollten, war in der Belegschaft zu hören. Enercon bestreitet das bis heute. Dem Unternehmen seien keine Fälle bekannt, „in denen Betriebsräte oder gewerkschaftlich aktive Beschäftigte unter Druck gesetzt worden wären“, sagt ein Sprecher.

So wie es aussieht, könnte Enercon in der Zukunftsbranche Windenergie 2014 einen Rekord an neu in Deutschland errichteten Anlagen aufstellen. Beim Umgang mit Gewerkschaften scheint das Unternehmen dagegen in grauer Vorzeit stehen geblieben – so sehen es die Gewerkschafter.

Damals wusste Böttger von alldem nichts, er kam von einem kleinen Handwerksbetrieb, freute sich über 12,50 Euro statt 8,50 Euro Stundenlohn und war abends zu Hause statt wie zuvor immer auf Montage.

Die Realität der Energiewende

Also stieg er in die Türme der Windkraftanlagen zwischen Magdeburg und Frankfurt an der Oder, zwischen der Altmark und Halle an der Saale, und sorgte mit dafür, dass die Energiewende Realität wurde. Böttger wartete die Anlagen, suchte nach Fehlern und baute Ersatzteile ein. Wer sich von Enercon Windräder bauen lässt, dem garantiert das Unternehmen für bis zu 15 Jahre Instandhaltung und Reparatur; der gute Service ist einer der Hauptgründe dafür, dass Enercon mit seinen 13.000 Beschäftigten weltweit zu den Branchengrößen zählt. Knapp die Hälfte der 2013 auf dem deutschen Festland installierten Windkraftleistung stammt von dem Konzern mit Stammsitz in Aurich in Ostfriesland; auf dem Weltmarkt gehört er zu den Top Drei.

Enercon ist heuer 30 Jahre alt geworden. Eine Jubiläumsfeier für Böttger und seine Kollegen gab es nicht.

Aber als die den Wahlvorstand für ihre Betriebsratswahl in einem Magdeburger Kulturzentrum bestimmen wollten, da kamen Geschäftsführer und Betriebsleiter, um sich neben der Eingangstür aufzubauen, Sonnenbrillen und ein Grinsen im Gesicht. An der Wand des Gewerkschaftsbüros hängt heute ein Foto der Szene.

50 Meter vom Eingang entfernt standen die Arbeiter in kleinen Grüppchen, erzählt Böttger, die Tür ging auf und eine Helferin in rosa IG-Metall-Leibchen winkte zum Eintreten. „Die Leute sind kurz vorgezuckt und dann stehen geblieben, man konnte die Gedanken lesen: Wagen wir das jetzt wirklich?“ Sie wagten es und gingen an ihren Chefs vorbei. Auf dem Foto sieht man, wie einer dabei das Gesicht in seine Kapuze zu hüllen versucht.

Böttger wurde zu einem der Wahlvorstände gewählt, wenig später zum Betriebsratsvorsitzenden; die IG Metall gewann sechs, die Arbeitgeber-nahe Liste drei Sitze. 75 Prozent betrug die Wahlbeteiligung. Bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt waren es 51,2 Prozent.

Nils-Holger Böttgers Zahnarzttermin rückt näher, er schaut auf dem Weg noch schnell zu Hause vorbei. Im Flur begrüßt ihn seine Partnerin, das drei Wochen alte Baby der beiden schläft im Tragerucksack.

Als sie vergangenen Herbst früher Feierabend machen wollte, um zur Gerichtsverhandlung ihres Mannes zu gehen, da musste sie darum gar nicht erst bitten. Für ihren Arbeitgeber war das selbstverständlich.

06:00 07.01.2015

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